Klettern bei Olympia 2021 Alexander Megos und das Abenteuer mit Haken

Alexander Megos gehört zu den besten Felskletterern der Welt. Foto: imago/Eibner Europa

Der Felskletterer ist mit gemischten Gefühlen nach Tokio gereist. Jetzt strebt er aber eine Medaille an.

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Tokio - „Bibliografie“. Es ist nur ein Wort, aber eines, das für eine faszinierende Geschichte steht – in der es vor allem um eines geht: Grenzen zu verschieben.

 

Alexander Megos (27) ist einer der besten Felskletterer der Welt. Profi wurde er über Nacht, als er im Urlaub in Spanien in der Nähe seines Campingplatzes die Route „Estado Critico“ im Gebiet Siurana bezwang, ohne sie vorher begutachtet oder einem anderen Kletterer zugeschaut zu haben. Einfach so. Hinauf und wieder weg. Erst hinterher erfuhr er, dass es weltweit die erste Onsight-Begehung einer Wand mit dem Schwierigkeitsgrad 9a war. Acht Jahre ist das nun her, seither ist Megos für Sponsoren interessant, kann von seinem Sport leben. Und sich zu immer neuen Höchstleistungen aufschwingen. Wie am 5. August 2020. In der „Bibliographie“.

Weil die Olympischen Spiele um ein Jahr verschoben worden waren, hatte er damals Zeit, seiner Passion nachzugehen. Draußen, am Fels. In den französischen Alpen steht das Massiv von Céüse. Und diese Route mit dem Grad 9c, eine der zwei schwierigsten der Welt. Und eine, die bis dahin noch nie jemand geklettert war. Es gibt einen Film, der die dortigen Leiden von Megos dokumentiert. Aber natürlich auch seine Leidenschaft. Zwei Monate lang war er immer wieder gescheitert, ins Seil gestürzt, frustriert. So wie schon in den beiden Jahren zuvor. Eigentlich war er am Ende, wollte auch diesmal wieder aufgeben – doch dann, beim letzten Versuch, passten plötzlich alle Griffe, die Bewegungen flossen ineinander, es war wie in einem Rausch. Megos bezwang die Wand in einem Zug. „Das war ein Meilenstein“, sagt er, „und viel mehr wert als alle Wettkämpfe, die ich je gewonnen habe.“

Auf seinem persönlichen Olymp stand Megos also schon. Nun folgen die Sommerspiele in Tokio.

Das Megaereignis im Zeichen der Ringe hat den Mittelfranken bereits als Kind fasziniert, 2004 war er in Athen unter den Zuschauern. Als Kletterer, das verhehlt er nicht, haben die Spiele für ihn allerdings den einen oder anderen Haken. „Meine Gefühle sind gemischt“, hat er nach dem Einzug ins olympische Dorf erklärt. Weil ihn die größtmögliche Bühne des Sports reizt, er die Atmosphäre als „wirklich unglaublich“ empfindet: „Die Erfahrung, mit Tausenden Athleten von überall her zusammen zu sein, wollte ich unbedingt machen.“ Einerseits. Andererseits passen Olympische Spiele doch gar nicht in seine Welt. Megos ist ein Freigeist, er liebt es, sich in der Natur zu bewegen, unabhängig zu sein, neue Plätze zu sehen, die nächste Herausforderung zu suchen, mit ein paar Gleichgesinnten eine gute Zeit zu haben. Und nicht, sich über Monate in Kletterhallen auf ein Ereignis vorzubereiten, das nach zwei Tagen wieder vorbei ist. Wie das alles zusammenpasst? Hat er sich lange überlegt. Der Kletterer wollte schließlich nichts überstürzen.

Am Ende traf Megos die Entscheidung, Olympia als temporäres Abenteuer zu sehen. Er trainierte hart, wurde in der Disziplin Lead, bei der es darum geht, in einem schwierigen Parcours möglichst weit zu kommen, WM-Dritter (2018) und WM-Zweiter (2019), qualifizierte sich für die Sommerspiele in Japan, wie auch Jan Hojer, der zweite Deutsche. „Wir haben die Möglichkeit, unseren Sport einem größeren Publikum zu präsentieren“, sagt Alexander Megos, „diese Chance dürfen wir nicht vernachlässigen.“ Auch wenn die Athleten dafür wohl ein anderes Format gewählt hätten.

In der Qualifikation an diesem Dienstag (10 Uhr/MESZ) und im Finale am Donnerstag (10.30 Uhr/MESZ) sind drei Teildisziplinen zu bewältigen: Lead, Speedklettern (es geht darum, möglichst schnell nach oben zu kommen) und Bouldern in einem Hindernisparcours. Die Platzierungen in allen drei Wettbewerben zählen, Olympiasieger wird der Dreikampf-Beste. Weil die Anforderungen so unterschiedlich sind, man sich keinen Ausrutscher leisten darf, fällt eine Prognose über die Favoriten schwer. Megos hofft auf eine Medaille, der Tscheche Adam Ondra wird allerdings noch höher eingeschätzt. Auch er gehört zu den weltbesten Felskletterern, ist der Erstbezwinger der Route „Silence“ in Norwegen. Sie hat ebenfalls den Schwierigkeitsgrad 9c, als einzige weltweit neben der „Bibliographie“. An die Alexander Megos auch während der Spiele denkt.

Denn am 5. August, genau ein Jahr nach seinem Coup im Süden Frankreichs, könnte er das nächste Mal den Olymp besteigen. Diesmal in Tokio.

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