Kinokritik: Le Mans 66 Herzen brennen, Bremsscheiben glühen

Von Bernd Haasis 

Man muss Autorennen nicht sonderlich mögen, um James Mangolds Spielfilm „Le Mans 66“ zu lieben: Das Motorengeheul dient ihm als Grundierung für ein hochspannendes menschliches Drama mit großer Liebe zum Detail.

Christian Bale (links) als Rennfahrer und Matt Damon als Manager sind ein gutes Team in „Le Mans 66“, das seine Konflikte mit offenem Visier austrägt – meistens Foto: Twentieth Century Fox//Merrick Morton 6 Bilder
Christian Bale (links) als Rennfahrer und Matt Damon als Manager sind ein gutes Team in „Le Mans 66“, das seine Konflikte mit offenem Visier austrägt – meistens Foto: Twentieth Century Fox//Merrick Morton

Stuttgart - Es gab Zeiten, da standen Menschen mitten in der Nacht auf, um Muhammad Ali boxen zu sehen oder unerschrockenen Männern dabei zuzusehen, wie sie bei Autorennen wie den 24 Stunden von Le Mans um die Wette rasten. Heute lockt das korrupte Boxgeschäft nur noch Hartgesottene, und das durchkommerzialisierte Renngeschehen leidet nur unter einer Überregulierung zum Schutz der Piloten – vor allem aber darunter, dass der Geruch von Benzin heute als Symbol für die Klimakatastrophe wahrgenommen wird und Reifenabrieb als Symbol für die Feinstaub-Problematik. Reisen in die Vergangenheit sind eine probate Möglichkeit, Duelle zwischen tollkühnen Fahrern und hochgezüchteten Maschinen noch einmal ohne Scham zu genießen.

Das gilt ganz besonders, wenn ein mit allen Wassern gewaschener Regisseur wie James Mangold einen historischen Schlüsselmoment inszeniert: 1966 gelang es dem US-Autohersteller Ford, bis dahin ein biederer Massenhersteller, den schillernden italienischen Boutique-Autoschrauber und Platzhirsch Ferrari zu besiegen – begleitet von allerlei Kabbeleien.

Mangold hat das Biopic „Walk the Line“ (2005) über den Sänger Johnny Cash und seine Frau June Carter mit maximalem menschlichem Drama ausgestattet, ohne sentimental zu werden, und er hat dem Werwolf-Superhelden „Wolverine“ (2017) aus dem X-Men-Comic-Universum in seinem dritten Film einen derart tragischen, würdigen Abgang verschafft, dass es wie ein kleines Wunder wirkte. Nun spielt Mangold seine Qualitäten in einem Rennfahrer-Film aus, wie man ihn selten gesehen hat: Er blickt seinen scharf gezeichneten Charakteren tief in die Seelen, durchdringt die technischen und emotionalen Feinheiten des Motorsports und lässt die Zuschauer ein atemberaubendes Rennen mitfahren, bei dem die Bremsscheiben glühen.

Sie gehen durch alle Höhen und Tiefen

Matt Damon spielt Carroll Shelby, den Le Mans-Sieger von 1959, der aus gesundheitlichen Gründen abtreten muss und fortan edle Sportwagen entwirft. Christian Bale gibt den Rennfahrer Ken Miles, der 1966 in Le Mans der Konkurrenz davonfuhr. Die Männer mögen einander und machen gemeinsame Sache, sind aber so unterschiedlich, wie es nur geht. Stetig lächelnd schwebt Damon als Vermarktungsgenie und Oberdiplomat durch den Film und moderiert Unstimmigkeiten weg. Bale dagegen legt den Familienmenschen Miles konsequent als Mann mit Prinzipien an, der keine Kompromisse macht, das Herz auf der Zunge trägt und gerne mal die Axt im Walde mimt – auch gegenüber der Ford-Chefetage. Shelby braucht Engelszungen, um Miles’ Start in Le Mans überhaupt zu ermöglichen. Die beiden gehen miteinander durch alle Höhen und Tiefen: Freundschaft und Enttäuschung, Teamwork und Verrat, Rückschläge und Siege.

Die Stars legen ihr ganzes Können in ihre Figuren, die es mit ebenfalls schwierigen Partnern zu tun haben. Der leidenschaftliche Konzernchef Henry Ford II. (Tracy Letts) strebt nach Erneuerung, ist aber schwer zu greifen, weil ihn sein Management abschirmt, allen voran der eitle Leo Beebe (Josh Lucas), der Miles nicht ausstehen kann und Shelbys Einfluss zu untergraben versucht.

Auch die Bürokratie im Konzern erweist sich als Hemmschuh für die zügige Entwicklung konkurrenzfähiger Rennwagen. Trotzdem entwickeln der Ingenieur und Designer Shelby und der Mechaniker und Testfahrer Miles den legendären Ford GT40 in akribischer Forschungsarbeit: Sie optimieren Fahrwerk und Karosserie, sparen Gewicht und reizen die Leistung des V8-Motor so lange aus, bis das Auto zu schnell wird für die Bremsanlage – als die Scheiben zum ersten Mal glühen, ist deutlich zu spüren, wie sehr es hier immer auch um Leben und Tod geht.

Es geht immer auch um Leben und Tod

Shelby nötigt Henry Ford II. auf den Beifahrersitz, um ihm die Wucht des Autos vorzuführen, und die Zuschauer fühlen sich bei dieser Höllenfahrt, als wären sie mit an Bord. Mangold braut aus dynamischen Bildern und ohrenbetäubendem Sound eine perfekte Illusion von Geschwindigkeit, Nervenkitzel, Gefahr, Rausch. Das zieht sich durchs gesamte Rennen, bei dem es natürlich auch spektakuläre Crashs und Explosionen gibt.

„Le Mans 66“ ist kein Film nur für Rennfahr-Freunde – denn er weist weit über sein Thema hinaus, erzählt sehr universell von menschlicher Leidenschaft.

Le Mans 66 – Gegen jede Chance. USA 2019. Regie: James Mangold. Mit Matt Damon, Christian Bale. 152 Minuten. Ab 12 Jahren. Cinemaxx City & SI, Metropol, Ufa