Kinokritik: Jim Knopf und die Wilde 13 Gefangen in den Bildern von gestern

In „Jim Knopf und die Wilde 13“ findet der Titelheld (Solomon Gordon) Antworten. Nur leider haben sich die Filmemacher nicht getraut, ihn in die Gegenwart zu holen. Foto: Verleih

„Jim Knopf und die Wilde 13“ ist am 1. Oktober in den Kinos gestartet. Es ist der zweite Teil von Dennis Gansels Michael-Ende-Verfilmung. Er hat ein kindgerechtes Abenteuer gedreht, vermeidet aber naheliegende Anknüpfungen an Fragen der Gegenwart.

Stuttgart - Michael Endes Geschichte um die „Wilde 13“ sprüht vor Fantasie, seine schrille, verfluchte Piratenhorde ist so originell wie der „Fliegende Holländer“ und dessen Disney-Variante in „Fluch der Karibik“. Im zweiten „Jim Knopf“-Roman rückt die Bande von Kindesentführern ins Zentrum des Geschehens. In seiner Verfilmung von „Jim Knopf und die Wilde 13“ bleiben für den Regisseur Dennis Gansel – wie im ersten Film von 2018 – die kultisch verehrten Marionetten-Inszenierungen der Augsburger Puppenkiste das Vorbild.

 

Wieder bewegen sich reale Menschen durch eine Puppentheaterkulisse. Die Kostüme sind als solche erkennbar, Lukas der Lokomotivführer (Henning Baum) trägt zur Latzhose Mütze, Halstuch und Pfeife, der König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte (Uwe Ochsenknecht) eine Faschingskrone. Die putzige Inselwelt von Lummerland und das prächtige Kaiserreich Mandala sehen aus wie Spielwelten fürs Kinderzimmer. Dazu kommen als Ergänzung viele digitale Tricks.

Lummerland braucht einen Leuchtturm

Für die Schauspieler ist artifizielle Szenerie eine Herausforderung, sie engt ihre Möglichkeiten ein und zwingt sie oft ins Theatralische. Kleinen Zuschauern ist sie eine Rückversicherung, wenn es turbulent, rätselhaft oder gar erschreckend zugeht. In Teil eins war Drache Frau Mahlzahn immer klar als Filmfigur zu erkennen, und so ist es nun auch mit den aufgedrehten Piraten der Wilden 13.

Als das Postboot in Lummerland wieder einmal aufläuft, fordert der König einen Leuchtturm – ein Job für den Scheinriesen Herrn Tur Tur (Milan Peschel)? Lukas und Jim (Solomon Gordon) ziehen mit der Lokomotive Emma los, ihn zu fragen. Im Barbarischen Meer begegnen sie der fischschwänzigen Meeresprinzessin Sursulapitschi (Sonja Gerhardt) und reparieren für sie das Meeresleuchten am großen Gurumusch-Magnetfelsen. Der setzt nun allerdings die Lokomotive fest und bedroht die Schiffe. Auch hier braucht es also einen Wärter – ein Job für den Halbdrachen Nepomuk?

Für Erwachsene ein Geduldsspiel

Jeder findet seinen Platz bei Michael Ende. Zuerst müssen jedoch die Freunde die Baby-Lok Molly aus den Händen der Wilden 13 befreien. Dabei hilft ihnen Li Si, die mutige Prinzessin von Mandala, und ein kryptischer Hinweis von Frau Mahlzahn, die sich vom bösen Lindwurm zum Goldenen Drachen der Weisheit gewandelt hat: Man findet die Wilde 13 nur, wenn man nicht nach ihr sucht.

In der gemächlichen ersten Hälfte ist der Film für Erwachsene ein Geduldsspiel, nun nimmt er Fahrt auf und wird zur Abenteuerreise in Michael Endes geniale Rätselwelt. Was es mit den identisch aussehenen Piraten (Rick Kavanian) auf sich hat und mit ihrem „Land, das nicht sein darf“, gehört zu seinen Geniestreichen.

Wenig Bezug zur Gegenwart

Am Ende bleibt dennoch ein zwiespältiger Eindruck. Gansel, der relevante Filme wie „Die Welle“ (2008) gemacht hat, und der Drehbuchautor Dirk Ahner bleiben eng an der Vorlage. Bis auf kosmetische Glättungen haben sie es nicht gewagt, „Jim Knopf“ in die Gegenwart zu holen. Das gilt für die Bildsprache ebenso wie für stereotype Zuschreibungen und überkommene Rollenbilder.

Der Mix aus Puppentheater und Tricktechnik wirkt nicht stringent. Wie Spielzeuge von vorgestern können die Loks Emma und Molly nur infantil pfeifen und mit den Scheinwerfern klappern, wo man ihnen mehr Teilhabe hätte zutrauen dürfen in Zeiten, in denen maschinelle Intelligenz auch Kindern immer öfter im Alltag begegnet. Animierte Trickfiguren wie der Halbdrache Nepomuk wiederum wirken wie einmontierte Fremdkörper in der Puppenstubenwelt – hier hat in der Postproduktion offenbar das Geld gefehlt, die Anschlüsse unsichtbar zu machen.

Jim Knopf als Junge ohne Eigenschaften

Inhaltlich überwiegt der Eindruck, als hätten die Filmemacher vor allem nichts falsch machen wollen. Im ersten Teil haben sie zwar das „N-Wort“ gestrichen und versucht, den schwarzen Waisenjunge Jim Knopf geräuschlos von stereotypen Eigenschaften der frühen 60er Jahre zu befreien, die damals selbst einem Michael Ende nicht eigenartig vorkamen. Als Folge hat Jim nun keine Eigenschaften mehr außer der, ein guter Kerl zu sein. Der britische Darsteller Solomon Gordon hängt damit sichtbar völlig in der Luft, wo er durchaus kindgerecht auf der „Black Panther“-Welle hätte reiten können.

Anknüpfungspunkte bieten schon die Bücher, Ende schrieb sie als integrative Antwort auf den Naziterror: Ein weißes Inseldorf nimmt selbstverständlich ein verlorenes schwarzes Kind auf, die anderen Drachen diskriminieren Nepomuk, weil er zur Hälfte Nilpferd ist, die kluge Prinzessin Li Si lässt sich nicht bevormunden, nur weil sie ein Mädchen ist. All das tippt auch der zweite Film allenfalls zaghaft an. Zumindest hätte er Frau Waas, das einzige weibliche Wesen auf Lummerland, aus ihrer vorgestrigen Geschlechterrolle als alleinige Köchin und Putzkraft befreien können. Wieso sollte statt ihrer nicht der verkopfte Herr Ärmel Gugelhupf für alle backen? Wieso nicht der nichtsnutzige König nur für eine Stunde am Tag eine To-do-Liste abarbeiten?

Es ist kaum vorstellbar, dass der Menschenfreund Michael Ende damit nicht einverstanden gewesen wäre.

Jim Knopf und die Wilde 13. Deutschland 2020. Regie: Dennis Gansel. Mit Solomon Gordon, Henning Baum. 109 Minuten. Ohne Altersbeschränkung. Cinemaxx City & SI, EM, Gloria

Verfilmungen von Michael Endes Büchern

Jim Knopf
Die Augsburger Puppenkiste hat „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ (1960) sowie „Jim Knopf und die Wilde 13“ (1962) kurz nach Erscheinen in Schwarz-Weiß verfilmt, 1976/77 dann in Farbe. 1999 erschien eine deutsch-französische Trickserie. 2018 kam Teil eins von Dennis Gansels Realverfilmung in die Kinos.

Die unendliche Geschichte
Der deutsche Regisseur Regisseur Wolfgang Petersen („Das Boot“) verfilmte Endes Großwerk von 1979 als Hollywood-Effektspektakel. Er wurde dem Anspruch der Vorlage nicht ganz gerecht, aber das Publikum strömte.

Momo
Auf große Werktreue achtete Johannes Schaaf bei der Inszenierung von Endes 1973 erschienener Geschichte über ominöse Zeitdiebe und ein Mädchen, das sich ihnen mutig entgegenstellt.

Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch
Die Trickserie aus dem Jahr 2000 nutzt verschiedene Motive aus dem Zaubermärchen zur Umweltzerstörung.

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