Bauherr der Kapelle ist das Ehepaar Weil. Foto: Philipp von Ditfurth
Während überall Gotteshäuser schließen, hat ein Ehepaar eine Kapelle in Badenweiler errichten lassen. Unter den Besuchern sind viele, die zuletzt aus der Kirche ausgetreten sind oder gar keiner Konfession zugehörig sind.
Sie hat immer ein offenes Ohr, 24/7, Eintritt frei. Ihr Haus liegt an einer Landstraße im Markgräflerland am Fuße des Südschwarzwalds. Besucher können einfach eintreten, sich zu ihren Füßen setzen, eine Kerze anzünden und ihr Herz ausschütten. Mitfühlend blickt sie hernieder, spendet Trost. Das macht sie schon seit zweitausend Jahren.
In Schweighof hat die Mutter Gottes erst seit Kurzem eine Niederlassung. Die Kapelle Maria Hilf am Eingang des kleinen Ortsteils von Badenweiler wurde vor anderthalb Jahren eingeweiht. Bauherr des Neubaus ist allerdings nicht die katholische Kirche – mangels Kirchgänger versucht diese seit einiger Zeit, eher ihren Gebäudebestand zu verringern. Die Kapelle hat ein Ehepaar errichten lassen, vermögende Leute aus Osnabrück, die ihren Lebensabend lieber im milden Süden verbringen wollten und auf der Suche nach einer Immobilie im protestantisch geprägten Kurort Badenweiler fündig wurden.
Gerhard und Brigitte Weil, 72 und 65 Jahre, sind tiefgläubige Katholiken, ohne dass sie die Augen vor den Verfehlungen ihrer Kirche verschließen. „Das Leben hat es gut mit uns gemeint“, sagen sie, und ihr Glaube habe wesentlich dazu beigetragen. Deshalb wollten sie ihrer Dankbarkeit Ausdruck verleihen, sobald sie im Ruhestand sind.
Foto: Philipp von Ditfurth
Aber wie? Sie hatten viele Ideen, doch dann fiel Gerhard Weil das schöne Grundstück am Waldrand ein, das er vor drei Jahren erworben hatte, um den Umgang mit Baumkulturen zu erlernen. Und so fragte er seine Frau eines Tages, was sie davon halte, dort eine Kapelle errichten zu lassen. Sie war sofort begeistert.
Irdische Hindernisse beim Kapellenbau
Das Wort Kapelle kommt von lateinisch „cappa“, übersetzt Mantel. So ein warmer, geschützter Ort, wo man sich Gott ungestört zuwenden kann, ist für das Ehepaar unverzichtbar. Es sei die Zwiesprache mit dem Allmächtigen, weniger die Institution Kirche, aus der sie schon seit ihrer Kindheit Stärke gezogen hätten. „Später, als junge Frau, habe ich oft einen bestimmten Seitenaltar im Dom von Osnabrück aufgesucht“, erzählt Brigitte Weil. „Dort konnte ich weinen, ohne dass es meine Kinder sehen.“ So eine Zuflucht wollten sie der Nachwelt hinterlassen, und sie sollte, wie viele katholische Kapellen, Maria gewidmet sein. „Manche Fürbitten sind einfach besser bei der Mutter Gottes aufgehoben“, sagt Brigitte Weil.
Beim Bau des Gotteshauses stellten sich allerdings einige irdische Hindernisse in den Weg. Da das Grundstück in einem Naturschutzgebiet liegt, sei eine Bebauung gar nicht möglich, ließ die Kommune sie zunächst wissen. Die übergeordnete Behörde entsann sich dann auf Nachfrage darauf, dass Bauten wie Geräteschuppen oder Gartenlauben eine Ausnahme darstellten, wenn sie denn ein bebautes Volumen von 20 Kubikmetern nicht überschritten. Das dürfte dann wohl auch für Kapellen gelten. Gerhard Weil verzichtete auf den Glockenturm, den er bereits vor dem geistigen Auge hatte.
Stockend war auch die Suche nach einer Madonnenfigur für die Kapelle. Beim Erzbistum Freiburg sagte ein offensichtlich irritierter Generalvikar zunächst, man habe gerade keine Maria auf Lager. „Später kam dann doch noch ein Anruf, es gebe zwei Exemplare zur Auswahl“, erinnert sich Gerhard Weil. Die Eheleute entschieden sich für die imposantere Maria mit den großen gütigen Augen und dem Jesuskind auf dem Arm, geschnitzt aus einem einzigen Eichenstamm. Die Erzdiözese wollte dafür kein Geld und stellte auch sonst keine Bedingungen. Jeder, der will, kann eine Kapelle bauen, wobei sie erst durch eine Weihe zum sakralen Ort wird.
Kapellenmobiliar ist schwer erhältlich
Seit jeher unterhalten abgelegene Bauernhöfe Kapellen, damit fromme Arbeiter in harschen Wintern oder während der Ernte keine weiten Wege zur nächsten Kirche zurücklegen müssen. In jüngerer Zeit leisten sich einige Hotels Kapellen, nicht zuletzt, um Hochzeitsgesellschaften anzuziehen. Dass aber Privatleute in der heutigen Zeit eine Kapelle für das Gemeinwohl errichten, das sei außergewöhnlich, sagt Marc Mudrak, der Pressesprecher der Erzdiözese.
Die Diözese Freiburg spendete die Madonnenfigur. Die Gebetsbank stammt aus dem Internet. Foto: Philipp von Ditfurth
So ist der Markt für Kapellenmobiliar eher klein. Fündig wurden die Weils vor allem bei Ebay und Co.: Die Gebetsbank stammt laut Internethändler aus dem Kloster Sankt Emmeram in Regensburg. Die Fußbodenfliesen lagen einst in einer Badeanstalt im tschechischen Marienbad. Herkunft von Sitzbank und Spendenkässle, beide sicherlich 100 Jahre alt, sind unbekannt. Den großen hölzernen Rosenkranz an der hinteren Wand hat die Schwägerin gespendet. Jeder Stein, jede Holzlatte war schon mal verbaut. Neu sind nur die Fenster, die Gerhard Weil entworfen hat, und die Glocke, die eigens von einer Glockengießerei in Österreich angefertigt wurde. Insgesamt gaben die Weils ungefähr 100 000 Euro aus – für ein historisch anmutendes Kleinod, das einen Duft aus Weihrauch und altem Mauerwerk verströmt, wie man ihn aus alten Kathedralen kennt.
Es scheint, als hätten die Menschen aus Badenweiler und Umgebung auf diese Kapelle gewartet. Noch während der Bauarbeiten legten Spaziergänger Geldscheine zwischen die Backsteine. Zur Einweihung der Kapelle, die maximal sechs Leute betreten können, erschienen im Sommer 2022 an einem verregneten Montagvormittag mehr als 100 Menschen. Das Kurensemble Da Capo spielte, auch der Bürgermeister hielt eine Rede.
Seit der Einweihung verstehen sich die Weil als Hausmeister, die ein-, zweimal pro Woche nach dem Rechten sehen. Viel ist nicht zu tun. Eine Frau bat darum, die Kapelle regelmäßig säubern zu dürfen – natürlich unentgeltlich. Andere kümmern sich um die Blumenbeete. Im vergangenen Sommer fanden die Weils einen Zettel, der am Eingang klebte: „Eine Bank wäre schön.“ Sie kauften gleich zwei.
Magische Anziehungskraft auf Kinder und Einsame
Dass manche Besucher die Kapelle auf unkonventionelle Weise nutzen, sehen die Weils gelassen. „Hier wurde in der Nacht schon bei Kerzenschein getanzt und Hochprozentiges getrunken.“ Das verriet die Kamera, die nachts aktiv ist, der Versicherung wegen und zur Sicherheit der Besucher. „Neulich hatte sich eine Dame eingesperrt“, erzählt Gerhard Weil. Sie hatte Glück. Da es noch hell war, konnte sie durchs Fenster Spaziergänger auf sich aufmerksam machen. Auch Kinder zieht die Kapelle magisch an. Irgendwann riss das Glockenseil, das zum Hochklettern einlud. Gerhard Weil, von Haus aus Ingenieur, überlegte sich einfach eine Alternative. „Wir schlagen die Glocke jetzt mit einer Stange“, erklärt er.
Was die Weils dagegen in Staunen versetzt, ist die Eigendynamik, die der Ort entfaltet hat. Seit gut einem Jahr versammelt sich an jedem ersten Samstag im Monat um 18.30 Uhr ein Grüppchen an der Kapelle, bei Wind und Wetter. Die Teilnehmerzahl schwankt zwischen zwei und 40. Viele bringen ihre Hunde mit. Auch Haustiere wurden schon mit Weihwasser gesegnet. Initiiert hat diese monatliche Andacht Markus Gutting, der Kantor und Vorsitzende des örtlichen katholischen Pfarrgemeinderats. Er sei an der Kapelle mit Besuchern ins Gespräch gekommen, von denen viele entweder gar nicht oder nicht mehr aus dem kirchlichen Umfeld stammen. „Die einen sind mit der Institution nicht mehr im Reinen und aus der Kirche ausgetreten. Andere fühlen sich vom klassischen Angebot der Kirchen nicht angesprochen“, berichtet Gutting. Als er die Besucher fragte, ob sie denn an einem Angebot der Kapelle interessiert wären, traf er auf Begeisterung. „Geblieben ist wohl ein Bedürfnis, in kleinerer Gemeinschaft zusammenzukommen und sich in freier Form Gott zuzuwenden“, sagt Gutting. So hätten es auch schon die frühen Christengemeinden gehandhabt.
Bedürfnis nach feierlicher Gemeinschaft ist geblieben
Seine Worte wählt Gutting deshalb immer so, dass auch Menschen ohne liturgische Vorbildung und unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit etwas mit ihnen anfangen können. Nicht er allein spricht. Meist entspinnen sich Diskussionen, auch kontroverse. „Wir sind keine frömmlerische Truppe“, sagt Gutting. „Wir kommen manchmal auch zu dem Schluss, dass wir eine Stelle aus der Bibel heute so nicht mehr verstehen können, und suchen dann nach einer passenderen Übersetzung.“ Manchmal gehen sie auseinander, ohne eine Antwort gefunden zu haben. „Das darf auch sein. Den Jüngern Jesu Christi ging es damals keinen Deut anders.“
In der Kapelle liegt bereits das zweite Gästebuch aus. Das erste haben die Weils zu sich nach Hause genommen. Einer schreibt darin: „Guten Morgen du wunderbarer Ort. Bei dir finde ich mein inneres Gleichgewicht.“ Ein anderer: „Ich wieder. Schon beim Aufwachen freue ich mich auf das Verweilen hier.“ Viele sprechen direkt zur Mutter Gottes. Einer schildert ihr, wie sehr ihm sein Hund Bobby fehle, der zwölf Jahre an seiner Seite lebte. Eine Mutter bittet, ihr Sohn Stefan möge sich wieder mit ihr vertragen. Ein Patient fragt nach Schutz bei einer bevorstehenden Operation. Viele bitten um Frieden in der Welt. Die Weils sind bewegt davon, wie viele Menschen die Kapelle aufsuchen, um Gott näher zu sein. Sie bitten: „Die Mutter Gottes möge bewirken, dass alle geschriebenen, gesprochenen oder gedachten Wünsche in Erfüllung gehen! Maria Hilf!“