Kinokritik: 3 Tage in Quiberon Romy Schneider kurz vorm Verglühen

Von Bernd Haasis 

In Emily Atefs Drama spielt Marie Bäumer die späte Romy Schneider, die auf Entgiftungskur zwei „Stern“-Reporter empfängt. Während die Regisseurin eine zerrissene Manipulatorin und die Gier nach Sensationen zeigt, wird sie selbst zur Voyeurin.

Freundschaftliche Gefühle schamlos ausgenützt: Charlie Hübner als  Fotograf Robert Lebeck, Marie Bäumer als Filmdiva Romy Schneider Foto: Prokino 17 Bilder
Freundschaftliche Gefühle schamlos ausgenützt: Charlie Hübner als Fotograf Robert Lebeck, Marie Bäumer als Filmdiva Romy Schneider Foto: Prokino

Stuttgart - Ein Jahr vor ihrem Tod steckte die große Schauspielerin Romy Schneider in einer existenziellen Krise. Ihr Ex-Ehemann Harry Meyen hatte 1979 Selbstmord begangen, sie kämpfte um das Sorgerecht für ihren Sohn David, hatte Nierenprobleme und finanzielle Sorgen, die sie zum pausenlosen Drehen zwangen. Sie stürzte sich in die Alkohol- und Tablettensucht, rauchte wie ein Schlot und litt unter abrupten Gemütsschwankungen – mit Anfang vierzig schien der Weltstar so gut wie am Ende zu sein.

In diese Situation mitten hinein geht die französisch-iranische Regisseurin Emily Atef in ihrem biografisch unterfütterten Filmdrama „3 Tage in Quiberon“. Gerade noch war Romy himmelhoch jauchzend und leutselig mit Gästen in einem bretonischen Restaurant, wo sie Champagner für alle spendiert hat, schon liegt sie wieder in Embryonalstellung unter der Bettdecke, unfähig, sich selbst und ­andere zu ertragen. Atef hat in kontrastreichem Schwarzweiß gedreht, was den Zustand der Filmdiva noch bedrohlicher erscheinen lässt: Die helle Flamme, die in Romy brennt und ihre starken Filmcharaktere illuminiert hat, droht nun auszugreifen und die reale Schauspielerin lichterloh zu verschlingen.

Marie Bäumer spielt die Rolle ihres Lebens

Als Grundlage für den Film dienten ein reales Porträt des „Stern“-Reporters ­Michael Jürgs und die Bilder des ihn begleitenden Fotografen Robert Lebeck. Romy Schneider hatte beide 1981 in das Hotel in der Bretagne eingeladen, wo sie entgiften und sich ausruhen wollte in Gesellschaft ihrer Sandkastenfreundin Hilde – was überhaupt nicht gelang. Und wohl auch nicht gelingen sollte. Die Schneider erscheint hier als eine Person, die nach Aufmerksamkeit heischend alle sie umgebenden Menschen am Gängelband in ihre Suchtstruktur hineinzieht. Selbst der zunächst kritisch-distanzierte Jürgs ist dagegen irgendwann nicht mehr gefeit.

Marie Bäumer („Alter Affe Angst“) spielt in diesem Film die Rolle ihres Lebens. Sie verführt und kommandiert als Seelenexhibitionistin, sie verzweifelt und barmt. Sonst ist die Bäumer nicht immer leicht auszuhalten, weil sie gerne besonders dick aufträgt und dabei nicht selten überzieht. In diesem Fall aber deckt sich das exakt mit den Anforderungen der Rolle. So sehr verschmilzt Bäumer mit ihrer Figur, dass sie nun in Interviews darum bittet, man möge sie nicht mit der Rolle verwechseln. Das macht nicht weniger erschreckend, wie nahe sie herankommt.

Romy Schneiders Kunst wird kaum thematisiert

Robert Gwisdek („Renn, wenn du kannst“) gibt Jürgs den zynischen Gestus eines journalistischen Bluthundes ohne jede Beißhemmung. Charlie Hübner („Vor der Morgenröte“) macht aus dem Fotografen Lebeck, der mit Romy befreundet war und deshalb besonders intime Aufnahmen von ihr fertigen konnte, einen gnadenlosen Charmeur, der betuliche Freundlichkeit nur vortäuscht: Permanent hält er drauf, auch wenn es Romy gerade gar nicht gut geht. Unterfordert bleibt ausgerechnet die Charakterdarstellerin Birgit Minichmayr als Hilde – Atef scheint vergessen zu haben, ihre Rolle im Drehbuch auszuformulieren.

Viel schwerer wiegt ein anderes Problem. Wenn Jürgs und Hilde darüber streiten, wer von beiden Romy stärker ausnützt, drängt sich fast zwangsläufig die Frage auf: Was ist mit der Regisseurin selbst? Ist es nicht purer Voyeurismus, eine Selbstzerfleischung so bis ins Detail abzubilden? Von der großen Schauspielerin Romy Schneider ist nur eine Manipulatorin übrig, die mal charmiert und mal zickt. Ihre Kunst wird kaum Thema. Stattdessen geht es nur um persönliche Abgründe und natürlich auch um das „Sissy“-Trauma. Atef begibt sich in dieselbe Komplizenschaft wie ihre Figuren, und wie diese profitiert sie davon.

Das macht den ästhetisch brillanten Film schwer zu ertragen, in dem auf Dauer auch die überbordende Patientin anstrengt mit ihrem emotionalen Jo-Jo-Spiel zwischen Weltumarmung und Weltuntergang.




Unsere Empfehlung für Sie