Kinokritik zu „Just Mercy“ Wer die Rassisten stört

Von Falk Straub 

Im Drama „Just Mercy“ kämpft Michael B. Jordan als Anwalt und Bürgerrechtler gegen Rassismus und Justizirrtümer im Süden der USA.

Michael B. Jordan spielt einen schwarzen  Anwalt in den Südstaaten. Foto: Warner 12 Bilder
Michael B. Jordan spielt einen schwarzen Anwalt in den Südstaaten. Foto: Warner

Stuttgart - Wer etwas über rassistische Strukturen erfahren möchte, muss in diesem Film auf die Polizeikontrollen achten. Sind die Kontrollierten schwarz, legen sie instinktiv ihre Hände aufs Lenkrad, senken Blick und Stimme. Das Signal an die weißen Polizisten ist klar: Von mir geht keinerlei Gefahr aus. Walter McMillian (Jamie Foxx) nützt das nichts. Als er im Juni 1987 in Monroeville, Alabama, angehalten wird, hat Sheriff Tom Tate (Michael Harding) nach einem Jahr ergebnisloser Suche seinen Sündenbock gefunden. Trotz eines wasserdichten Alibis, aber mithilfe falscher Zeugenaussagen wird McMillian wegen des Mordes an einer 18-jährigen Weißen verurteilt.

Die Morddrohungen kommen

Der Regisseur Destin Daniel Cretton („Schloss aus Glas“)erzählt McMillians langen Weg aus der Todeszelle zurück in die Freiheit und die Geschichte seines Anwalts Bryan Stevenson (Michael B. Jordan). Die Begegnung mit einem gleichaltrigen Verurteilten öffnet Stevenson noch als Jurastudent die Augen: Der junge Mann hinter Gittern könnte auch er sein. Mit einem Harvard-Abschluss in der Tasche zieht er von Delaware nach Alabama, um alte Fälle wieder aufzurollen. Doch einen Unruhestifter wie Stevenson will im tiefsten Süden keiner haben. Weil ihm niemand Büroräume vermietet, quartiert er sich bei seiner Mitarbeiterin Eva Ansley (Brie Larson) ein. Die Morddrohungen lassen nicht lange auf sich warten.

Cretton inszeniert die mal versteckte, meist offene Diskriminierung unaufgeregt, aber nachdrücklich. Der soziale Status bringt Stevenson nichts. Nur seine Hautfarbe zählt und setzt ihn und seine Klienten übler Schikane aus. Cretton, von dem zuletzt die Romanverfilmung „Schloss aus Glas“ (2017) zu sehen war, setzt Stevensons Memoiren erfreulich unpathetisch um. Dramatische Zeugenaussagen und flammende Plädoyers sucht man vergebens. Michael B. Jordan und der brillante Jamie Foxx spielen zurückhaltend. Die Nüchternheit tut dem Film gut. Sie steht in klarem Kontrast zu einem anderen Drama, das in mehrfacher Hinsicht als Referenzpunkt dient: Harper Lees Roman „Wer die Nachtigall stört“ (1960) und dessen Adaption mit Gregory Peck.

Feigenblätter für das Unrecht

Wie McMillian stammt auch Lee aus Monroeville, und die weißen Würdenträger der Stadt werden in diesem Film nicht müde, Stevenson den Besuch des Nachtigall-Museums zu empfehlen. Für Staatsanwalt Tommy Chapman (Rafe Spall) „eines der großen Wahrzeichen für Bürgerrechte hier im Süden“ und eines der vielen Feigenblätter, die den Rassismus nur notdürftig bedecken.

Zynische Kommentare wie dieser stellen ein auf perfide Weise agierendes System besser bloß als hochtrabende Appelle für mehr Gerechtigkeit. Und noch etwas gelingt „Just Mercy“ gut. Der lange, bisweilen auch fürs Kinopublikum ermüdende Weg durch alle Instanzen führt die Voreingenommenheit des Justizapparats vor Augen. Für einen Staatsanwalt oder Richter zählt das eigene Ansehen in der Gemeinde mitunter mehr als Recht und Ordnung. Ein ruhiger und ruheloser Ruhestörer wie Stevenson rückt dieses Ungleichgewicht wieder gerade.

Just Mercy. USA 2019. Regie: Destin Daniel Cretton. Mit Michael B. Jordan, Jamie Foxx, Brie Larson. 137 Minuten. Ab 12 Jahren.