Kita-Situation in Stuttgart Bürgermeisterin: „Eine Eltern-Demo bringt keine zusätzlichen Fachkräfte“

Mit Stiften und Schere umgehen lernen – auch dafür brauchen manche Kinder die Kita. In Stuttgart haben 740 Vierjährige keinen Platz. Foto: Jens Büttner/dpa-Zentralbild

Hunderte Kinder haben in Stuttgart keinen Kita-Platz. Die Stadt kommt mit dem Ausbau nicht hinterher. Isabel Fezer (FDP), Bürgermeisterin für Jugend und Bildung, erklärt, was die Kommune tun will, um die Situation zu verbessern.

Familie/Bildung/Soziales: Lisa Welzhofer (wel)

Hunderte Kinder haben in Stuttgart keinen Kita-Platz. Isabel Fezer (FDP), Bürgermeisterin für Jugend und Bildung, erklärt im Interview, was die Kommune dagegen tun will.

 

Frau Fezer, die Stadt wollte mit der Möglichkeit, dass Kitas freiwillig zwei zusätzliche Kinder je Gruppe aufnehmen können, Plätze für hunderte bislang unversorgte Kinder schaffen. Das hat nicht geklappt. Warum?

Ich hatte mir tatsächlich deutlich höhere Zahlen erhofft als die jetzt erreichten 20. Die Gründe sind vielschichtig. Einer liegt sicher darin, dass die Möglichkeit, Gruppen zu vergrößern, vom Land bis Ende August befristet wurde. Da fragt sich das Personal vor Ort vielleicht, ob sich das lohnt, bis dahin neue Kinder aufzunehmen. Ein anderer ist, dass laut Landesverordnung der Fachkräfteschlüssel erfüllt sein muss, also genug Erzieherinnen oder Erzieher in einer Gruppe arbeiten müssen, damit sie vergrößert werden kann. Und das erfüllen viele derzeit gar nicht.

Ist das ein Beispiel dafür, dass die Landesvorgaben zu streng sind, um etwas gegen den Kitaplatzmangel tun zu können in den Kommunen?

Die Kommunen sind verantwortlich für die Bereitstellung von Kitaplätzen. Die rechtlichen Rahmenbedingungen dafür kommen vom Bund und vom Land. Wenn es dabei um die Qualität geht, will ich keine Abstriche machen, aber manche Vorschrift und manches Verwaltungsverfahren stellt nur eine bürokratische Hürde dar. Zum Beispiel berichten mir Träger und Einrichtungsleitungen, dass ausländische Abschlüsse leichter und schneller anerkannt werden müssen oder Quereinsteigern der Zugang erleichtert werden muss. Wir Kommunen bräuchten zudem mehr Flexibilität für individuelle Lösungen. So hat es ja auch der Städtetag zuletzt gefordert.

Können Sie Beispiele nennen, wo Sie flexibler sein wollen?

Zum Beispiel bei den räumlichen Vorgaben: Wenn ich eine Kita nicht eröffnen kann, weil drei Quadratmeter Außenfläche fehlen, um die Vorgaben zu erfüllen, ist das ärgerlich. Oder wenn ich eine Gruppe schließen muss, weil durch Baumaßnahmen übergangsweise zu wenige Quadratmeter Innenfläche zur Verfügung stehen. Was uns auch ausbremst, ist zum Beispiel, dass wir keine Gruppen individuell und kurzfristig verändern können, ohne dafür eine neue Betriebserlaubnis beim KVJS beantragen zu müssen, etwa vorübergehend eine Ganztagesgruppe teilweise in eine Halbtagsgruppe umzuwandeln. Hier sind wir mit dem Landesjugendamt in einem konstruktiven Dialog im Hinblick auf größere Flexibilität und vereinfachte Verfahren, denn solche Details könnten uns Kommunen den Ausbau von Kitaplätzen sehr erleichtern.

Nützt der Ausbau überhaupt etwas, solange der Fachkräftemangel so groß ist? In Stuttgart können deshalb derzeit 1300 vorhandene Plätze gar nicht besetzt werden. Müssten Sie dagegen als Kommune nicht mehr tun?

Wir tun bereits sehr viel, damit wir und auch die anderen Träger als Arbeitgeber attraktiv sind. Unter anderem haben wir zusätzliche Ausbildungsplätze geschaffen, wir zahlen Zulagen, stellen das 49 Euro-Ticket kostenlos zur Verfügung, entlasten Fachkräfte von Verwaltungsarbeit, wir suchen im Ausland Fachkräfte und versuchen, mit Vorurteilen aufzuräumen, zum Beispiel, dass Erzieherinnen schlecht bezahlt sind. Das stimmt nämlich nicht mehr. Eine Erzieherin verdient als Berufsanfängerin im Gruppendienst in Stuttgart im Monat aktuell brutto etwa 3 370 Euro einschließlich der freiwilligen städtischen Zulage. Mit dem jüngsten Tarifabschluss steigt das Gehalt ab März 2024 nochmals um 380 Euro. Als Gruppenleiterin mit 8 Jahren Berufserfahrung kann ab nächstem Jahr ein Bruttogehalt von rund 4 480 Euro erzielt werden. Dazu kommt jeweils noch eine Jahressonderzahlung von etwa 81 Prozent des Monatsgehalts. Mit unseren Aktivitäten sind wir auch sehr erfolgreich: Seit 2007 hat sich die Personalzahl in Kitas dadurch in Stuttgart um 88 Prozent erhöht, also fast verdoppelt. Gleichzeitig steigt aber auch die Zahl der Kinder und der Bedarf der Eltern nach Betreuung und im Jahr 2011 wurde durch den neuen Mindestpersonalschlüssel der Fachkraft-Kind-Schlüssel verbessert. Das erhöht die Qualität, gleichzeitig aber auch den Personalbedarf.

Sie laufen im Grunde der Entwicklung hinterher, das zeigen auch die aktuellen Zahlen: Obwohl die Stadt immer mehr Plätze schafft, wird der so genannte Versorgungsgrad in den kommenden Jahren weiter sinken, also mehr Kinder keinen Platz bekommen. Was wollen Sie tun?

Wir denken darüber nach, den Bedarf der Eltern genauer zu erheben. Also zu fragen, wer tatsächlich wie viele Stunden Betreuung braucht. Benötigen wirklich alle den Ganztag mit acht Stunden und mehr? Oder reicht manchen auch die so genannte verlängerte Öffnungszeit mit sechs Stunden. So könnte man aus dem bestehenden Angebot zusätzliche Plätze schaffen.

Andere Kommunen fahren das Ganztags-Angebot radikal zurück, holen Organisationen wie die Malteser in die Betreuung oder decken Randzeiten mit Eltern ab. Sind das auch Modelle für Stuttgart?

Bislang denken wir über solche Maßnahmen nicht nach, wir versuchen das System in seiner Breite und im jetzigen Umfang zu erhalten, können aber solche Überlegungen für die Zukunft auch nicht kategorisch ausschließen.

In Stuttgart formiert sich derzeit Elternprotest. Ein Bündnis aus Eltern und Erziehern plant eine Demo. Suchen Sie das Gespräch?

Ich persönlich kann den Sinn einer Demo nicht erkennen. Das bringt keine zusätzlichen Fachkräfte. Ich verstehe, dass es für Eltern derzeit oft schwierig und frustrierend ist, weil Betreuungszeiten ausfallen müssen, weil Erzieherinnen und Erzieher fehlen oder krank sind. Aber mehr Sorge bereitet mir, dass wir 740 Vier- bis Sechsjährige in Stuttgart haben, die gar keinen Platz haben. Das sind teils Kinder, die dringend Sprachförderung und eine Vorbereitung auf die Schule bräuchten. Sinnvoller als eine Demo ist doch, dass wir weiterhin gemeinsam mit allen alles dafür tun, um die Situation auch für diese Kinder zu verbessern.

Zur Person

Seit 2010 im Amt: Isabel Fezer. Foto: Stadt Stuttgart

Politisch
Isabel Fezer ist Mitglied der FDP und seit 2010 Bürgermeisterin der Landeshauptstadt Stuttgart. Sie leitet das Referat Jugend und Bildung.

Privat
Fezer wurde 1959 in Radolfzell geboren. Sie studierte Rechtswissenschaften in Konstanz und Bonn.

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