Klimaaktivisten bei der Automesse IAA Systematisch gegen Autos

Lola Löwenzahn und Lou Winters, Sprecherinnen der Aktionsgruppe „Sand im Getriebe“, fordern eine radikale Mobilitätswende. Foto: SiG

Warum rufen Klimaaktivisten wieder zur Blockade der Internationalen Autoausstellung (IAA) auf? Das Bündnis „Sand im Getriebe“ hält die Neupositionierung als Forum der Mobilitätswende für Greenwashing. Ein Gespräch mit zwei Sprecherinnen der Aktionsgruppe.

Automobilwirtschaft/Maschinenbau: Matthias Schmidt (mas)

Stuttgart - Lou Winters braucht keinen rhetorischen Anlauf, es geht von null auf Angriffsmodus: „Es hat sich nichts verbessert. Die IAA ist eine Greenwashing-Party der Autoindustrie, der letzte Versuch, die fossile Mobilität und ihren Profit zu retten. Aber wir werden das grün gewaschene Bild kaputt machen.“ Am linken Rand des Klimaschützerspektrums, das wird schnell klar, ist der Verband der deutschen Autoindustrie (VDA) mit dem Versuch, die Internationale Autoausstellung zum Forum der Mobilitätswende umzubauen, nicht durchgedrungen. Neuer Standort, neues Konzept, die alte Konfrontation.

 

Wie schon 2019 in Frankfurt ruft die Aktion „Sand im Getriebe“ auch beim Neustart der Messe in München (7. bis 12. September) zu Blockaden auf. Die Berlinerin Lou Winters, 24 Jahre, abgeschlossenes Bachelor-Studium in nachhaltigem Management, ist eine ihrer Sprecherinnen. Es ist ihr richtiger Name. Ihre Mitstreiterin Lola Löwenzahn hingegen nutzt ein Pseudonym – wie vor zwei Jahren Tina Velo, die „Sand im Getriebe“ durch ein bundesweit beachtetes Streitgespräch mit dem VW-Chef Herbert Diess bekannt gemacht hat. Zu den Reaktionen gehörten „extrem krasse sexistische Hasskommentare“, berichtet Lola Löwenzahn. Vor solchen wolle sie sich schützen.

Das Ziel heißt: Weg vom privaten Auto

Ein Gespräch auf der Theresienhöhe in München. Auf der Theresienwiese nebenan kostet das Parkticket fünf Euro, für den ganzen Tag. Mehrspurige Straßen führen von hier zur Altstadt. Auch München ist eine Autostadt, wie Berlin. „Wenn ich dort mit dem Fahrrad losgehe, komme ich mir vor, als würde ich in den Krieg ziehen“, sagt Winters und lacht. Aber es ist ihr ernst. Sie kämpft „für Klimagenerationengerechtigkeit“ – und das kompromissloser als die meisten.

Der Dieselskandal, die Klimadebatte – mit dem Umzug nach München und dem Zusatz „Mobility“ im Titel der Automesse verbindet der VDA die Hoffnung, das angeschlagene Image einer Branche neu zu zeichnen. Die IAA wird nebenbei zur Fahrradmesse, Hersteller wie Daimler werben in der Innenstadt für ihre Elektrostrategie, eine Umweltspur („Blue Lane“) vom Königsplatz zum Messegelände in Riem soll ökologische Verkehrsalternativen erfahrbar machen.

„Sand im Getriebe“ hält nichts davon für überzeugend. „Elektromobilität ist keine Lösung. Auch Elektroautos sind eine Verschwendung von Platz, Energie und Ressourcen“, sagt Lou Winters und stellt ihre Position klar: „VW wirbt mit dem Slogan Way to zero. Statt null Emissionen, die auch die Elektromobilität nicht liefert, sollte das Ziel aber null Autos heißen.“ Wie die radikale Mobilitätswende aussieht, für die sie mit „massenhaft zivilem Ungehorsam“ – sprich mit Sitzblockaden vor den Zugängen zur Messe – demonstrieren wollen? „Spielplätze statt Parkplätzen, weg vom Privatauto, ein kostenloser, massiv ausgebauter öffentlicher Verkehr, mehr Fahrrad, mehr Bahn – und ein Stopp aller Autobahnprojekte.“

Was haben die Proteste von Fridays for Future gebracht?

Es ist, auch das wird schnell klar, kein mehrheitsfähiges Programm, für das „Sand im Getriebe“ eintritt. Für zwei Drittel der Deutschen ist das Auto das beliebteste Verkehrsmittel, in Coronazeiten erst recht. Trotzdem sieht die Gruppe ihre Aktionen durch die Dringlichkeit der Klimakrise legitimiert. „Wir haben nur noch zehn Jahre Zeit“, sagt Winters, und die passiveren Protestformen wie etwa die von Greta Thunberg inspirierten Schülerstreiks bewirkten zu wenig: „„Seit drei Jahren gehen mit Fridays for Future Tausende Menschen auf die Straßen und werden von der Klimapolitik in ihren Forderungen ignoriert. Das zeigt: Wir müssen den gesellschaftlichen Wandel selber in die Hand nehmen.“

Protest sei legitim, gehöre zur Demokratie, betont der VDA, solange er friedlich und gewaltfrei bleibe. Bei der IAA 2019 gelang es einigen Hundert Aktivisten, den Haupteingang der Messe für einige Stunden zu blockieren, Nebeneingänge blieben frei passierbar. Wie viele Leute die Anti-IAA-Bewegung dieses Mal auf die Beine bringen wird, ist schwierig vorherzusagen.

Die Sprecherinnen bleiben vage, zum festen Kern der bundesweiten Aktionsgruppe „Sand im Getriebe“ gehörten „50 bis 500“ Personen. Daneben rufen viele weitere Organisationen zu Protesten auf. Die Bandbreite reicht von der grünen Jugend, dem Fahrrad-Club ADFC, dem Bund Naturschutz über Fridays for Future und Attac hin zu antikapitalistischen Aktionsgruppen mit kämpferischen Namen wie „SmashIAA“. Auch die international agierende Gruppierung Extinction Rebellion ist dabei, ebenso das Bündnis Ende Gelände, bekannt aus den Auseinandersetzungen um den Autobahnbau im hessischen Dannenröder Forst und laut Verfassungsschutzbericht „linksextremistisch beeinflusst“.

Protestcamp statt Oktoberfest

1500 Personen könnten in einem Protestcamp unterkommen, das die IAA-Gegner auf der Theresienwiese aufschlagen wollen. Die Stadt München aber gibt das Gelände bisher nicht frei. Da dort auch die Kundgebung einer Fahrraddemo mit erwarteten 25 000 Teilnehmern stattfinden soll, könnte es zu eng werden, heißt es. Beim Oktoberfest tummeln sich dort mehrere Hunderttausend pro Tag. Falls der Aktionstag von Anti-IAA-Gruppen ein Indiz ist, der Mitte August in der Nähe der Alten Pinakothek über die Bühne ging, könnte sich die Protestbereitschaft in Grenzen halten: An einem sonnigen Samstag kamen nur ein paar Dutzend Interessierte vorbei.

Die Sprecherinnen sind dennoch überzeugt, dass sich viele Blockierer einfinden werden. „Die Dringlichkeit einer radikalen Verkehrswende ist vielen durch die täglichen Bilder von Waldbränden und Überflutungen jetzt noch bewusster geworden“, sagt Winters. Ob sie in der Konsequenz auch bereit wären, Hunderttausende von Arbeitsplätzen in der Autoindustrie zu gefährden, ist eine andere Frage. „Wenn die Autoindustrie zerschlagen wird, muss das für die Arbeitnehmer sozial verträglich gestaltet werden, beispielsweise entstehen dann im öffentlichen Nahverkehr auch viele neue Arbeitsplätze“, so Winters.

Das Wirtschaftssystem wird grundlegend in Frage gestellt

Ein gewisses Maß an utopischer Vorstellungskraft gehört wohl dazu, das Wirtschaftssystem so grundlegend infrage zu stellen. „Der Kapitalismus ist menschengemacht“, sagt Lola Löwenzahn, „deshalb kann er auch von Menschen geändert werden.“ Dabei speist sich ihre Zuversicht auch aus Erfahrungen in der Protestbewegung selbst. „In den Baumhausdörfern im ,Danni’ sind solidarische Strukturen im Kleinformat entstanden. Sie zeigen, dass es möglich ist, anders miteinander zu leben, aus dem ausbeuterischen Wirtschaftssystem rauszukommen“, sagt die Sozialwissenschaftlerin, die im Dannenröder Forst schon für die Gruppe „Aktion Schlagloch“ gesprochen hat.

Was aus ihrer Sicht ein Erfolg bei dieser IAA wäre? „Ich hoffe auf einen besonders breiten und bunten Protest“, sagt Lou Winters. Es gehe darum, den politischen Druck zu erhöhen, damit „Strukturen so weit verbessert werden, dass sich bei vielen die eigene Willensbildung ändert“. Kurz gesagt: dass sie kein Auto mehr brauchen oder haben wollen. Ob sie darüber – wie letztes Mal Tina Velo – auch mit einem der Konzernchefs debattieren würde? Es gibt keine Anfrage bis jetzt. Und ob die Aktionsgruppe darauf eingehen würde, hat sie noch nicht final geklärt.

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