Kinokritik: „Solo – A Star Wars Story“ Der junge All-Cowboy aus „Star Wars“

Von Bernd Haasis 

Der turbulente Zukunfts-Thriller „Solo“ erzählt aus den jungen Jahren von Han Solo, des heimlichen Lieblings vieler „Star Wars“-Freunde. Der Film hält sich ans Erwart- und Vorhersenbare – Überraschungen bleibt er schuldig.

Alden Ehrenreich (hier mit   Joonas Suotamo als Chewbacca) ist ein schmucker Cowboy, bleibt    als Titelheld in „Solo – A Star Wars Story“  aber eher ein Leichtgewicht Foto: Disney 36 Bilder
Alden Ehrenreich (hier mit Joonas Suotamo als Chewbacca) ist ein schmucker Cowboy, bleibt als Titelheld in „Solo – A Star Wars Story“ aber eher ein Leichtgewicht Foto: Disney

Stuttgart - Wenn Filmfiguren zu Ikonen der Popkultur werden, wächst ihr Mythos oft über sie hinaus. Lässt man sie dann noch einmal leibhaftig werden, wirken sie viel kleiner als in den Schwärmereien der kollektiven Erinnerung. Manchmal gelingt eine Rückkehr: Harrison Ford hat mit über 70 den Weltraum-Desperado Han Solo, den er erstmals 1977 in „Star Wars: Episode IV“ spielte, in „Episode VII“ (2015) bravourös zurückgebracht – als altersweisen Melancholiker, gescheitert am Leben und viel zu alt für die Piratennummer, die er trotz allem durchzieht, komisch und selbstironisch wie einst.

Solo ist eine der interessanteren Figuren in George Lucas’ Fantasie-Universum: Kein Magier der ominösen Macht wie der Jedi-Azubi Luke Skywalker und der Potentat Darth Vader, sondern ein Freigeist mit großer Klappe. Der Prinzessin Leia Organa, die er retten soll, erklärt er: „Ich nehme nur von einem Menschen Befehle entgegen: von mir.“ Auch sei er nicht wegen ihr oder ihrer Revolution hier, „ich bin hier wegen des Geldes“. Angesichts des übermächtigen Imperiums und der sturen Leia konstatiert er später: „Keine Belohnung ist das alles hier wert.“

Am Ende nahm er eben nicht einfach das Geld und verschwand

Harrison Ford gab dem All-Piraten und Astro-Cowboy die Aura eines Mannes, der sich als einziger geistig Gesunder unter Irren wähnt. So geht es vielen, „Alle doof außer ich“ ist eine gängige Maxime. Zudem kämpft Han mit weltlichen Problemen, etwa den technischen Mucken seines Fortbewegungsmittels, des wunderbaren Schrottmühlen-Raumschiffs namens Millenium-Falke. Vollends zur Identifikationsfigur wurde er, weil er am Ende eben nicht einfach das Geld nahm und verschwand.

Die Wiedersehensfreude in „Episode VIII“ endete abrupt: Han Solos Sohn Kylo Ren, der dunklen Seite der Macht verfallen, durchbohrte seinen Vater mit einem Lichtschwert. Verantwortlich für den Erfolg des Comebacks war der Regisseur und Produzent J. J. Abrams. Der hatte schon mit der aktuellen „Star Trek“-Filmreihe, beginnend 2009, das Wunder vollbracht, die Enterprise-Ur-Besatzung neu zu beleben mit jungen Schauspielern wie Chris Pine als Captain Kirk und Zachary Quinto als Mr. Spock.

Ron Howard liefert solides Unterhaltungskino

Nun folgt also Han Solo, und so desolat, wie aus Cannes zu hören war, ist sein Film nicht – „Solo – A Star Wars Story“ hat als reines Unterhaltungsprodukt nur nichts verloren beim künstlerisch orientierten Festival. Der Regie-Routinier Ron Howard („A Beautiful Mind“) erzählt solide das Werden des jungen Han Solo – deutlich solider als Lucas’ seine vermurksten „Star Wars“-Episoden I bis III (1999–2005). Die Akteure kämpfen, fliegen und tricksen in einem effektstrotzenden, turbulenten Weltraum-Abenteuer vor reicher außerirdischer Kulisse. Das Drehbuch stammt von Lawrence Kasdan, der schon „Episode V: Das Imperium schlägt zurück“ (1980) geschrieben hat und auch „Indiana Jones“ (1981). Mit seinem Sohn Jon als Co-Autor bedient er alle Erwartungen: Die Zuschauer erfahren, wie Han Solo (Alden Ehrenreich) den Wookie Chewbacca kennenlernt, wie er auf die schiefe Bahn gerät und Improvisieren lernt, wie er beim Glücksspiel dem Charmeur Lando Calrissian (Donald Glover) den Millennium-Falken abknöpft. Auch der alte, rätselhafte Satz von der „Kesselrunde in 12 Parsecs“ wird bebildert als wilde Jagd durch gefährlichen Raum – ohne dass man hinterher wirklich schlauer wäre. Die Macht lauert in diesem Film nur im Hintergrund, und eines fehlt ganz: Überraschungen. Die Story bleibt gefangen in den vorhersehbaren Schlachten von gestern.

Und sie hat dramaturgische Schwächen. Eingangs flieht Han von einem Sklavenplaneten und muss seine Freundin Qi’ra (Emilia Clarke) zurücklassen – die er dann als „Mitarbeiter“ des Schmugglers Beckett (Woody Harrelson) wie in einer B-Serie zufällig wiedertrifft als rechte Hand des Gangsters Dryden (Paul Bettany). Uns im Verwirrspiel um Interessen und Loyalitäten – wer haut wen übers Ohr? – wirkt einer immer so, als wäre alles nur ein Spiel: Han Solo. Die Kasdans haben den Bruddler in ein Sonnenscheinchen verwandelt, das sich zudem benimmt wie verliebter Idiot – eine charakterliche 180-Grad-Wendung. In „Episode V“ (1980) sagt Han zu Leia: „Sie mögen mich, weil ich ein Schurke bin. Es gab leider nicht genug Schurken in ihrem Leben.“ Nun sagt Qi’ra zum jungen Han: „Du bist hier der Gute.“ Und sie hat leider Recht.

Ehrenreich wirkt nicht wie Han Solo, sondern wie dessen Darsteller

Sollte hier verdeutlicht werden, wieso aus Solo später ein zerrissener Sarkast wird, sind Autoren und Regie gescheitert: Der alte Han ist im jungen nirgends zu erkennen. Auch Alden Ehrenreich hatte offenbar Zugangsprobleme, er wirkt durchweg nicht wie Han Solo, sondern wie einer, der vorgibt, Han Solo zu sein. Wenn es brenzlig wird, hat er kein „ganz mieses“ Gefühl, sondern ein „gutes“, als ob unmöglich etwas schiefgehen könnte. Fords Han Solo ist eine Endzeitfigur mit Galgenhumor. Als er zur Strafe in Karbonit eingefroren werden soll, ruft Leia ihm zu: „Ich liebe dich!“ Und er erwidert: „Ich weiß.“ Von solchen großem Kinomomenten ist Ehrenreich Lichtjahre entfernt, er wirkt bestenfalls frisch, eher aber zu unangestrengt.

Dass er mehr kann, hat er in „Hail Caesar“ (2016) gezeigt, einer Hollywood-Satire der Coen-Brüder: Er überzeugte als Westerndarsteller, der reiten, schießen und das Lasso werfen kann wie kein zweiter, mangels Alternativen vom Studio aber in einen Kostümschinken abkommandiert wird, in dem er auf einem edlen Sofa mit Teetasse mit einer feinen Dame Konversation machen soll mit seinem Cowboy-Slang. Von diesem Witz ist in „Solo“ wenig zu sehen.

Der heimliche Star ist eine Droidin, die für Roboterrechte kämpft

Was den Film rettet, sind die anderen Akteure. Emilia Clarke, als Drachenmutter in „Game of Thrones“ berühmt, brilliert als charmante wie gerissene Doppelagentin, Woody Harrelson („True Detective“) als zwiespältiger Mentor, Paul Bettany („Margin Call“) als exaltierter Bösewicht. Donald Glover („Atlanta“) versieht das Schlitzohr Lando Calrissian mit feinen humoristischen Nuancen. Der heimliche Star aber ist eine Droidin namens L3, die für Roboterrechte kämpft – ein starker Ansatz, der leider in komödiantischer Harmlosigkeit versackt.

Auch hier offenbart dieser Film, wie schwer es dem lange strikt familienfreundlich ausgerichteten Disney-Konzern immer noch fällt, Unerhörtes zuzulassen. Eigentlich sollten Phil Lord und Chris Miller, die Schöpfer des anarchischen „Lego Movie“ (2014), den Film drehen – doch sie wurden wegen „kreativer Differenzen“ durch Ron Howard ersetzt. Disney, jetzt schon ein dominierender Akteur im Filmgeschäft, möchte nun 20th Century Fox kaufen – jenes Studio, das die frühen „Star Wars“-Filme realisiert hat und aktuell mit dem zweiten Teil der Superhelden-Satire „Deadpool“ zeigt, wie gewitztes, zeitgemäßes Kino aussehen kann. Es ist schwer vorstellbar, dass Disney so ein Projekt realisieren würde – und so könnte dem Kino eine Biedermeier-Ära drohen, die den Abstand noch vergrößern würde zur Konkurrenz brillant produzierter Serien wie „Altered Carbon“ oder „Lost in Space“.