Kinokritik: Widows Wenn die Männer erledigt sind

Von Bernd Haasis 

Drei Frauen in Not planen einen Coup: Der Regisseur Steve McQueen legt mit seinem vierten Film einen intelligenten Thriller mit starken Figuren vor – und geht einer von Eigennutz und Korruption bestimmten Gesellschaft auf den Grund.

In der Sauna reden die Frauen über ihren Selbsthilfe-Plan: Linda (Michelle Rodriguez), Veronica (Viola Davis) und  Alice (Elizabeth Debicki) in „Tödliche Witwen“ Foto: Verleih 7 Bilder
In der Sauna reden die Frauen über ihren Selbsthilfe-Plan: Linda (Michelle Rodriguez), Veronica (Viola Davis) und Alice (Elizabeth Debicki) in „Tödliche Witwen“ Foto: Verleih

Stuttgart - Seit dem Oscar für den Sklavenhalterfilm „12 Years a Slave“ (2013) weiß die Welt, was der Filmkünstler Steve McQueen kann: Der in London geborene Sohn karibischer Einwanderer bereitet komplexe Sachverhalte so stringent und packend für die Leinwand auf, dass sie ein breites Publikum fesseln. In „Hunger“ (2008) machte er den Schrecken des Hungerstreiks von IRA-Gefangenen 1981 nachfühlbar, in „Shame“ (2011) die Leiden eines verzweifelten Sexsüchtigen.

Sein vierter, in Chicago angesiedelter Spielfilm „Widows“ ­beginnt wie ein klassischer Krimi, auch wenn die Ästhetik von Anfang an klarmacht, dass mehr dahinter ist. In Schlaglichtern zeigt McQueen den Berufsverbrecher Harry (Liam Neeson, „Schindlers Liste“) und seine Komplizen, wie sie sich vor einem Coup von ihren Frauen verabschieden und dann in einen Hinterhalt der Polizei geraten – nach wenigen Minuten sind die vermeintlichen Hauptfiguren des Films Geschichte. Harrys Witwe Veronica (Viola Davis) wird nun von Gläubigern bedroht. Sie findet das Notizbuch ihres Mannes, in dem der Plan für den nächsten Coup minutiös aufgezeichnet ist – und rekrutiert die anderen Witwen für das Manöver. Die Frauen wandeln sich von verwöhnten ­Anhängseln oder ohnmächtigen Opfern zu starken Persönlichkeiten, und während sie das tun, streift McQueen den gesamten Themen-Cocktail, der die US-Gesellschaft besonders in den Städten umtreibt und explosiv macht: Eigennutz, Filz, Korruption, Sexismus, Rassismus.

Afroamerikaner fordern die Iren heraus

Die Fäden im Viertel zieht seit Generationen die Familie Mulligan, deren Patriarch nun als Bezirksbürgermeister abtritt und seinen Sohn Jack als Nachfolger installieren möchte. Der flunkert den Bürgern im Wahlkampf wie befohlen blühende Landschaften vor, hat das kranke System aber eigentlich satt. Es ist großes Kino, wie Robert Duvall und Colin Farrell einander umkreisen und sich ineinander verbeißen als Vater und Sohn. McQueen verweist auf historische Strukturen, die im 19. Jahrhundert gewachsen sind: Einwanderergruppen – Mulligan ist ein irischer Name – beherrschen bis heute die von ihnen einst homogen bewohnten Stadtviertel, die Partei fungierte als „Machine“ zum Machterhalt, der Anführer wurde „Boss“ genannt und war häufig einem Gangster nicht ­unähnlich. Die Mulligans indes haben Konkurrenz: Der afroamerikanische Schutzgelderpresser und Politiker Jamal Manning tritt ebenfalls an, er wittert die Chance, das irische Regime endlich zu brechen mit Hilfe seines sadistischen Bruders Jatemme, der für ihn die Drecksarbeit erledigt.

Im Zentrum aber stehen die Frauen. Viola Davis treibt als Anführerin die Handlung voran, funkelt aber weniger hell als in der Rolle einer zwielichtigen Juraprofessorin, die sie in der Serie „How to get away with Murder“ spielte. Eine echte Entdeckung ist Elizabeth Debicki („The Night Manager“) als blonde Alice, die von ihrem Ehemann geschlagen wurde, ihre Unselbstständigkeit ablegt und ihr Talent entdeckt, Leute für sich einzunehmen. Als Zuarbeiterin fungiert die alleinerziehende Linda (Michelle Rodriguez, „The Fast and the Furious“). Sie kann immerhin die Babysitterin Belle (Cynthia Erivo) als Komplizin aufbieten, die sich bald als extrem tough erweist und in der atemlosen Raubüberfall-Sequenz eine entscheidende Rolle spielt.

Der Regisseur bringt am Ende Gnade auf

Eigentlich kann so eine Geschichte nicht gut ausgehen, aber McQueen zeigt zumindest ein bisschen von dem, was die männlichen Drahtzieher in seinem präzise fotografierten Krimidrama nicht aufbringen: Gnade. Wer intelligente Thriller und starke Frauen mag, liegt hier richtig, Basiskenntnisse der amerikanischen Verhältnisse sind aber sicher hilfreich.

Tödliche Witwen. USA 2018. Regie: Steve McQueen. Mit Viola Davis, Elizabeth Debicki, Robert Duvall, Liam Neeson. 130 Minuten. Ab 16 Jahren.