Kinderwunsch ohne Partner Dann krieg ich das Kind eben allein

Ihr damaliger Freund wollte keine Kinder, Hanna Schiller schon. Hier ist sie mit ihrem Sohn zu sehen. Foto: Wanja Chelmis

Solomütter sind auf dem Vormarsch: Sie erfüllen sich ihren Kinderwunsch ohne Partner mithilfe einer Samenspende. Ist das egoistisch?

Berlin - „Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, allein ein Kind zu bekommen?“ Erstaunt schaut Katrin Förster ihre Ärztin in einer Berliner Frauenarztpraxis an. Bei einer Routineuntersuchung ist gerade alles aus ihr herausgeplatzt: die vergebliche Suche nach einem Partner, ihr Alter von 38 Jahren, der riesige Wunsch nach einem Kind. „Plötzlich machte die Ärztin da eine Türe auf, von der ich bis dahin gar nicht wusste, dass es sie gab.“

 

Samenbank statt Traummann

Die Tür hieß Samenbank. Anstelle des Traummanns fürs Leben versuchte sie sich an den Gedanken eines anonymen Samenspenders als Vater für ihr Wunschkind zu gewöhnen. „Das ging zunächst überhaupt nicht. Ich dachte, das kann doch nicht sein, dass ich es nicht hinkriege, einen Partner zu finden“, erinnert sich Katrin Förster.

Wie so viele Frauen mit Studium hatte sie erst einmal viel und gern als Marketingmanagerin gearbeitet, war mehrmals umgezogen. Es gab immer wieder Partner, aber der Kinderwunsch kam nie so recht zur Sprache. Irgendwann war sie Single und hörte die biologische Uhr immer lauter ticken.

Online-Dating, die letzte Chance?

Katrin Förster stürzte sich ins Online-Dating. Es war der letzte Versuch, doch noch eine Alternative zum anonymen Spender-Papa zu finden. Viele Dates später musste sie sich eingestehen: „Wenn ich ein Kind möchte, muss ich das tatsächlich allein in Angriff nehmen.“

Im Gegensatz zu Katrin Förster war Hanna Schiller mit Mitte dreißig in einer glücklichen Beziehung. Trotzdem begann sie sich über das Thema Samenspende zu informieren, denn sie wollte Nachwuchs – ihr Freund aber nicht. „Ich habe ihn zwar geliebt, aber mir war irgendwann einfach klar, dass ich nicht auf ein Kind verzichten will und dass ich das auch allein mache“, sagt Hanna Schiller, die in Niedersachsen wohnt und als Projektmanagerin arbeitet.

Jede Menge Fragen: Klappt das finanziell wie organisatorisch?

Bevor die erste Befruchtung mit Spendersamen erfolgte, quälten Katrin Förster und Hanna Schiller jede Menge Fragen, von denen auch andere Solomütter in Kinderwunsch-Beratungen erzählen: Schaffe ich den Alltag allein – finanziell wie organisatorisch? Wer kann einspringen, wenn ich mal Hilfe bei der Betreuung brauche? Bin ich psychisch stabil genug, alle Entscheidungen für ein Kind allein zu treffen? Ist mein Kinderwunsch wirklich so stark, dass dieser Weg sein muss? Und vor allem: Wie wird es für das Kind sein, so gezeugt zu werden und ohne Vater aufzuwachsen?

Lesen Sie hier: Lasst uns über unerfüllten Kinderwunsch reden

„Der fehlende Vater ist eine der größten Sorgen der Frauen“, sagt Petra Thorn, die als Familientherapeutin im hessischen Mörfelden psychosoziale Kinderwunschberatung anbietet. Zwar gebe es in der Forschung keinen Anhaltspunkt, dass die Entwicklung dieser Kinder schlechter verläuft als in anderen Familienformen. „Allerdings fehlen Erkenntnisse über ältere Kinder sowie die Langzeitforschung.“

Die Zahl der alleinstehenden Mütter steigt

Denn so richtig Fahrt aufgenommen hat das Thema Solomütter zumindest in Deutschland erst, seit 2018 die Frage nach der gesetzlichen Vaterschaft der Samenspender geklärt wurde. Seitdem steigt die Zahl der alleinstehenden Mütter stetig, Schätzungen zufolge gehen 20 bis 30 Prozent aller Samenspenden aus Samenbanken in Deutschland bereits an alleinstehende Frauen.

Im ersten Halbjahr 2020 führte Petra Thorn 16 Prozent der Kinderwunschberatungen mit Solomüttern durch. Immer wieder ging es dabei auch um die Vaterfrage. Auch Katrin Förster und Hanna Schiller beschäftigte dieses Thema sehr. Beide haben sich schließlich für einen sogenannten offenen Samenspender entschieden. Bei diesen hat das Kind die Möglichkeit, seinen Vater zu kontaktieren, sobald es volljährig ist.

Welcher Spender soll es sein?

Außerdem haben die beiden Frauen sehr viel Zeit damit verbracht, sich durch verschiedene potenzielle Spender in einer dänischen Samenbank zu klicken. Sie lauschten ihren Stimmen in hinterlegten Audiobotschaften, in denen sie erzählten, warum sie sich für die Samenspende entschieden hatten, was ihr Lieblingsessen sei, welche Stärken und Schwächen sie hatten. Sie schauten sich Kinderbilder der Männer an. „Das war natürlich seltsam. Aber bei einer normalen Familiengründung sucht man sich den Vater ja auch sorgfältig aus“, sagt Katrin Förster.

Vier Versuche später und rund 11 000 Euro ärmer war Katrin Förster mit 39 Jahren endlich schwanger. Zu einem ähnlichen Zeitpunkt ließ sich auch Hanna Schiller nach der zweiten Samenspende zum wachsenden Babybauch beglückwünschen – unter anderem von ihrem Freund, mit dem sie zu diesem Zeitpunkt noch zusammen war. „Familie und Kollegen wussten aber, dass das nur mein Kind ist. Sie fanden es gut, dass ich mir meinen Herzenswunsch erfüllt habe“, sagt Hanna Schiller.

Der Sohn kennt seine drei Halbschwestern

Heute sind beide Frauen Mütter von dreieinhalbjährigen Söhnen. Wie die meisten Alleinerziehenden arbeiten sie viel und gehen häufig auf dem Zahnfleisch, um Job, Haushalt und Kind ohne Partner auf die Reihe zu kriegen. „Ich wusste, dass es anstrengend werden würde, und so ist es auch gekommen. Aber ich bin einfach wahnsinnig glücklich über mein Kind“, sagt Katrin Förster.

Ihrem Sohn hat sie erzählt, dass sein Papa ein Mann ist, der seinen Samen gespendet hat, damit er auf die Welt kommen durfte, aber eben nicht mit ihnen in Berlin lebt, sondern irgendwo in Dänemark. Und dass er diesen Papa später einmal kennenlernen darf.

Außerdem kennt er drei seiner Halbschwestern, die denselben Spender haben. Zwei davon wohnen ebenfalls in Berlin. „Mir ist es wichtig, dass mein Sohn familiäre Wurzeln hat. Auch wenn unsere Familie eben etwas anders aussieht als das, was ich mir auch selbst früher immer so ausgemalt habe“, sagt Katrin Förster.

Weitere Themen