Kleiderspendenaktion in Esslingen Flüchtlinge greifen zu – und packen mit an

Frank Motte (links) und Andreas Langheck vor den langen Wühltischen. Foto: /Bulgrin

Immer mehr Ukrainer kommen in Esslingen und der Region an – viele ohne Gepäck und damit ohne Ersatzkleidung. Rotary Club und Wirtschaftsjunioren organisierten kurzerhand eine Kleiderausgabe. Viele Flüchtlinge packten sofort selbst mit an.

Es ist für die Flüchtlinge eine Art der Meditation, hier zu helfen. Einfach mal ein paar Stunden, in denen sie beschäftigt sind und nicht an den Krieg und ihre Verwandten in der Heimat denken“, sagt Viktoria Motte, Mitorganisatorin der Kleiderausgabe, die am Montag bereits zum zweiten Mal in der Fabrik 1887 in der Ulmer Straße in Esslingen stattfand. Bisher spendete das Modeunternehmen AWG 25 000 Kleidungsstücke an den Rotary Club und die Wirtschaftsjunioren, die als Organisatoren hinter der Veranstaltung stehen. „Neuwertige Kleidungsstücke, die über Retoure zurückgesendet wurden“, erzählt Frank Motte, Rotary-Club-Mitglied und Ehemann von Viktoria Motte. Das Ehepaar initiierte die Kleiderausgabe. Gegen Vorlage eines ukrainischen Ausweises mit passendem Einreisedatum dürfe jeder Besucher so viele Kleidungsstücke mitnehmen, wie er möchte. In zwei Tagen erwarten sie bereits die nächste Lieferung von 15 000 Kleidungsstücken, sagt Frank Motte: „Insgesamt haben die Waren grob überschlagen einen Ladenverkaufswert zwischen 500 000 und 750 000 Euro.“ Zusätzlich lieferte Ritter Sport am Montag eine halbe Lastwagenladung mit Schokolade.

 

Viele Flüchtlinge hätten berichtet, dass sie gerade nur die Kleider besitzen, die sie gerade tragen. Ihre Koffer hätten in den überfüllten Zügen keinen Platz gefunden. Bei der Vorbereitung und der Ausgabe der Kleidungsstücke seien 15 bis 30 Helfer pro Tag anwesend. „Zu 80 bis 90 Prozent sind unsere Freiwilligen ukrainische Flüchtlinge“, sagt Viktoria Motte. Die persönlichen Schicksale, die ihnen anvertraut wurden, seien herzzerreißend: Eine Familie, bei der eine Rakete ins Haus eingeschlagen sei, konnte nichts retten außer ihrem Papagei, den sie in einem Karton mit nach Deutschland brachten. Man darf kein Leben zurücklassen, hätten sie erzählt. Eine andere Frau habe an einem ukrainischen Bahnhof gar ihre Kinder verloren, da sie von den Menschenmassen am Bahnsteig in den Zug gedrückt wurde. Ihre vier und sechs Jahre alten Kinder blieben am Bahnsteig zurück. Bis heute wisse sie nicht, wo ihre Kinder seien.

Eines von vielen Schicksalen

Die 41-jährige Mila Vakhidova ist kürzlich aus Kiew geflüchtet und hilft fast jeden Tag. Sie habe in der ukrainischen Hauptstadt sechs Tage mit ihrer 20-jährigen Tochter in einer Tiefgarage geschlafen, bis auf der anderen Straßenseite eine Rakete eingeschlagen sei. Dann sei der Moment für sie erreicht gewesen, die gefährliche Flucht aus der umkämpften Stadt als einzigen Ausweg zu sehen. Zwanzig Minuten, nachdem ihr Zug losgefahren ist, wurde der Bahnhof von Raketen getroffen, erzählt sie unter Tränen. Sie zeigt Fotos aus dem überfüllten Zug, in dem sie 18 Stunden eingepfercht war. „Ich fühle mich verpflichtet, hier zu helfen, um einen kleinen Beitrag dazu zu leisten, dass die Menschen in Würde weiterleben können. Ich muss helfen! Es geht vielen Menschen dreckig.“ Ihr Mutter sei noch in Kiew, ihr Heim sei mittlerweile übersät von Einschusslöchern. „Das ist kein Krieg, das ist die Auslöschung von friedlichen Menschen“, sagt sie. Die Kleidung werde dringend gebraucht.

Schlappen sind Mangelware

Dies bestätigt auch Viktoria Motte, die von einer weiteren Helferin erzählt, die vorsichtig gefragt habe, ob sie auch etwas mitnehmen könne, da sie seit drei Wochen dieselbe Unterwäsche trage. Die Helferin sei auf einer Heimfahrt mit dem Auto gewesen, als sie von Raketen überholt worden sei, die in Richtung ihres Wohnhauses flogen. Darauf sei sie direkt in den nächsten Zug eingestiegen, ohne zu wissen, wohin er fahren wird. „Das Schuhhaus Fischer hat uns einen Karton Schlappen vorbeigebracht, die waren schnell weg“, sagt Luisa Langheck, die mit ihrem Mann Andreas Langheck die Logistik und die Räumlichkeiten organisiert. „Es sind die kleinen Sachen, die fehlen“, sagt Andreas Langheck, wie eben Schlappen. Die meisten hätten nur ihre Winterschuhe, die sie an den Füßen tragen. „Mit denen müssen sie in den Wohnheimen zum Duschen.“

Bei der nächsten Kleiderausgabe ist geplant, eine Coronateststation aufzubauen und – je nach Bedarf – auch eine Impfstation, sagt Frank Motte. Bei jeder Ausgabe kämen zwischen 600 und 700 ukrainische Flüchtlinge. Es gebe auch schon den Fall, dass man jemanden wegschicken müsse, wie eine Frau, die sich mehrmals anstellte, um ihr Auto vollzuladen.

Die nächsten Ausgaben seien für Donnerstag und Sonntag geplant. Danach komme es darauf an, wann AWG die nächste Lieferung bringe.

Organisatoren

Rotary Club
 Es handelt sich um einsozial engagiertes Netzwerk mit ungefähr 53 000 Mitgliedern in Deutschland. Ein Ziel sei, dass die Mitglieder sich gegenseitig nach ihren Möglichkeiten unterstützen.

Wirtschaftsjunioren
 Es handelt sich um ein Verband von jungen Unternehmern und Führungskräften. Ziel sei es, die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik in Deutschland und in Europa mitzugestalten.

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