Kinosterben in der Coronakrise Warum der Ufa-Palast in Stuttgart für immer schließt

Von Uwe Bogen 

Die Nachricht schlägt in der Stuttgarter Kinoszene wie eine Bombe ein: Der Ufa-Palast wird auch nach der Pandemie nicht mehr öffnen. Branchenkenner sagen, das Ende des größten Multiplex-Kinos im Südwesten liegt nicht allein an Corona.

Der Ufa-Palast in Stuttgart, das größte Multiplex-Kino in Süddeutschland,  schließt für immer. Der Ufa-Palast wird nicht mehr als Kino öffnen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Der Ufa-Palast in Stuttgart, das größte Multiplex-Kino in Süddeutschland, schließt für immer. Der Ufa-Palast wird nicht mehr als Kino öffnen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Mit 13 Kinosälen und 4300 Sitzen war der 1996 eröffnete Ufa-Palast an der Rosensteinstraße das größte Multiplex-Kino in Süddeutschland. Während die Betreiberfamilie Riech in Düsseldorf nächste Woche nach der Corona-Zwangspause ihren dortigen Ufa-Palast öffnet, erklärt sie für ihr Haus in Stuttgart das Ende für immer. Als Gründe für diesen Schritt nennen die Kinochefs „die aktuelle Schließungsanordnung wegen der Corona-Pandemie, die jetzt schon monatelang währt, ein nicht vorhersehbarer Öffnungstermin, darüber hinaus eine zu erwartende schwierige Wiederanlaufphase“. Leider hätten die Filmverleiher die angekündigten Filmstarts auf unbestimmte Zeit verschoben, was zu einer wirtschaftlichen Situation führe, „die uns keine Alternative gelassen hat“, teilt die Familie Riech auf der Homepage des Ufa-Palastes mit. Künftig werde es an diesem Standort keine Kinos mehr geben. Etwa 40 Beschäftigte sind von der Schließung betroffen und werden wohl ihren Arbeitsplatz verlieren.

1996 ist das Großkino eröffnet worden

Die Einnahmeausfälle in der Coronakrise bedrohen die Existenz zahlloser Kinos im ganzen Land. Wenn schon das größte Haus aufgibt – was ist dann erst mit den kleinen Filmtheatern? Branchenkenner sagen, nicht allein das Coronavirus habe dazu geführt, dass beim Ufa-Palast in Stuttgart der allerletzte Vorhang gefallen ist. Wiederholt gab es finanzielle Probleme in dem 1996 eröffneten Großkino. Offensichtlich hätten sich die Lage am Rand der Innenstadt, die Großbaustelle für Stuttgart 21 vor der Haustüre und die Konkurrenz der anderen Multiplex-Kinos in Stuttgart als negativ für den Geschäftsverlauf im Südmilchareal ausgewirkt. Um es mit der heutigen Sprache zu sagen: Der Ufa-Palast hatte „Vorerkrankungen“; als Corona kam. „Wenn man auf schwachen Füßen steht, fällt man endgültig um, wenn in der Coronakrise nichts mehr geht“, sagt Peter Erasmus, der seit 42 Jahren in Stuttgart für Filmkunst bekannt ist. Der Chef der Arthaus Filmtheater Stuttgart GmbH hat am vergangenen Donnerstag das Autokino beim Kulturwasen gestartet.

Erasmus ist für die eigene Zukunft zuversichtlich

„Wir werden die Krise überleben“, betont Erasmus als Vertreter eines kleinen Kinounternehmens gegenüber unserer Zeitung, nicht zuletzt dank der öffentlichen Unterstützung. Wie sich die Schließung des größten Konkurrenten in der Stadt auswirkt? „Das werden wir sehen“, sagt der Arthaus-Chef, der nächste Woche sein Delphi unter Einhaltung der Hygienevorschriften eröffnet. Sorge bereiten Erasmus die Dumping-Preise bei den Eintrittskarten, die Cinemaxx für seine Häuser angekündigt hat.

Zuversichtlich ist auch Margarete Söhner, dass die Innenstadtkinos, für die sie arbeitet, nicht der Pandemie zum Opfer fallen. Der Vorteil des Unternehmens ist, dass die Häuser, in dem sich die Säle befinden, der Eigentümerfamilie gehören, sie also keine Mieten zahlen muss. Am kommenden Donnerstag starten die Innenstadtkinos zunächst mit dem Metropol. Frau Söhner denkt auch über ein Open-Air-Kino nach.

Die Ufa-Theater AG in Düsseldorf, die seit 1996 in Stuttgart aktiv war, wurde 1955 von Heinz Riech gegründet. Der oft als „Kino-König“ bezeichnete Unternehmer leitete bis zu seinem Tod im Jahr 1992 fast 500 Kinos in 67 deutschen Städten. Er gilt als Vater der sogenannten „Schachtelkinos“ und dominierte jahrelang den Kinomarkt. Das Unternehmen wird nun in der dritten Generation von seinem Enkel geführt.

Verband der Filmtheater in großer Sorge

Etwa 1730 Kinos gibt es laut dem Hauptverband Deutscher Filmtheater derzeit in Deutschland, das sind 100 mehr als noch fünf Jahre zuvor. Die Zahl der Kinogänger hat sich nach einer Mitteilung des Verbandes zuletzt auf etwa 105 Millionen eingependelt. „In diesem Jahr wird sich diese Zahl dank Corona-Krise und landesweit geschlossener Kinosäle mit einiger Sicherheit dramatisch verringern“, heißt es weiter. Blieben die Filmtheater drei Monate geschlossen, erwartet der Hauptverband Deutscher Filmtheater Kosten von 186 Millionen Euro. Da sich schon jetzt viele Kinos finanziell am Rande des Abgrunds bewegten, sei ein massives Kinosterben „sehr wahrscheinlich“. Stuttgart zeigt nun mit der Schließung des größten Hauses, dass diese Prognose stimmt.

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