Kindesmisshandlung: Der Fall Yagmur Es bleiben nur zwei Hauptverdächtige: die leiblichen Eltern

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Diese wiederum fragt nicht bei Püschel nach, wann exakt die Verletzungen entstanden sind. Sie ordnet keine Recherchen im Familienumfeld an und wertet den Umstand, dass Melek Y. ihrer Vorladung nicht folgt, so, dass diese vom Aussageverweigerungsrecht Gebrauch mache. Befragt wird Melek Y. nie. Nach Monaten schreibt die Staatsanwältin den Rechtsmediziner an, wie wahrscheinlich es sei, dass die Misshandlung von den Vorfällen bei der Pflegemutter komme. Ausgeschlossen, antwortet Püschels Institut prompt. Damit bleiben zwei Hauptverdächtige: die Eltern. Wie reagiert die Staatsanwältin? Sie stellt die Ermittlungen ein – sechs Wochen vor Yagmurs Tod. Der Täter sei nicht zu ermitteln gewesen, rechtfertigt sie sich im Ausschuss. Sie sei nur für die Strafverfolgung zuständig, um das Kindeswohl kümmere sich das Jugendamt.

Immerhin hatten die Eltern das Sorgerecht nur unter der Auflage behalten, dass Yagmur sechs Stunden täglich eine Kita besucht. Der Kontrollauftrag kommt aber nur lapidar an: Die Erzieher sollen „ein Auge auf das Kind haben“. Tatsächlich besucht Yaya die Kita nur zwei Wochen. Erst fehlt sie unentschuldigt, dann meldet Melek sie krank ohne Attest. Kontaktaufnahmen scheitern. Wo bisher nie die Alarmglocken schrillten, schaltet sich doch ein Warnlämpchen ein. Die Polizei fährt regelmäßig bei der Familie vorbei und meldet sich sofort, als in der Wohnung Licht brennt – an einem Samstag im September um 22 Uhr – bei der Kinder- und Jugendnothilfe. Als

Das Grab der dreijährigen Yagmur auf dem Öjendorfer Friedhof in Hamburg. Foto: dpa
diese eintrifft, liegt Yagmur im Bett der Eltern, wacht nur kurz auf und dreht sich weg. Die Ersthelfer melden, das Kind habe einen unauffälligen Eindruck gemacht – ohne es auch nur näher angesehen zu haben.

Yagmur hat noch drei Monate zu leben. Hausbesuche verhindert Melek Y. unter Vorwänden. Nur einmal, im November, erscheint sie mit Yaya an der Hand im Jugendamt Billstedt. Sie hat ein Anliegen. Bis der Schlauch entfernt ist, den ihre Tochter seit der OP trägt, soll sie nicht mehr in die Kita. Melek Y. möchte „mehr Zeit mit ihr haben“. Sie hat leichtes Spiel: Das Jugendamt gibt sein Okay. Das Kündigungsformular an die Kita ist Yagmurs Todesurteil.

Die Akte schließt mit dem Vorhaben des Sozialen Dienstes Billstedt, im Januar 2014 erneut mit der Familie Y. Kontakt aufzunehmen. Yagmur stirbt am 18. Dezember 2013. Wenn es stimmt, was Melek Y. in der letzten SMS an ihren Mann schrieb, hat es die Dreijährige noch einmal geschafft, aus dem Bett aufzustehen. Sie brauchte dringend Hilfe. Aber da war nur ihre Mutter.

Hamburg -




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