Kinokritik zu „Styx“ Die Not der anderen

Von Kathrin Horster 

In einem Kammerspiel auf dem Meer setzt sich der Regisseur Wolfgang Fischer intensiv mit der Seenotrettung geflüchteter Menschen auseinander. Eine einzelne Frau muss sich überlegen, ob und wie und wem sie mit ihrem kleinen Boot helfen kann.

Susanne Wolff spielt in „Styx“ die Notärztin Rike, die allein auf dem Meer eigentlich Erholung von ihrem harten Job sucht. Foto: Verleih
Susanne Wolff spielt in „Styx“ die Notärztin Rike, die allein auf dem Meer eigentlich Erholung von ihrem harten Job sucht. Foto: Verleih

Stuttgart - Die Versorgung von Unfallopfern ist Routine für die deutsche Notärztin Rike. Man erfährt nicht viel über ihr Leben in Wolfgang Fischers Drama „Styx“. Man ahnt aber, dass diese Medizinerin in ihrem Job auszubrennen droht und sich deshalb entschließt, vollkommen ­allein auf ihrer Zwölf-Meter-Jacht in See zu stechen. Rike ist auf der Suche nach dem nächsten Kick. Sie träumt vom Paradies, einem von Charles Darwin künstlich an­gelegten Urwald auf der Insel Ascension im Südatlantik.

Kurz nach ihrem letzten Einsatz bricht Rike zu ihrer Tour auf. Zu Beginn des Herbstes ist das Meer noch gut befahrbar, den ersten Sturm übersteht Rike dank ihrer professionellen Ausrüstung ohne größere Blessuren. Im Gegensatz zu dem maroden, ­gefährlich überladenen Fischkutter, den Rike in kurzer Distanz zu ihrer Jacht vor der afrikanischen Küste ortet.

Es geht um das pro und contra privater Hilfsaktionen

Die Seenotrettung Geflüchteter war in den vergangenen Monaten immer wieder Thema in den Medien. Unter dem Titel „Seenotrettung: Oder soll man es lassen?“ erörterte die Wochenzeitung „Die Zeit“ im Juni etwa das Pro und Kontra privater Hilfsaktionen vor europäischen Küsten und löste damit auch eine Kontroverse über die Art der Berichterstattung aus. Wolfgang Fischer begegnet der extrem überhitzten Debatte mit größtmöglicher Sachlichkeit – und öffnet so wieder den Blick für das Leid direkt Betroffener.

Rike steht stellvertretend für alle Europäer, die aus sicherer Distanz auf das Unglück der Geflüchteten schauen. Sie weiß, dass ihr Schiff zu klein ist, um alle Menschen aufzunehmen. Es wäre fatal, näher an die ­Unglücksstelle heranzufahren, sie würde damit die ohnehin herrschende Panik noch verstärken, ein Gerangel könnte das Boot weiter in Schieflage bringen. Ein schier unauflösbares Dilemma für die Profiretterin. Zunächst versucht Rike, die Küstenwache und andere Schiffe anzufunken. Die Anweisungen, die sie bekommt, sind eindeutig und wenig beruhigend: „Halten Sie sich fern. Warten Sie auf Hilfe.“ Aber die in Aussicht gestellte Unterstützung kommt nicht. Nach einigen Stunden schafft es Kingsley (Gedion Oduor Wekesa), ein etwa 14-jähriger Junge, zu Rike. Den ungeübten und offensichtlich verletzten Schwimmer kann Rike an Bord hieven, doch die Rettung hat Folgen.

Der Film kommt mit wenigen Dialogen aus

Plausibel stellt der studierte Psychologe Wolfgang Fischer das Dilemma von Rike der Not von Kingsley gegenüber. Dieser ­befremdet die Ärztin mit seiner verzweifelt aggressiven Forderung nach Hilfe. Rike beruft sich hingegen auf die Verantwortlichkeit der staatlichen Autoritäten und auf ihre begrenzten Mittel. Der Film kommt mit nur wenigen Dialogen aus, dennoch gelingt es Fischer, Verweise auf den ideengeschichtlichen Hintergrund der Auseinandersetzung zwischen Europäern und Migranten in seinen Film einfließen zu lassen, indem er etwa auf Darwins Theorie vom „Survival of the Fittest“ anspielt.

Als Europäerin genießt Rike internationale Freizügigkeit, mithilfe der zur Verfügung stehenden ökonomischen Ressourcen kann sie sich den Gegebenheiten der See anpassen und deren Gefahren beherrschen. Kingsley hingegen steht stellvertretend für all jene Menschen, deren Länder von westlichen Kolonialmächten ausgebeutet wurden und gegen deren Träume, Hoffnungen und Nöte sich das moderne Europa abzuschotten versucht – aus Furcht vor Überladung der eigenen Arche, die nur einer handverlesenen, gewollten Klientel von Einwanderern vorbehalten ist.

Metapher für den Überlebenswillen

Kingsley schafft es aus eigener Kraft auf Rikes Jacht. Er überwindet die Grenze zwischen Leben und Tod, die der Unterweltfluss Styx in der griechischen Mythologie markiert. Das dient als Metapher für den ungebrochenen Überlebenswillen der vielen unbeachteten Menschen in den Krisenregionen dieser Welt. Durch die Anerkennung der eigenen Verantwortlichkeit lernt Rike schließlich, sich für andere zu öffnen. Das Risiko, von deren Not zunächst überwältigt zu werden, muss eingehen, wer ­etwas verändern will.