Klimaerwärmung und die Folgen Kommen nun neue Blutsauger?

Die asiatische Tigermücke ist bereits in manchen Regionen Deutschlands heimisch. Foto: dpa

Mit dem Klimawandel werden Insekten heimisch, die bisher hierzulande unbekannte Krankheiten übertragen.

Stuttgart - Erst kürzlich sorgte eine Meldung für Aufregung: Drei isländische Touristen waren nach ihrer Rückkehr aus Spanien am sogenannten Chikungunya-Fieber erkrankt. Sie hatten sich im Mai an der beliebten Costa del Sol aufgehalten. Übertragen wird die Viruserkrankung von der asiatischen Tigermücke Aedes albopictus. Vier bis sieben Tage nach einer Infektion können die Betroffenen hohes Fieber bekommen – oft verbunden mit Kopf-, Gelenk- und Muskelschmerzen sowie einem Hautausschlag. Allerdings erholen sich die meisten Menschen nach einigen Tagen wieder. Wie bei Virusinfektionen üblich, kann es aber vor allem bei Säuglingen und älteren Menschen sowie chronisch Kranken zu schweren Krankheitsverläufen kommen.

 

Eine Impfung gegen die Krankheit gibt es nicht. Das in Stuttgart ansässige Centrum für Reisemedizin, das Informationen zu Infektionsrisiken aus allen Teilen der Welt zusammenträgt und auswertet, rät Reisenden in den Mittelmeerregionen daher vorbeugend „zu sorgfältigem Mückenschutz“. Im Mittelmeergebiet ist die Asiatische Tigermücke schon seit Jahren heimisch. So verwundert es die Experten nicht, dass bereits mehrfach Infektionen mit dem Chikungunya-Fieber gemeldet wurden, das früher nur in Asien und Afrika vorkam. Der bisher wohl heftigste Ausbruch mit etwa 200 Betroffenen – darunter einem Todesfall – wurde 2007 in Italien registriert.

Asiatische Tigermücke am Rhein

Die Tigermücke hat sich inzwischen auch in Deutschland offenbar häuslich eingerichtet: Vor allem in der Rheinebene und ihren Nachbargebieten hat diese aus Asien stammende Mücke so gute Voraussetzungen gefunden, dass sie sich vermehren und weiter ausbreiten kann. Seit 2005 werde sie im Südwesten im Rahmen von Monitoring-Programmen überwacht, seit 2011 sogar bundesweit, berichtete kürzlich Rainer Oehme bei einer Veranstaltung der baden-württembergischen Umweltakademie. Der Biologe leitet beim Landesgesundheitsamt das Labor Molekularbiologie, das für den Nachweis von Bakterien, Viren und Parasiten zuständig ist, die für den Menschen gefährlich werden können.

Am Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin wollte man genauer wissen, ob sich die Chikungunya-Viren auch in den heimisch gewordenen Tigermücken unter den hiesigen Klimabedingungen vermehren könnten – und es damit womöglich zu einem „hausgemachten“ Ausbruch kommen könnte. Die Forscher infizierten Tigermücken deutscher und italienischer Herkunft mit den Viren und hielten sie in Klimakammern bei 18, 21 und 24 Grad. Das Ergebnis: Selbst bei 18 Grad konnten sich die Viren in den Mücken so gut vermehren, dass bei mehr als der Hälfte der Insekten nach zwei Wochen infektiöse Krankheitserreger im Speichel gefunden wurden.

Noch ist die Gefahr begrenzt

Auch wenn sich die Tigermücke im Zuge des Klimawandels nun wohl auch in Deutschland weiter ausbreitet, sehen Experten wie Rainer Oehme die Gefahr einer lokalen Infektion bisher als ziemlich gering an. So sind die Mücken derzeit nur in eng umgrenzten Gebieten zu finden – und zudem im Vergleich zu den heimischen Stechmücken in geringer Zahl. Weitere große Zufälle müssten hinzukommen: Ein Mensch mit einer aktuellen Chikungunya-Infektion müsste von einer Tigermücke gestochen werden, die dann die Viren an ein weiteres Opfer übertragen müsste. Völlig ausgeschlossen ist dieses Szenario allerdings nicht: 2017 wurden in Deutschland dem für Infektionskrankheiten zuständigen Robert Koch-Institut (RKI) 33 Infektionen mit diesem Virus gemeldet – von 19 Männern und 14 Frauen, die aus Urlaubsländern zurückgekehrt waren, in denen diese Krankheit verbreitet ist.

Neben dem Chikungunya-Fieber gibt es weitere, bisher auf warme Regionen begrenzte Krankheitserreger, die sich in Stechmücken vermehren und damit übertragen werden können, etwa Zika- und Dengue-Viren. Doch diese benötigen, so die bisherigen Erkenntnisse, deutlich höhere Temperaturen als die Chinkungunya-Viren, nämlich durchschnittlich 25 bis 27 Grad. Auch wenn die übertragenden Mücken wie jetzt die Tigermücke sich derzeit hierzulande ausbreiten, so dürfte es doch noch einige Zeit dauern, bis es in Deutschland über längere Zeit hinweg so warm ist.

Vorsicht ist geboten

Gleichwohl ist Vorsicht geboten, überträgt doch allein die Tigermücken mindestens 22 Viren. Und auch die Japanische Buschmücke Aedes japonicus, die sich mittlerweile ebenfalls in Deutschland munter vermehrt, kann zumindest im Labor eine Reihe von Krankheitserregern übertragen, darunter das West-Nil-Virus. Deshalb werden die Mücken aktiv bekämpft, etwa mithilfe des Mückengiftes Bti, einem Bacillus-thuringiensis-Präparat, sowie durch die Beseitigung möglicher Brutstätten in den betroffenen Gebieten. Dazu gehören auch kleinere Gefäße wie etwa mit Wasser gefüllte Friedhofvasen.

Mehr Sorge als die möglicherweise von neu eingewanderten Mücken übertragenen Viruskrankheiten bereiten Experten wie Rainer Oehme die Hantaviren – vor allem hier im Südwesten. So meldete das RKI Ende Juni, dass in den Verbreitungsgebieten – dazu zählen etwa der Stuttgarter Raum und die Schwäbische Alb, aber auch der Bayerische Wald oder die Region Osnabrück – in diesem Jahr „hohe Fallzahlen“ erreicht wurden: Zwischen Januar und 15. Juni wurden 589 Erkrankungen gemeldet. Im stärksten Befallsjahr 2012 waren es mit 1370 Fällen aber noch deutlich mehr.

Gefahr durch Hantaviren

Eine Infektion mit Hantaviren kann zu hohem Fieber mit Kopf- und Gliederschmerzen sowie zu gravierenden Nierenschäden führen. Übertragen wird das Virus vor allem von Rötelmäusen. Der Mensch kann sich über deren Kot und Urin infizieren, wenn die darin enthaltenen Viruspartikel etwa beim Aufräumen einer Gartenhütte eingeatmet werden.

Mit der Klimaerwärmung könnten sich auch die Hantaviren weiter ausbreiten, meint Rainer Oehme. Denn trockene und heiße Sommer führen verstärkt dazu, dass die Buchen Bucheckern bilden – und das wiederum begünstigt die Vermehrung der Rötelmäuse. Mit diesen sogenannten Buchenmasten könnten die Hantavirusinfektionen wellenförmig zunehmen. Zudem könnte sich auch noch ein weiterer Hantavirus-Stamm ausbreiten, nämlich der aus dem südosteuropäischen Raum stammende Dobrava-Belgrad-Virus.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Klimawandel