Kirchenparlament Württemberg tagt Landeskirche muss radikal sparen

Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl sieht auch den Staat beim Kampf gegen Missbrauch in der Pflicht. Foto: G. Stoppel/Gottfried Stoppel

Die evangelische Landeskirche in Württemberg muss so stark sparen wie wohl noch nie zuvor. Sie habe, so heißt es, über ihre Verhältnisse gelebt.

Familie/Bildung/Soziales: Michael Trauthig (rau)

Es ist eine Hiobsbotschaft, die der oberste Haushalter der Evangelischen Landeskirche in Württemberg dem Kirchenparlament überbringt. Und zugleich kratzen seine Worte wohl auch am Selbstverständnis der schwäbischen, als sparsam geltenden Protestanten. „Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt“, sagt Jörg Antoine. Andere Landeskirchen hätten besser für die Zukunft vorgesorgt. Einerseits wachse nämlich die Belastung durch die Pensionen der Pfarrer und Pfarrerinnen, die in den Ruhestand gehen. Andererseits würden deutlich weniger Kirchensteuern fließen als ursprünglich kalkuliert. Statt der erwarteten 820 Millionen Euro waren es im vergangenen Jahr nur 785 Millionen Euro.

 

Auch 2024 sieht es voraussichtlich nicht viel besser aus – weil die Konjunktur schwächelt und die Zahl der Kirchenmitglieder stark zurückgeht. Perspektivisch müsse der Etat der Landeskirche um 129 Millionen Euro gekürzt werden, machte Antoine den Synodalen in Stuttgart klar. Allerdings ist dem Finanzdezernenten durchaus bewusst, dass diese Vorgabe nicht von einem Jahr auf das andere umzusetzen ist. Sonst droht ein Kahlschlag. Deshalb sollen die Kürzungen laut dem Plan des Oberkirchenrats von 2025 an über vier Jahre gestreckt werden.

So viel sexuelle Gewalt wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen

Der Einsparbedarf sei gewaltig, betonte auch der Vorsitzende des Finanzausschusses Tobias Geiger. Seit dem Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg sei die „Landeskirche nicht mehr vor Herausforderungen dieser Größenordnung“ gestanden. Besonders Redner der liberalen Offenen Kirche warnten davor, nun bei Bildung, Beratung oder Diakonie zu kürzen. Sie rieten, sich fürs Einsparen mehr Zeit zu nehmen. Vertreter der Lebendigen Gemeinde hielten eine Konzentration auf die Kernaufgaben Verkündigung und Förderung der christlichen Gemeinschaft für möglich. Manche Kirchenparlamentarier dachten gar über Kürzungen bei den Pfarrern nach. Konkrete Beschlüsse stehen erst in kommenden Sitzungen an, die Schließung des Bildungszentrums Haus Birkach in Stuttgart für Ende 2025 wurde von der Synode aber bereits gebilligt.

Gänzlich einmütig zeigte sich das Kirchenparlament bei dem schweren Thema der sexuellen Gewalt. Eine Studie hatte im Januar erstmals umfassend den Umgang mit Missbrauch in den 20 Landeskirchen analysiert. Der daran beteiligte Hochschullehrer Thomas Großbölting sagte in Stuttgart, in den evangelischen Kirchen gebe es nicht mehr, aber auch nicht weniger sexuelle Gewalt als in anderen gesellschaftlichen Bereichen. Der Historiker würdigte die Maßnahmen der Kirchen, sieht aber viel Verbesserungspotenzial. In diesem Sinne erklärte die Synode mit dem Oberkirchenrat, die Anstrengungen – etwa zur Prävention – zu verstärken. Bischof Ernst-Wilhelm Gohl nahm auch den Staat in die Pflicht: Es brauche ein Gesetz zur Aufarbeitung von Missbrauch. Das würde für alle Institutionen gelten.

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