Stuttgart - Vor einem Jahr hat Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) höchstpersönlich ein Projekt gestartet, das fast ein wenig magisch klingt und das ein wichtiger Schlüssel für eine klimafreundlichere Zukunft sein könnte. Zementwerke gelten als Klimakiller, weil sie immense Mengen Kohlendioxid ausstoßen – doch ein Teil dieses CO2 soll in diesem Projekt im Heidenheimer Teilort Mergelstetten aufgefangen und mit grün erzeugtem Wasserstoff in Kerosin verwandelt werden, das dann am Flughafen Stuttgart verwendet wird. „Das klingt nach einem schwierigen Vorhaben, und das ist es auch“, sagte Kretschmann. „Aber gerade deshalb ist es bei uns in Baden-Württemberg genau richtig.“
Beeindruckend ist vor allem die Dimension der Anlage: Sie soll einmal 50 000 Tonnen Kerosin im Jahr produzieren, das wären immerhin 0,5 Prozent des Bedarfs in Deutschland. Zum Vergleich: Die derzeit weltweit größte Anlage stellt jährlich 350 Tonnen her. Und das Potenzial der Technologie sei noch viel größer, heißt es: Laut dem Verkehrsministerium könnte mit dem Kohlendioxid aus einem einzigen Zementwerk der Bedarf des Stuttgarter Flughafens zweifach gedeckt werden. Für das Projekt haben sich das Land, der Flughafen Stuttgart und vier Zementunternehmen, darunter die großen Firmen Heidelberg-Cement und Schwenk, zusammengeschlossen.
Die Betreiberfirma will derzeit nicht über das Projekt sprechen
Ende 2023, spätestens Mitte der 2020er Jahre, sollte die sogenannte Oxyfuel-Anlage in großtechnischem Maßstab eigentlich in Betrieb gehen. Doch mittlerweile hapert es kräftig, und die Verantwortlichen geben sich zunehmend schmallippig. Der Geschäftsführer der Kooperation der vier Zementwerke, Jürgen Thormann, sei verhindert und nicht zu sprechen, teilte man auf Anfrage mit. Auch das Unternehmen Schwenk, auf dessen Gelände in Mergelstetten die Anlage entstehen soll, gibt vorerst keine Auskunft. Man befinde sich in einer „sehr wichtigen und zeitintensiven Phase des Projekts“ und könne frühestens in ein paar Wochen etwas sagen, richtete die Sprecherin Laura Schleicher aus.
Tobias Schick, der Sprecher des Verkehrsministeriums, gibt sich nicht ganz so einsilbig. Er nennt Gründe für die massive Verzögerung. Die Förderausschreibung des Bundes habe sich stark verzögert und werde wohl erst im Sommer 2022 starten. Zudem müsse nun doch erst eine Durchführbarkeitsstudie gemacht werden, die allein zwei Jahre dauern könne. Der eigentliche Bau der Anlage ziehe sich zuletzt über drei oder vier Jahre hin. Wenn alles gut laufe, sei der Beginn der Produktion deshalb frühestens Ende 2027 zu erwarten, so Schick.
Die Anlagen sollen in Zehnerpotenzen größer werden
Hinter der Technologie dieser sogenannten Power-to-liquid-Anlagen steht ein Karlsruher Unternehmen: Es heißt Ineratec, hat 80 Mitarbeiter und ist eine Ausgründung des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). Auch die oben genannte weltweit größte Anlage – sie ging im Oktober in Werlte im Emsland in Betrieb – stammt von Ineratec. Ungefähr in Zehnerpotenzen will man nun von Anlage zu Anlage bauen. Der nächste Sprung ist eine geplante Produktionsstätte in Höchst bei Frankfurt mit 3500 Tonnen Kerosin in diesem Jahr. Und dann käme eben die Anlage in Mergelstetten, an der Ineratec ebenfalls beteiligt war. „Dieses exponentielle Wachstum ist Absicht“, sagt die Unternehmenssprecherin Isabel Fisch.
Die Menge von 50 000 Tonnen Kerosin im Jahr wäre aber auch notwendig, wenn die Bundesregierung ihre Ziele bei den klimaneutralen E-Flüssigkraftstoffen erreichen will. 200 000 Tonnen sollen es im Jahr 2030 sein – das wären dann immerhin zwei Prozent des deutschen Bedarfs. Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) sagte im Herbst, man müsse endlich Gas geben bei diesen sogenannten Refuels: „Zum Erreichen der ambitionierteren Klimaziele brauchen wir Refuels, dringend und sehr zeitnah. Diese Kraftstoffe sind am KIT bereits ausreichend erforscht. Wir müssen jetzt aus dem Forschungsmaßstab in die industrielle Massenproduktion.“
Viele Projekte zur Lagerung von Kohlendioxid sind auf dem Weg
Bisher existiert in Baden-Württemberg lediglich eine einzige solche Anlage, und zwar eben am KIT, mit dem Know-how von Ineratec. Daneben beabsichtigt auch die Mineralölraffinerie Oberrhein (Miro), ebenfalls in Karlsruhe, erneuerbare Kraftstoffe zu produzieren. Dort sollen künftig ebenfalls 50 000 Tonnen im Jahr hergestellt werden. Die Pläne dort stocken aber laut Verkehrsministerium aus denselben Gründen wie bei der Anlage in Mergelstetten.
Neben der Verwendung von Kohlendioxid für neue Produkte vergrößert sich auch die Zahl der Projekte, bei denen Kohlendioxid dauerhaft im Erdboden oder unter dem Meer gespeichert wird, um es auf diese Weise aus der Atmosphäre zu holen. So will Heidelberg-Cement Mitte 2024 im norwegischen Zementwerk Brevik die weltweite erste CO2-Abscheideanlage im industriellen Maßstab eröffnen, wie die Sprecherin Elke Schönig sagte. Rund die Hälfte der CO2-Emissionen des Zementwerks soll aufgefangen und gelagert werden.
Weltweit sind derzeit laut dem Global CCS Institute, das das Thema CO2-Speicherung vorantreibt, 27 solcher Anlagen in Betrieb, mehr als hundert sind in Planung. Die bestehenden Speicher haben noch eine sehr geringe Bedeutung: Damit können lediglich 0,1 Prozent des jährlichen weltweiten Ausstoßes an CO2 unterirdisch gelagert werden. Doch das Volumen soll in den kommenden Jahren und Jahrzehnten deutlich zunehmen.