Zumindest die Landwirtschaft scheint glimpflich davongekommen zu sein. Die Weizenernte scheint sogar höher auszufallen als im Vorjahr, sagt der Bauernverband. Aber sie liege unter dem langjährigen Mittel. Vielfach wird wegen Hitze und Trockenheit schon die Entnahme von Wasser aus Flüssen und Bächen verboten. Und Brandenburg meldet die „schlimmste Dürre“ seit Bestehen des Landes. Wie kommt unser Versorgungssystem eigentlich mit den Hitzewellen klar?
Wie steht die Binnenschifffahrt da?
Es müssten eigentlich gute Zeiten für Binnenschiffer sein. Der Bedarf an Kohletransporten sei gestiegen, die Charter für Getreide sei um 25 Prozent teurer geworden, sagt Binnenschiffer Jens Langer aus Stuttgart, der vier Schiffe auf Rhein und Neckar fahren lässt und Geschäftsführer des Logistikunternehmens DP-World in Deutschland ist. „Aber der steigende Dieselpreis und das Niedrigwasser sind ein giftiger Cocktail für unsere Branche“, sagt Langer. Man könne nur mit 50 Prozent der Kapazität fahren. Der Wasserstand am Pegel Maxau am Rhein lag Donnerstagmorgen bei 353, das ist unter dem durchschnittlichen Niedrigwasserlevel von 2006 bis 2015 – aber noch weit entfernt vom Dürrejahr 2018, wo er einmal bei 311 lag und man rheinabwärts bei Bingen zum Mäuseturm waten konnte. „Wenn es so weiter geht, wird es dramatisch. Das Niedrigwasser setzte dieses Jahr sehr früh ein“, so Benjamin Sinaba vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Oberrhein in Freiburg.
Was brauchen die Flüsse strukturell?
Binnenschiffer warten auf die Entwicklung neuer Schiffstypen für Niedrigwasser, sie wollen optimierte Wasserstandsprognosen und tiefere Fahrrinnen, wie es am Mittelrhein zwischen Mainz, Wiesbaden und St. Goar oder an der Donau zwischen Straubing und Vilshofen geplant ist. „Definitiv brauchen wir den Neckarschleusenausbau“, sagt Skipper Langer. Auch das Land Baden-Württemberg will die Verlängerung der 27 Neckarschleusen, damit dort 135 Meter lange Schiffe fahren können, und wirft dem Bund Verzögerung vor.
Beeinträchtigt das Niedrigwasser die Stromversorgung?
Nein, sagt die EnBW, einer der großen Energieversorger. Mit dem Niedrigwasser stiegen die Transportkosten pro Tonne, das erhöhe die Einsatzkosten der Kohlekraftwerke, so ein EnBW-Sprecher. „In Anbetracht der Gesamtsituation haben wir aber das zweite Quartal genutzt, um frühzeitig Vorräte aufzubauen und verfügen derzeit über einen hohen Bestand.“ Auch verfügten Kraftwerke an Rhein und Neckar über Gleisanschlüsse, man könne im Notfall auf die Bahn ausweichen. Was die Kühlwasserfrage an heißen Sommertagen anbelange, so habe man die „grundsätzlich im Auge“. Es gebe bei Kraftwerken im „Marktbetrieb“ aber noch keine Einschränkungen, bei den Netzreserve-Kraftwerken in Heilbronn (Blöcke 5 und 6) sowie Marbach und Walheim sei das allerdings schon der Fall.
Wird das Trinkwasser knapp?
Vor Kurzem hat das Umweltbundesamt betont, dass 70 Prozent des deutschen Trinkwassers aus Grund- und Quellwasser stammen und es „noch keinen Mangel“ davon gebe. Die Trockenheit habe bisher „keine flächendeckenden negativen Auswirkungen auf Trinkwasser aus Grundwasserressourcen“. Im Sommer 2018 waren aber teilweise Hausbrunnen trockengefallen. Das Grundwasser speist sich vor allem aus Niederschlägen im Winter. Keine Sorge hat die Bodensee-Wasserversorgung: „Wir entnehmen ein Prozent der Wassermenge, die täglich dem Bodensee zufließt. Das ist weniger, als im Schnitt aus dem See verdunstet“, so Sprecherin Teresa Brehme. Bis zu 670 Millionen Liter dürfe man aufgrund internationaler Verträge entnehmen, „und dies bei der schier unfassbaren Wassermenge von 48 Milliarden Kubikmeter Inhalt“. Aber der Bodensee weckt Begehrlichkeiten: „In den letzten drei Jahren haben sich die Anfragen an uns signifikant nach oben geschraubt“, so Brehme. Es gab mehr als 60 Anfragen nach einer Erhöhung der Beteiligungsquote am Zweckverband oder einen Anschluss an den Verband.
Was ist mit den Straßen?
Betonfahrbahnen dehnen sich bei Hitze aus, und vor wenigen Jahren noch ist auf Autobahnen befristet ein Tempolimit verhängt worden, wenn Platten in der Hitze knickten oder sich übereinander schoben. Die Zeiten sind laut Autobahn-Gesellschaft Südwest vorbei, alle alten Betonstrecken auf dem 1050-Kilometer-Autobahnnetz im Land seien mit Entlastungsstreifen aus flexiblem Asphalt versehen worden, die wie Puffer wirken.
Welche Außentemperatur hält eine Klimaanlage im Zug aus?
„Sehr hohe Schienentemperaturen führen dazu, dass Züge auch mal langsamer fahren müssen“, teilt die Deutsche Bahn auf Anfrage mit. Das einst lästige Problem mit ausfallenden Klimaanlagen scheint aber gelöst zu sein. Man prüfe die Klimaanlagen nun alle sechs Monate, die von ICE 1 und Intercity 1 liefen stabiler als in früheren Jahren. Klimaanlagen neuer Züge – etwa ICE 4 – seien auf Temperaturen bis plus 45 Grad ausgelegt. Selbst Gleisanlagen werden für Hitzewellen robuster gemacht. Man habe Tausende von Anlagen der Leit- und Sicherungstechnik mit Klimaanlagen ausgestattet, damit sie in der Hitze nicht ausfallen, so eine Bahn-Sprecherin.