Klimawandel in der Region Stuttgart Die Gefahr neuer Tierseuchen wächst
Der Klimawandel hat Folgen für unsere Tierwelt: Im Rems-Murr-Kreis sind zuletzt etliche Tiere an Staupe und der Hasenpest erkrankt. So sieht es im Rest der Region Stuttgart aus.
Der Klimawandel hat Folgen für unsere Tierwelt: Im Rems-Murr-Kreis sind zuletzt etliche Tiere an Staupe und der Hasenpest erkrankt. So sieht es im Rest der Region Stuttgart aus.
Beim Landratsamt des Rems-Murr-Kreises klingeln die Alarmglocken: Das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart (CVUA) hat in jüngster Zeit bei vier Waschbären aus Plüderhausen und einem Waschbären aus Urbach das hochansteckende Staupevirus nachgewiesen. Die Merkmale infizierter Tiere: Sie sind benommen, orientierungslos und vergleichsweise zutraulich. Während Menschen sich nicht mit dem Staupevirus infizieren können, stellt das Virus allerdings eine Gefahr für Hunde dar. Deswegen empfiehlt das Veterinäramt allen Hundehalterinnen und Hundehaltern neben einer regelmäßigen Entwurmung auch die Staupe-Impfung.
Zudem ist bei Kirchberg vor Kurzem ein toter Feldhase gefunden worden, der an der Hasenpest, der sogenannten Tularämie, erkrankt war. Hasen und andere Nagetiere, wie etwa Mäuse, die mit dem Bakterium infiziert sind, verenden meist nach kurzer Zeit. Angesichts dieser Fälle, stellt sich die Frage, wie verbreitet diese und andere Tierseuchen in der Region Stuttgart sind? Und welche Gefahren drohen Mensch und Tier rund um Stuttgart? Wir haben nachgefragt.
In Stuttgart hat es in den vergangenen Jahren einige Staupefälle im Stadtgebiet gegeben. Der Sprecher Oliver Hillinger weist aber darauf hin, dass Staupe nicht meldepflichtig ist und deshalb nur als Nebenbefund bei der Untersuchung von Tollwut-Verdachtsfällen entdeckt wird. Die registrierten Fälle seien deshalb nur „die Spitze des Eisbergs“. Die Hasenpest sei bisher in der Landeshauptstadt nicht aufgetaucht.
Aktuell meldet neben dem Rems-Murr-Kreis nur noch ein Landkreis einen Fall von Hasenpest: In Böblingen wurde am 27. Februar ein toter Hase gefunden, der sich mit Tularämie infiziert hatte. Im vorigen Jahr registrierte das Böblinger Amt für Veterinärdienst vier Hasenpest-Fälle. Mit Staupe-Fällen hatte der Kreis zuletzt 2022 zu tun. Damals war die Krankheit bei fünf Tieren – Steinmardern und Füchsen – aufgetreten.
In Ludwigsburg ist 2023 ein Hase nachweislich an Tularämie verendet und bei zwei Füchsen wurde Staupe nachgewiesen: Aber auch Andreas Fritz, der Sprecher des Ludwigsburger Landratsamts, geht von einer „großen Dunkelziffer aus, da nicht alle verendeten Feldhasen, Füchse und Waschbären gefunden und zu den Untersuchungsämtern gebracht werden.“
Ähnlich sieht das auch im Landkreis Göppingen aus. Auch dort grassiere bereits seit vielen Jahren neben der Erkrankung durch Räudemilben die Staupe-Infektion, vor allem in der Fuchs- und Waschbärpopulation, heißt es im Landratsamt. Dabei würden „verendete oder von Jägern erlöste Tiere“ meist entsprechend der Sicherheitsvorgaben beseitigt und kämen nicht zur genaueren Untersuchung in ein spezialisiertes Labor. Der letzte positive Befund bei einem Dachs stammt vom August 2023. Der letzte nachgewiesene Hasenpestfall in Göppingen datiert aus dem Jahr 2016. Auch im Landkreis Esslingen gibt es in diesem Jahr noch keinen relevanten Befund. Im Jahr 2022 hatte es hingegen dort 10 Staupe-Fälle vor allem bei Füchsen gegeben. Im vorigen Jahr ist Staupe dann nur noch bei einem Waschbären nachgewiesen worden.
Auch das Problem Krebspest, das aus Nordamerika stammende Krebse nach Deutschland gebracht haben, spielt aktuell keine große Rolle. Selbst im Landkreis Esslingen, in dem die Krebspest in einigen kleineren Bächen für ein massives Sterben der heimischen Krebsarten gesorgt hatte, ist die Krebspest aktuell kein Thema.
Sorge bereitet allen Landratsämtern aber der Klimawandel und die damit wachsende Gefahr, dass bislang in Europa noch nicht existierende Tierseuchen, die auch für Menschen gefährlich werden können, nun auch in Baden-Württemberg ausbrechen könnten. Diese Krankheiten werden unter dem Fachbegriff New Emerging Diseases – neu entstehende Krankheiten – zusammengefasst. Das bekannteste Beispiel ist sicher die Asiatische Tigermücke, die eine Vielzahl an Erkrankungen übertragen kann. Dazu zählen die West-Nil-, Dengue-, Chikungunya- und Zika-Viren.
Als ein weiteres Beispiel nennt das Landratsamt Esslingen die Vogelgrippe. Diese trete wegen Veränderungen des Vogelzugs nicht mehr nur saisonal auf. Auch die Blauzungenkrankheit, die vor allem Wiederkäuer bedrohe und bei der eine spezielle Mückenart, die sogenannten Gnitzen, das Virus übertrage, ist im Jahr 2006 erstmals in Deutschland aufgetreten.
Gerade in wärmeren Regionen konnten sich in den letzten Jahren wichtige Überträgerarten ausbreiten. Die Asiatische Tigermücke wurde bereits 2020 erstmals im Landkreis Esslingen und angrenzenden Kreisen gefunden. Die Sprecherin des Esslinger Landratsamts, Nicole Klöckner, fasst es so zusammen: „Es steht eine weitere Zunahme der mit dem Klimawandel - sowie der Globalisierung als weiterem wichtigen Ausbreitungsfaktor – verbundenen Infektionskrankheiten zu befürchten.“
Bilanz
Es hat im Stadtgebiet Stuttgart in den vergangenen 14 Monaten 46 Meldungen von Tierkrankheiten im Tierseuchennachrichtensystem gegeben. Dazu gehörten ein Fall der Marekschen Krankheit bei einem Huhn, vier Mal Vogeltuberkulose und 15 Mal Salmonellose bei Hunden, Rauben und Igel. Auch Fälle von Papageienkrankheit und Listeriose wurden ebenfalls bekannt.
Vogelzug
Im Frühjahr 2023 gab es dutzende Fälle von Aviärer Influenza bei Lachmöwen am Neckar, die im Rahmen des normalen Vogelzugs ins Stuttgarter Stadtgebiet eingeschleppt wurde. hol