Kinokritik zu „Mary Poppins’ Rückkehr“ Nostalgie kann so schön sein

Von Martin Schwickert 

Die Titelheldin aus „Mary Poppins“ gehört zu den bekanntesten Disney-Gestalten überhaupt – auch wenn man die Zeichentrickfiguren einrechnet. Nun kehrt Poppins zurück, und der Musical-Spezialist Rob Marshall inszeniert das bombastisch. Emily Blunt als magisches Kindermädchen ist eine Offenbarung.

Es wird viel gesungen und getanzt: Emily Blunt als Mary Poppins mit den Lampenputzern von London Foto: Unit 13 Bilder
Es wird viel gesungen und getanzt: Emily Blunt als Mary Poppins mit den Lampenputzern von London Foto: Unit

Stuttgart - Während manch gewöhnlicher Superheld in Hollywood alle paar Jahre in Sequels, Reboots oder Spin-Offs neu zum Leben erweckt wird, musste Mary Poppins ganze 54 Jahre auf ihre Reanimation warten. 1964 schwebte in dem gleichnamigen Disney-Musical Julie Andrews mit dem Regenschirm vom Himmel herab. Mit durchaus eigenwilliger Didaktik kümmerte sich die beherzte Gouvernante um die Kinder der Familie Banks, die unter der mangelnden Zuwendung ihres arbeitssüchtigen Vaters litten. Das Musical unter der Regie von Robert Stevenson war vielleicht kein kompositorisches Meisterwerk, zeigte sich aber bei der Produktion von Ohrwürmern sehr erfolgreich und schrieb die Figur des liebevoll-dominanten Kindermädchens tief in die Film- und Kulturgeschichte ein.

Wer sich mehr nun an eine Fortsetzung wagt, muss die richtige Balance zwischen Nostalgie und Innovation finden. Regisseur Rob Marshall geht in „Mary Poppins’ Rückkehr“ kein Risiko ein und hält sich eng am Original fest. Das gilt für das Handlungsgerüst und das bekennende Retro-Design, sondern auch für die musikalische Gestaltung, in der jeder Song der Vorlage eine neu komponierte Entsprechung findet. Und letztlich ist es genau dieses offene Bekenntnis zum nostalgischen Vergnügen, das den beträchtlichen Unterhaltungswert dieser späten Fortschreibung ausmacht.

Die Kraft der Illusion heilt die triste Realität

Die Handlung springt eine Generation weiter ins London der 1930er Jahre zur Zeit der Weltwirtschaftskrise. Michael Banks (Ben Wishaw) hat vor wenigen Jahren seine geliebte Ehefrau verloren und kümmert sich seiner mit Schwester Jane (Emily Mortimer) um die Erziehung der drei Kinder. Am Morgen klopfen die Gerichtsvollzieher an der Tür. Raten für die Hypothek stehen aus, nun droht die Räumung. Mitten in dieses Sorgen-Szenario schwebt Mary Poppins (Emily Blunt) mit dem aufgeklappten ­Regenschirm vom grauen Londoner Himmel herab und landet auf der Wiese so selbstverständlich, als wäre sie gerade aus einem Bus gestiegen. Vater und Tante wundern sich, dass ihre frühere Nanny nach all den Jahren vollkommen unverändert vor ihnen steht. „Über das Alter einer Dame spricht man nicht“, ermahnt Poppins ihre früheren Zöglinge und nimmt sich der drei Kinder an.

Gegen die triste, scheinbar ausweglose Realität setzt die Gouvernante die Kraft der Illusion und nimmt zusammen mit dem sangesfreudigen Lampenputzer Jack (Lin-Manuel Miranda) die Geschwister mit auf ihre fantastischen Reisen. Durch den Badewannen­abfluss geht es schnurstracks ­hinaus aufs Meer und über die Scherben einer zerbrochenen Vase mitten hinein in einen Jahrmarkt, wo fotorealistische Welt und Zeichentrickfilm ineinanderfließen. Gestärkt durch diese Ausflüge in die Traumwelten finden die Kinder Hoffnung und Kraft, um gegen die Pläne des finsteren Bankiers Wilkins (Colin Firth) anzugehen.

Die Song- und Tanzeinlagen sind ausufernd

Regisseur Marshall („Chicago“) schöpft das luxuriöse Disney-Budget in vollen Zügen aus und weiß vor allem in den Großchoreografien zu überzeugen. Wenn sich die gesamte Londoner Lampenputzer-Innung auf die Fahrräder schwingt und die Leitern im Takt der Musik übereinander stellt, um hoch oben im Big Ben die Zeit zurückzudrehen, setzen die genau ineinander greifenden Bewegungen cineastische Glückshormone frei. Die Song- und Tanzeinlagen – samt eines Gastauftritts von Meryl Streep als exzentrischer, russischer Reparatur-Expertin – sind zahlreich und ausufernd. Wer mit dem Genre nichts anfangen kann und nach tragfähigen Handlungsbögen sucht, ist hier so gut wie verloren.

Das Herz der zuckersüßen Inszenierung ist die stets fabelhafte Emily Blunt („Victoria, die junge Königin“), die in die Rolle der legendären Nanny hineingeboren zu sein scheint. Sie verleiht ihrer Mary Poppins eine wunderbare Strahlkraft, unterlegt mit einer sanften Ironie – so arbeitet sie genussvoll die ­Eitelkeit der Figur heraus, ­deren zickige Dominanz und britische ­Akzentuiertheit.

Mary Poppins’ Rückkehr. USA 2018. Regie Rob Marshall. Mit Emily Blunt, Lin-Manuel Miranda, Ben Whishaw, Emily Mortimer, Colin Firth. 131 Minuten. Ohne Altersbeschränkung.