Kindererziehung „Jaha, mach ich später“

Manchmal brauchen Kinder Zeit zum Träumen und Bummeln. Foto: Brian Jackson/Adobe Stock

Egal, ob es um Hausaufgaben, Zimmer aufräumen oder die Mithilfe im Haushalt geht: Was Eltern ziemlich häufig hören, sind Antworten wie „Jaha, gleich!“. Was tun, wenn Kinder ständig Aufgaben vor sich herschieben.

Stuttgart - Eltern wissen aus Erfahrung, dass „gleich“ und „später“ auch „morgen“ und „übermorgen“ bedeuten können – und im Zweifelsfall sogar „nie“. Stellen sie das Kind zur Rede, scheint es überzeugt von seiner Erklärung. „Ich habe doch noch Zeit!“, lautet sie meist. Und ältere Kinder behaupten gern „Ich bin jetzt nicht in der Stimmung“ oder „Auf den letzten Drücker arbeite ich einfach besser“.

 

Das kennen wir von uns selbst

Woher sie das wohl haben? Eltern tun gut daran, sich an die eigene Nase zu fassen. Schließlich verhalten auch wir Erwachsene uns oft nicht anders, wenn fiese Aufgaben wie ein unangenehmes Telefonat oder die Steuererklärung auf uns warten. Lieber schnell noch was machen, was gute Gefühle bereitet. Sogar Putzen erscheint plötzlich attraktiver.

„Eltern erwarten zu viel“

Was wir von uns selbst kennen, können wir bei Kindern oft schlecht ertragen. Schließlich sollen sie lernen, mit den Anforderungen des Lebens zurechtzukommen! „Doch Eltern erwarten oft zu viel“, weiß Wolfgang Scheid, Ergotherapeut in Kaiserslautern und Vorsitzender des Fachausausschusses Pädiatrie im Deutschen Verband der Ergotherapeuten. „Oft sind beide Elternteile berufstätig, das Kind ist in der Ganztagsbetreuung. Endlich zu Hause, am späten Nachmittag, soll es dann ohne Pause weitergehen“, berichtet er aus seiner Berufserfahrung. „Schnell die Hausaufgaben, damit noch Freizeit bleibt! Das Kind soll funktionieren.“ Aber Kinder seien keine Computer, sie brauchten Zeit zum Durchdenken, betont er. Und er erinnert an die Tagesform: „Jeder kennt das: An manchen Tagen kommt man nicht in die Gänge, an anderen dagegen hat man unfassbar viel Energie. So geht es auch Kindern.“

Grenzen der Aufschieberitis

Problematisch wird Aufschieberitis bei einem Kind dann, wenn es sich selbst schadet. Wenn es Aufgaben so lange vor sich herschiebt, bis sie nicht mehr gut oder sogar gar nicht mehr zu erledigen sind. Für Schüler kann das bedeuten: schlechte Noten und anhaltende Schulprobleme, die das Selbstwertgefühl stark in Mitleidenschaft ziehen. Ein Teufelskreis entsteht. Nun traut sich das Kind erst recht nicht mehr zu, zu schaffen, was verlangt wird. Gleichzeitig wird der Berg unerledigter Dinge immer höher. „Kritisch ist Aufschieberei dann, wenn sie in der Familie einen hohen Leidensdruck schafft“, erklärt Wolfgang Scheid. „Wenn Kampf und Streit das Familienklima vergiften. Wenn das Kind zum Beispiel ständig Bauchschmerzen oder die Mutter Kopfschmerzen hat.“ Dann brauche die Familie fachliche Hilfe.

Vielfältige Ursachen

Ursachenforschung ist in einem solchen Fall wichtig. „Eltern können sich selbst fragen: Ist meine Erwartungshaltung an das Kind zu hoch? Ist ein Machtkampf entstanden, den ich gewinnen möchte? Oder ist das Kind einfach überfordert?“, rät Wolfgang Scheid. Oft übersähen Eltern, dass das Kind gar nicht wisse, wie es Aufgaben angehen kann, welche Teilschritte es erledigen soll.

Da hilft es auch nicht . . . 

. . . das Kind zuzutexten. „Viele Eltern sprechen zu viele und zu lange Sätze“, weiß Wolfgang Scheid. „Das Kind wird dann mit Informationen, die es noch nicht verarbeiten kann, überfrachtet. „Ich sage dann: Stopp! Ihr Kind ist noch dabei, den ersten Satz zu verstehen.“

Nicht zwingen

„Druck erzeugt Gegendruck“, wusste schon der Physiker Isaak Newton. Die physikalische Formel lässt sich auch auf das Miteinander anwenden. Ständiges Erinnern, Nörgeln, Drohen wirken gegenteilig. Wann immer wir Druck aufbauen, ist mit Gegendruck, mit Widerstand zu rechnen. Das Ergebnis lautet wahrscheinlich ein bockiges „Dann mache ich eben gar nichts mehr!“. Ein Machtkampf entsteht, der kaum zur einvernehmlichen Lösung führen wird. Wolfgang Scheid: „Wer wird schon gern herumkommandiert?“

Fachleute können helfen

Bei Schulthemen kann Aufschieberitis ganz profane Ursachen haben, die es zuerst zu überprüfen gilt. Vielleicht hört oder sieht das Kind nicht richtig. Deshalb empfiehlt Wolfgang Scheid, zuerst mit dem Kind zum Ohren- und Augenarzt zu gehen. „Denn wer nicht richtig hört und sieht, entwickelt Unlust.“ Zeigt sich, dass hier alles okay ist, bietet sich der Gang zum Kinderarzt an, weil er Ergotherapie auf Rezept verordnen kann. Dafür braucht er allerdings eine Diagnose – wie zum Beispiel ein Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom. Ursachen für Aufschieberitis können auch Teilleistungsstörungen oder Lesestörungen sein. Ergotherapeuten arbeiten alltags- und betätigungsorientiert. Sie klopfen die Problematik ab – zum Beispiel: Was sind die Aufgaben? Wo liegt für das Kind die Schwierigkeit? Wo bricht das Kind die Aufgabe ab? Sie beraten das Kind, wie es Aufgaben angehen kann, welche Zeitfenster sinnvoll dafür sind, wie sich die Gedanken fokussieren lassen, und sie erarbeiten Teilschritte. Außerdem coachen sie die Eltern und werben für viel Verständnis für das Kind.

Tipps zur Motivation

Vorbild sein Es hilft nichts – Eltern können nicht erwarten, was sie selbst nicht bereit sind zu leben. Heißt: Auch sie selbst sollten wichtige Angelegenheiten möglichst nicht unnötig aufschieben.

Kleine konkrete Ziele Keine großen Ziele mehr! Die werden besser in viele kleine Ziele unterteilt. In Schritte, die konkret und leicht in kleinen Zeitfenstern zu erreichen sind. Eltern wollen mit ihrem Kind lesen üben? Wie Eltern diese Hilfe Stück für Stück aufbauen können, erklärt Wolfgang Scheid (Ergotherapeut in Kaiserslautern und Vorsitzender des Fachausausschusses Pädiatrie im Deutschen Verband der Ergotherapeuten): „Eine Weile liest erst das Kind einen Satz, dann Mama oder Papa einen Satz aus einem spannenden Buch. Ein paar Wochen später liest jeder je zwei Sätze, dann jeder drei, später eine Seite.“

Abläufe erklären Viele Kinder, die zur Aufschieberitis neigen, haben nicht gelernt, auf diese Weise eine Aufgabe zu unterteilen. In konkreten Fällen kennen sie die Abläufe gar nicht. Dem können Eltern schon früh entgegenwirken, indem sie das, was sie tun, verbalisieren. „Wir wollen einkaufen – Ich überlege, was wir kochen wollen – Jetzt schreibe ich auf, was wir dafür brauchen – Habe ich genug Geld im Portemonnaie?“ Wolfgang Scheid: „Strukturierte Gedanken verbal sichtbar zu machen, ist ein mächtiges Werkzeug, um Kindern zu helfen, selbst Strukturieren zu lernen! Kinder spielen solche Prozesse gern nach und üben sie auf diese Weise ein.“

Zeitfenster bestimmen Erwachsene kennen das Phänomen aus eigener Erfahrung: Das, was keinen Spaß macht, wird endlos in die Länge gezogen. Dabei will man doch Unangenehmes schnell hinter sich bringen! Wolfgang Scheid: „Deshalb ist es sinnvoll, zusammen mit dem Kind Zeitfenster zu bestimmen und für eine Tätigkeit zu reservieren.“

Leistung wertschätzen Ein spontanes Lob kann richtig guttun! Aufbauend ist auch, dem Kind stets zu zeigen: „Du gehörst zu uns, so, wie du bist. Du darfst Fehler machen.“ Ermutigung ist die Devise, damit das Kind lernt, seinen eigenen Weg zu gehen und Erfolge selbst zu beurteilen. Beispiele für ermutigende Sätze sind: „Lass uns zusammen überlegen, wie du es schaffen kannst.“ „Ja, da hast du dich verheddert, aber der grundsätzliche Ansatz ist richtig.“

Reizthemen delegieren Immer wieder Streit bei den Hausaufgaben? Wenn ein Thema zum Reizthema wird, dürfen Eltern es delegieren. Viel-leicht kann das Kind beim Nachbarn die Hausaufgaben besser erledigen? „Die Eltern können sich dann ja auch auf andere Art revanchieren – vielleicht den Bring- und Abholservice zur Schule oder zum Fußballtraining für das Kind des Nachbarn übernehmen“, schlägt Wolfgang Scheid vor.

Perfektion war gestern Eltern sollten von ihren Kindern keine Perfektion erwarten. Denn Perfektionismus bremst aus – er setzt die Messlatte zu hoch. Interessant ist in diesem Zusammenhang der sogenannte Pareto-Effekt: Demnach lassen sich 80 Prozent einer Aufgabe mit 20 Prozent des Gesamtaufwandes erledigen. Die restlichen 20 Prozent erfordern dagegen 20 Prozent des Gesamtaufwandes – und damit quantitativ die meiste Arbeit. „Man muss nicht immer alles geben“, sagt Wolfgang Scheid.

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