Kirchenfusion in Stuttgart Wie Großmutter, Mutter und Tochter

Von Julia Schenkenhofer 

Die drei Kirchengemeinden Johannes, Paulus und Paul-Gerhardt bilden nach ihrer Fusion die größte evangelische Gemeinde im Kirchenkreis Stuttgart.

Die Johanneskirche gehört ebenfalls zum neuen Gemeindeverbund. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Die Johanneskirche gehört ebenfalls zum neuen Gemeindeverbund. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

S-West -

Stolze 8556 Mitglieder zählt die neue evangelische Kirchengemeinde S-West. Damit ist sie seit dem 1. Dezember die größte im evangelischen Kirchenkreis Stuttgart – und zwar mit Abstand. Denn die zweitgrößte Gemeinde Vaihingen hat mit 7735 fast 1000 Mitglieder weniger. Eine imposante Zahl, hat doch die kleinste Gemeinde Stuttgart-Rotenberg gerade einmal 378 Mitglieder. „Die größte Gemeinde zu sein gibt uns zwar nicht mehr Macht, aber ich glaube wir können es schaffen, die Aufbruchstimmung zu nutzen und durch die vielen Multiplikatoren ins Gespräch und in die Aufmerksamkeit der Stadtgesellschaft zu kommen“, sagt Astrid Riehle, Pfarrerin an der Paul-Gerhardt-Kirche, und eine von derzeit vier Pfarrerinnen und Pfarrern der neu gegründeten Gemeinde Stuttgart-West, die durch die Fusion aus den Gemeinden Johannes, Paulus und Paul-Gerhardt pünktlich zur Kirchengemeinderatswahl entstanden ist. Die drei Gemeinden haben aber auch schon vor dem 1. Dezember ein enges Verhältnis „wie Großmutter, Mutter und Tochter“ gepflegt, heißt es in der Ankündigung der Fusion. Deshalb soll sich für die Gemeindemitglieder zunächst auch wenig ändern, verspricht Astrid Riehle: „Es bleibt zunächst alles beim Alten, die Angebote bleiben bestehen. Im Kirchenalltag merken sie die Fusion nicht, außer dass es öfter einen Kanzeltausch geben wird und der Gemeindebrief künftig wesentlich dicker ist.“

Die Gemeindemitglieder stehen der Veränderung größtenteils positiv gegenüber. Obwohl manche beim festlichen Fusionsgottesdienst mit anschließendem Stehempfang in der Pauluskirche am Sonntag auch Sorgen plagen: „Die Gemeinde ist meine Heimat, ich hoffe, dass dies so bleiben wird“, sagt ein Gemeindemitglied. Solche Sorgen kann der evangelische Stadtdekan Søren Schwesig verstehen, der die Predigt am Sonntag hält. Er macht den Erfolg der Fusion deshalb auch vom Gefühl der Mitglieder abhängig: „Eine gelungene Fusion ist die, in der beim Gemeindemitglied das Heimatgefühl bleibt“, sagte Schwesig.

Pfarrerin Riehle ist optimistisch, dass das Vorhaben gelingen wird. Schließlich behalte jedes Mitglied seinen Pfarrer und seinen Kirchturm. Die Pfarrer hätten aber von nun an mehr Zeit für ihre Gemeinden, da sie sich administrative Aufgaben teilen können. Darüber hinaus würden durch die Fusion Synergien entstehen, sagte Riehle.

Und auch aus anderen Gründen wird die Fusion in der Pauluskirche am Sonntag begrüßt: „Man hat ja gemerkt, dass es immer weniger Stellen gibt; deshalb ist die Fusion einfach notwendig gewesen“, sagt ein Gemeindemitglied aus der ehemaligen Johannes-Gemeinde.

Tatsächlich ist das einer der Hauptgründe, warum die Fusion überhaupt zur Debatte stand: „Wir mussten eine halbe Stelle streichen, das war der Auslöser. Mit der Zusammenlegung können wir Streichungen besser auffangen“, sagte Astrid Riehle, die zusammen mit ihren Kollegen die Zusammenlegung ins Rollen gebracht hat. Der Stadtdekan Søren Schwesig hatte mit der Entscheidung nur sehr wenig zu tun: „Das läuft bei uns sehr basisdemokratisch. Die Gemeinden haben das selbst so entschieden.“

Wie die Fusion konkret weiter geht, wird das kommende Jahr zeigen: „Wir haben die Arbeitsbereiche bisher noch nicht klar definiert. Die meisten Entscheidungen treffen wir beim Kirchengemeinderatswochenende im April. Hier klären wir alle noch offenen Fragen, wie zum Beispiel die Schwerpunktsetzungen der Pfarrer,“ sagte Riehle.

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