Alle tun es, darüber reden mag aber niemand so gern. Dabei ist es alles andere als sch. . .egal, was nach dem Toilettengang mit menschlichen Ausscheidungen passiert. Schließlich enthalten diese Hinterlassenschaften wertvolle Rohstoffe. Wie verantwortungsvoll wir mit diesen Ressourcen umgehen, dürfte für unser aller Zukunft gravierende Auswirkungen haben. Das verdeutlicht die Filmdokumentation „Holy Shit“, die am Dienstag im Böblinger Bärenkino lief.
Dazu eingeladen hatte der Landkreis mit seinem Partner, dem Zweckverband Restmüllheizkraftwerk Böblingen (RBB). Dafür gab es einen sehr konkreten Grund: Der RBB plant nämlich am Standort des Böblinger Restmüllheizkraftwerks (RMHKW) den Bau einer Klärschlammverwertungsanlage.
Projektleiterin: „Wir wollen das Tabu aufbrechen.“
Die breite Bevölkerung nimmt davon wenig Notiz. Jedenfalls gab es dazu bisher keine großen Protestaktionen – anders als Mitte der 1990er Jahre, als in Böblingen und Sindelfingen hunderte Menschen gegen den „Müllofen“ auf die Straße gingen. Die Pläne für die Klärschlammverwertung, die Fernwärme, Strom und die Rückgewinnung von wertvollem Phosphat verspricht, stießen bei ihrer Vorstellung in den Gremien der Kreisgemeinden dagegen auf breite Zustimmung.
„Wir wollen das Tabu aufbrechen“, sagte Gabriele Kretschmer am Rande der Veranstaltung. Die Projektleiterin beim Zweckverband Klärschlammverwertung (ZVKBB) begrüßte gemeinsam mit RBB-Geschäftsführer Frank Schumacher die Gäste zur Vorstellung eines Films, den beide für so wichtig halten, dass sie eigens dafür diesen Kinoabend organisiert haben. „Nehmen Sie sich doch ein bisschen Poopcorn“, wies Kretschmer mit einem augenzwinkernden Lächeln auf einen Stapel mit schokoliertem Popcorn. Der war zwar sehr lecker, erinnerte optisch aber tatsächlich an Köttel (englisch: Poop). Auf dem Deckel war das RBB-Logo aufgeprägt – ein Beleg dafür, dass beim Zweckverband offenbar durchaus der Sinn für ein bisschen gepflegten Fäkalhumor vorhanden ist. Der braune Süßkram passte gut zum augenzwinkernden Ton dieser sehenswerten Doku, die übrigens zum Teil mit deutschen Fördergeldern finanziert wurde. Regisseur Rubén Abruña nimmt die Zuschauer mit auf eine Reise rund um den Globus. Der in der deutschen Fassung von Christoph Maria Herbst („Stromberg“) gesprochene Filmemacher steigt unter anderem hinab in die Pariser Kanalisation und schaut sich in den USA an, welch verheerende gesundheitliche und ökologische Schäden das Ausbringen von gift- und schwermetallbelastetem Klärschlamm in der Landwirtschaft anrichtet.
Unter dem Motto „Put the poop back into the loop“ („Bringt die Kacke wieder zurück in den Kreislauf“) bietet der Film aber auch Anlass zu Optimismus: So zeigt die Doku nachhaltige Lösungsansätze – darunter den Einsatz von Trockentoiletten und den erfolgreichen Einsatz von menschlichem Kot als Kompost oder gar als Energiequelle in Biogasanlagen. Das Problem ist nur, dass das Düngen mit menschlichen Exkrementen vielerorts immer noch illegal ist – auch in Deutschland. „Was so alles passieren kann, wenn es dunkel ist“, schmunzelte RBB-Chef und Moderator Schumacher nach der Filmvorführung, als er zu seiner freudigen Überraschung in einen zwischenzeitlich gut gefüllten Kinosaal blickte. Offenbar war das vermeintliche Tabuthema doch auf Interesse gestoßen. Zwar ging die Doku weitgehend am Thema Klärschlammverwertung vorbei. Dennoch entwickelte sich ein lebendiges Gespräch über Sinn und Nutzen der geplanten Anlage am Standort Böblingen.
Lebendige Diskussion nach dem Film
Auch Trockentoiletten waren ein Thema – und die Frage, ob man mit dem daraus erzeugten Kompost den eigenen Garten düngen darf. „Ja, darf man“, teilte der Böblinger Cornelius Patzer mit, der mit seinem Unternehmen namens „Klos to nature“ Toiletten ohne Wasserspülung anbietet.
„Der Film hat mich nachdenklich gemacht“, fasste Frank Schumacher am Ende zusammen. Zugleich zeigte er sich auch skeptisch, ob die von Regisseur Abruña eingeforderte „Toiletten-Revolution“ auch wirklich gelingen kann. Schließlich verlange dies viel persönliche Initiative und Eigenverantwortung. Oder anders gesagt: Jeder muss sich um seinen eigenen Sch. . . kümmern.
Klärschlammverwertung
Die Anlage
Auf dem Gelände des Böblinger Restmüllheizkraftwerks soll ab Juli 2025 eine Klärschlammverwertung entstehen. Die geplante Inbetriebnahme ist Ende 2027.
Der Nutzen
Die thermische Verwertung von Klärschlamm ermöglicht die Erzeugung von Fernwärme und die Rückführung von Phosphor in den Ökokokreislauf. Zudem ist es in Deutschland mittlerweile verboten, den Boden mit Klärschlamm zu düngen, weil dieser giftige und belastende Stoffe enthält.