In Stuttgarts Club-Institutionen werden immer öfter Kinky- oder sogenannte sexpositive Partys gefeiert, bei denen Sex und viel nackte Haut explizit erlaubt sind. Was zieht die Stuttgarterinnen und Stuttgarter hierher, was macht den Reiz aus? Wir haben mit einem Mann und zwei Frauen (Namen geändert) über ihre Erfahrungen mit solchen Veranstaltungen gesprochen und sie auch nach ihren Outfit-Tipps gefragt.
„Ich war einfach neugierig“, sagt Maria. Vor ein paar Monaten ist sie mit Freund:innen zum ersten Mal auf eine Kinky-Party gegangen. „Ich wollte wissen, ob Leute da wirklich Sex haben oder einfach nur tanzen“, sagt sie. Was dann passiert ist? An der Bar hätten sich viele Leute gegenseitig intim angefasst und einige hätten auch Oralsex gehabt, erzählt die 25-Jährige. Komisch sei all das nicht gewesen. „Das hat sich super normal angefühlt“. Sie selbst habe eine kleine Peitsche mitgenommen. „Kannst du mich damit hauen?“, habe sie schon nach kurzer Zeit einen Mann gefragt. Schnell sei so einer der ersten Kontakte zustande gekommen, die auf einer normalen Elektro-Party wohl nicht denkbar wären. Später habe sie sich dann auch von ihm auspeitschen lassen. „Alles läuft mit sehr klarer Kommunikation ab“, erzählt Maria. Egal, ob es um Küssen, Sex oder was auch immer gehe. Nur klare Jas seien auch wirklich ein Ja. Ein Awareness-Team schaue außerdem darauf, was vor sich geht. „Ich habe mich total sicher gefühlt“, sagt sie.
Die meisten kommen mit Partner oder Partnerin
Auf der Tanzfläche habe sie später einen Mann getroffen, den sie bereits kannte. „Wir haben miteinander getanzt und geknutscht“ und irgendwann habe er sie intim berührt. Andere hätten dabei zugeschaut. „Das war toll.“ Weiter seien sie an dem Abend nicht gegangen. Vor Ort habe es eine Art Container geben, in dem man auch Sex haben konnte. „Aber das war mir irgendwie zu heruntergekommen“, sagt sie. Viele seien außerdem mit ihrem Partner oder Partnerin auf die Party gegangen, viele Singles seien nicht da gewesen. „Vielleicht suche ich mir beim nächsten Mal eine Begleitung.“ Eines steht für sie aber auf jeden Fall fest: Es soll nicht die letzte Party dieser Art gewesen sein.
Marias kinky Outfit: Katzenmaske, Harness für den Ober- und Unterkörper (das ist ein Geschirr aus Leder aus dem BDSM-Bereich), Tape für die Nippel
Luke, 32 Jahre:
„Es gab einen professionellen Auspeitscher. Viele warteten darauf, von ihm verhauen zu werden. Es gab eine echte Schlange, alle anderen haben dabei zugeschaut“, erzählt Luke von seiner ersten Kinky-Party. Damals sei er mit seiner Mitbewohnerin zu einer Party in Berlin gegangen, noch ohne genau zu wissen, was ihn erwartet. Groß geplant sei das damals nicht gewesen, er habe kein besonderes Outfit gehabt und sei letztlich mit einer Jeans und oberkörperfrei gegangen. „Aber normale Straßenkleidung gilt eigentlich als No-Go in der Szene“, erklärt Luke. Der Türsteher habe ihn damals zum Glück trotzdem reingelassen. „Am Anfang waren es fast zu viele Eindrücke, ich musste das erst einmal auf mich wirken lassen. Später fand ich es einfach nur noch spannend. Und es gab viele schöne Menschen in tollen Outfits – einige waren fast nackt“, berichtet Luke.
„Am Anfang kam ich mir etwas verkleidet vor, das hat sich dann aber gelegt“
Inzwischen sei er schon auf ein paar solcher Partys gewesen – auch in Stuttgart. Auf einschlägigen Plattformen wie Joyclub tauschten sich Interessierte über die Veranstaltungen in der Region aus. Manche mit besonderen Räumen, wie separate Darkrooms für Sex oder auch einer sogenannten Play-Room-Area mit dafür vorgesehenen Sex-Stühlen. Inzwischen habe Luke mit einer schwarzen Lederhose auch ein extra Outfit für solche Partys. „Am Anfang kam ich mir etwas verkleidet vor, das hat sich dann aber gelegt“, sagt der 32-Jährige. „Die Stimmung ist einfach super nett, im Vergleich zu anderen Partys viel offener. Die Menschen grüßen sich zu Beginn auch einfach und sagen ‚Hallo’“. Man komme schnell ins Gespräch – „einmal habe ich einen wirklich netten Anwalt getroffen.“ Auf den Partys seien die verschiedensten Menschen unterwegs.
Ganz offen werde kommuniziert, was man wolle und was eben nicht. Und was ist mit dem Sex? „Wenn du Glück hast, dann triffst du jemanden, der auch so viel Lust hat wie du. Während man auf normalen Partys überlegen muss, wo man dann hingeht, kann man auf solchen Events einfach Spaß haben.“
Lukes kinky Outfit: schwarze Dr. Martens, schwarze Lederunterhose, schwarzes Harness
Camila, 30 Jahre:
„Ich war wirklich davon überrascht, was es alles gibt“, sagt Camila. Vor drei Jahren begann die 30-Jährige auf Kinky-Partys, sexpositive Partys und ähnliche Veranstaltungen zu gehen. Am Anfang hauptsächlich in Berlin, später auch in Stuttgart. „Mit der ersten Tür, die ich da geöffnet habe, habe ich eine ganz andere Welt kennengelernt“, sagt sie. Camila wuchs in Bolivien auf, lebt seit einigen Jahren in Deutschland. „Wo ich herkomme, ist Sex ein krasses Tabu, als Frau verlierst du mit Sex deinen Wert“, sagt sie. Inzwischen habe sie solche Gedanken abgelegt und redet offen über das, was ihr gefällt. „Diese Partys haben mir geholfen, mich davon zu befreien“, sagt sie. Letztlich gehe es um Freiheit, vor allem für Frauen.
„Die Leute hatten einfach überall Sex“
Auf der ersten Party, auf der sie in Stuttgart war, sei es auffällig wild zugegangen: „Die Leute hatten einfach überall Sex, ich glaube sie haben nur auf diesen Tag gewartet“, sagt sie und lacht. Auf einer anderen Party in der Landeshauptstadt sei es dafür vergleichsweise oberflächlich zugegangen. „Dort waren die Leute glaub nur für ihr kinky Outfit, aber nicht wirklich wegen Sex“, sagt sie. Was einen erwarte, sehe man im Zweifel erst vor Ort. „Aber man kann hingehen und sich das erst einmal anschauen. Es gibt kein Muss“, sagt sie.
Auf einer ihrer ersten Partys habe sie gleich einen Mann kennengelernt, der sie in die Szene eingeführt hat. „Das war wirklich toll, seither bin ich auch in einer Whatsapp-Gruppe, in der sich rund 200 Leute austauschen oder sich zu Sex-Partys verabreden“, erzählt sie. „Andere treffen sich am Wochenende zum Bouldern, dort verabredet man sich zum Gruppensex“.
Auf solchen Partys habe sie schon öfter Sex mit völlig Fremden gehabt. Danach habe sie einen Mann mal gefragt: „Wie heißt du eigentlich?“, erzählt sie. Das sei nicht komisch gewesen, sondern einfach toll. „Es geht nur um das Körperliche“, sagt sie.
Was sie auf solchen Partys trägt? „Möglichst wenig“, sagt sie und lacht. Offen sagt sie, dass sie sich gerne nackt vor anderen Menschen zeigt. Solche Partys seien eine Möglichkeit, das auch auszuleben. Durch die Freizügigkeit auf den Events habe sich ihr Blick auf Körper sehr verändert. Sie sei einfach freier geworden. „Egal ob große oder kleine Brüste, dicke Hintern und so weiter, alle sind einfach da.“
Camilas kinky Outfit: ein pinkfarbenes Seil (im Bondage-Style um den Körper gewickelt) und Boots