„Die nächste Grünphase nehmen wir“, lautet das kurze Kommando. Klimaaktivisten der Gruppe Letzte Generation sind am Mittwochabend in der unteren Königstraße rund um die Touristinformation verteilt, haben ständig Blickkontakt. Um 19.30 Uhr erfolgt dann das Zeichen, in Windeseile laufen zwölf Personen auf die Schillerstraße, ziehen dabei Warnwesten an und Transparente aus dem Rucksack. Sie halten Porträts in Händen, machen so auf Mitstreiter aufmerksam, die derzeit vor allem in Bayern in Präventivhaft sitzen.
Um an einen Trauermarsch zu erinnern, schleichen die Teilnehmer über den Arnulf-Klett-Platz am Bonatzbau entlang. Wenig später ertönt bereits das obligatorische Hupkonzert. Es kommt zu Staus in Richtung Heilbronner Straße. Ganz so weit kommen die Aktivisten aber nicht. Bereits auf Höhe der Lautenschlagerstraße werden sie von einem Großaufgebot der Polizei gestoppt. Dass nicht zum Klebstoff gegriffen wird, erleichtert den Beamten die Arbeit am Mittwochabend. Aktivisten müssen nicht mit Öl von der Fahrbahn getrennt werden, sondern können von der Straße getragen werden, einige begeben sich freiwillig auf den Gehweg.
Blockade dauert 25 Minuten
Insgesamt dauert die Blockade vor dem Hauptbahnhof nur 25 Minuten an. Um 20 Uhr fließt der Verkehr bereits wieder reibungslos über den Arnulf-Klett-Platz. Zu spät für einen Rettungswagen, dessen Besatzung einen Patienten mit Blaulicht und Martinshorn aus dem Rems-Murr-Kreis ins Katharinenhospital transportierte – und für einen Notarzt, der dem Fahrzeug folgte. Der Konvoi, der über die Bundesstraße 14 in die Schillerstraße einbiegen wollte, wurde um 19.49 Uhr bereits am Gebhard-Müller-Platz von der Polizei umgeleitet.
Keine Infos zum Gesundheitszustand des Patienten
Statt auf dem eigentlich schnellsten Weg geht es geradeaus am Landtag vorbei und durch den Planietunnel zum Klinikum Stuttgart in der Kriegsbergstraße. Beim Deutschen Roten Kreuz (DRK), Kreisverband Rems-Murr, gehe man von einem Umweg von fünf bis sechs Minuten aus, sagt Polizeisprecher Thomas Ulmer. Ob sich die Verzögerung auf die Gesundheit des Patienten ausgewirkt hat, wird aus Datenschutzgründen nicht preisgegeben. Ebenso, um was es sich für einen Notfall handelte und aus welchem Grund er nach Stuttgart gebracht werden musste. Denkbar ist, dass die Krankenhäuser in der Region keinen Platz hatten, aber auch, dass die Person zu einem Spezialisten im Katharinenhospital musste. Vom DRK, Kreisverband Stuttgart, wurden indes im Einsatz keine Rettungswagen durch die Blockaden behindert. „Lediglich einer unserer Krankentransportwagen war zur relevanten Zeit am Hauptbahnhof Richtung Katharinenhospital unterwegs, hat die Blockade aber rechtzeitig erkannt und umfahren“, sagt Sprecherin Mira Hawlik.
Mehr als 70 Polizisten sind am Mittwochabend im Einsatz gewesen – nicht nur am Arnulf-Klett-Platz. Denn ursprünglich wollten die Aktivisten ihren Protestmarsch bereits um 18 Uhr am Rotebühlplatz starten und über die Theodor-Heuss-Straße in Richtung Schlossplatz ziehen. Als sie sich jedoch in einem Hinterhof trafen, wurden sie von der Polizei gestoppt, bevor es überhaupt losging. Das Angebot der städtischen Versammlungsbehörde, auf Nebenstraßen auszuweichen, wurde abgelehnt. Stattdessen verstreuten sich die Aktivisten in alle Himmelsrichtungen, um sich eineinhalb Stunden später wieder am Hauptbahnhof zu treffen.