Kirchenbezirk Esslingen Der Kirchturm rückt weiter weg

Weg vom Kirchturmdenken: Pfarrer Matthias Vögele, Ulrike Sämann von der Bezirkssynode Esslingen und Dekan Bernd Weißenborn von der evangelischen Kirche. Foto: Ines Rudel

Der evangelische Kirchenbezirk Esslingen übt sich in Mangelverwaltung. Bis 2030 müssen neun Gemeindepfarrstellen gestrichen werden. Auf die Kirchengemeinden kommen Einschnitte und Einschränkungen zu. Auch im Dekanat Nürtingen fallen Pfarrstellen weg.

Reporterin: Simone Weiß (swe)

Der evangelische Kirchenbezirk Esslingen muss personell den Gürtel enger schnallen. Im schwierigen Spagat zwischen Mitgliederrückgang, Sparzwang und Personalmangel auf der einen und der Gewährleistung des seelsorgerischen Auftrags auf der anderen Seite hatte die Landeskirche in Württemberg im letzten Jahr einen neuen Stellenplan, den „Pfarrplan 2030“, ausgearbeitet. Auf einzelne Kirchengemeinden kommen massive Einschnitte zu.

 

Die Mitgliederzahlen sinken beständig. In der Evangelischen Landeskirche in Württemberg ist laut Ulrike Sämann, der Vorsitzenden der Bezirkssynode Esslingen, ein Rückgang um 2,4 Prozent an Gemeindegliedern pro Jahr zu verzeichnen: Es werde damit gerechnet, dass die Zahlen von etwa 1,7 Millionen Personen im Jahr 2023 auf ungefähr 1,6 Millionen im Jahr 2030 abnehmen werden. Grund seien der demografische Wandel und die hohe Zahl an Austritten. Durch die sinkende Zahl der Kirchenmitglieder gingen auch die Einnahmen aus den Kirchensteuern zurück, gleichzeitig seien aber die Ausgaben etwa für Mitarbeitende oder den Unterhalt kircheneigener Gebäude hoch. Zudem gibt es immer weniger Pfarrer, führt Ulrike Sämann aus. Die Babyboomer-Generation gehe nach und nach in den Ruhestand – doch es würden weniger junge Seelsorger nachkommen. Auf diese Entwicklungen müsse auch der evangelische Kirchenbezirk Esslingen reagieren, so Ulrike Sämann: Nach den Vorgaben der Landeskirche müsse die Zahl der Gemeindepfarrerstellen bis 2030 von bisher 29,75 auf 20,75 reduziert werden.

Zum Erreichen dieses Ziels sind massive Einschnitte geplant. Längerfristig werden zehn Pfarrstellen im Kirchenbezirk Esslingen gestrichen, teilt Dekan Bernd Weißenborn mit. Bei einem Ausscheiden eines Amtsinhabers durch einen Arbeitsplatzwechsel oder den Renteneintritt wird die frei werdende Stelle in den kommenden Jahren nicht mehr besetzt. Ab 2030 fallen diese Pfarrstellen komplett weg, selbst wenn der bisherige Amtsinhaber noch vor Ort sein sollte. Gestrichen werden Stellen für Seelsorger in der Süd- und Citykirche, in Zell, Lichtenwald, bei der Paul Gerhardt-Kirche in Plochingen, in Mettingen, in Sulzgries-Nord, St. Bernhardt, Aichwald und Köngen-Süd sowie die Jugendpfarrstelle. Neu geschaffen wird aber eine Stelle für einen „Transformationspfarrer“, der als Vertretung im Urlaubs- und Krankheitsfall einspringen und sich zudem mit seinen Kollegen um die Jugendarbeit kümmern soll.

Der Personalschlüssel für Pfarrer wird somit im Kirchenbezirk Esslingen neu berechnet. Dort soll es laut Dekan Weißenborn ab 2030 noch 15 Vollzeitstellen geben. Einen Pfarrer auf der Basis von 100 Prozent werden dann nur noch die Johanneskirche, die Martinskirche in Oberesslingen, Sulzgries-Süd, Stadt- und Frauenkirche, Wäldenbronn, Zollberg-Aichwald, Berkheim, Deizisau, die Klosterkirche in Denkendorf, Hochdorf, Köngen-Nord, die Stadtkirche in Plochingen, die Mauritius-Kirche in Reichenbach und Wernau haben. Eine 75-Prozent-Stelle verbleibt für Baltmannsweiler und Hohengehren. 50-Prozent-Stellen sollen Hegensberg, Hohenkreuz und Altbach bekommen. Köngen und die Auferstehungskirche in Denkendorf erhalten gemeinsam zusätzlich zu ihren jeweiligen Vollzeitstellen einen Pfarrer auf 50-Prozent-Basis.

Die Kirchenkarte wird dadurch neu gezeichnet. Neue Kirchengemeinden bilden künftig einmal die Stadtkirchengemeinde Esslingen, Zollberg und Mettingen, sodann Zell, die Johanneskirchengemeinde, Oberesslingen und Hegensberg-Liebersbronn. Diese beiden neu zu gründenden Kirchengemeinden werden jeweils einen neuen Namen und jeweils einen eigenen Kirchengemeinderat zur Leitung der Gemeindeangelegenheiten erhalten.

Enger zusammenarbeiten und Schwerpunkte in der kirchlichen Arbeit bilden sollen Sulzgries und St. Bernhardt zum Hohenkreuz. Lichtenwald soll in Bereichen wie Seelsorge und Predigtauftrag von Hochdorf und Reichenbach aus versorgt werden. Auch in anderen Kirchengemeinden werden Kooperationen angestrebt. Was mit frei werdenden Immobilien passiert, soll laut Bernd Weißenborn im weiteren Verlauf der Entwicklung geklärt werden.

Spezialistentum ist künftig noch mehr gefragt. „Es kann nicht jeder alles machen“, meint Matthias Vögele, Pfarrer an der Esslinger Johanneskirche. Zielgruppenarbeit und klare Zuständigkeiten seien wichtig. Er und seine Kollegen wollen im Esslinger Stadtgebiet daher künftig mit Schwerpunkten arbeiten. Danach sollen Pfarrerinnen und Pfarrer sich auf bestimmte Bereiche wie Jugend, Senioren, Familien mit Kindern oder Diakonie konzentrieren und lokal übergreifende Angebote in ihrem Fachbereich anbieten.

Die Lage im Dekanat Nürtingen

Zahlen
Auch im Bereich des Kirchenbezirks Nürtingen müssen laut Dekanin Christiane Köhler-Weiß aufgrund von Mitgliederschwund, Finanzproblemen und Personalmangel Pfarrstellen eingespart werden. Von den bisherigen 26,25 Stellen sollen 8,5 gestrichen werden. Das bedeute einen Abbau um 32,38 Prozent. Neu eingerichtet werde aber eine Transformationspfarrstelle, um die Umstrukturierung abzufedern: „Das ergibt dann ein Minus von 28,57 Prozent“.

Plan
Ein Plan zum Umgang mit diesen Zahlen wurde laut der Dekanin erarbeitet, der der Bezirkssynode am Freitag, 22. März, zum Beschluss vorgelegt werde. Teams aus mehreren Pfarrern sollen danach für mehrere Gemeinden zuständig sein. Gottesdienstpläne, Konfirmandenarbeit, Jugendarbeit, Erwachsenenbildung und Zielgruppenarbeit sollen angeschaut und gemeinsame Angebote für alle Gemeinden in einem Kooperationsraum angestrebt werden.

Zukunft
Von diesem Plan seien erstmals alle Gemeinden betroffen, auch die, die keine Kürzungen hinnehmen müssten, so Köhler-Weiß: „Sie tragen nun Mitverantwortung für ihre Geschwister in den Nachbargemeinden.“ Die Zeit des Kirchturmdenkens sei vorbei. Auf vieles Gewohnte müsse, vor allem in den Dörfern, verzichtet werden: „Das tut richtig weh.“ Doch durch die Planungen könne dafür gesorgt werden, „dass es bei den Kürzungen gerecht zugeht“.

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