Plötzlich geht die Tür auf. Dr. Lametta Zamperoni und Dr. Bubu Baum poltern herein – im Clownskostüm und mit roten Nasen. Lametta spielt ein Kinderlied auf ihrer Konzertina. Bubu holt derweil drei bunte Tücher aus ihrer Hosentasche und jongliert, musikalisch begleitet von Lametta. Die Kinder gucken fasziniert. Lametta spielt immer schneller. Bubu versucht, im Takt zu bleiben. Nicht einfach – die Tücher fallen zu Boden. „Hups“, sagt sie. Ihre Stimme klingt nasal. Die Kinder lachen.
„Spiel mal langsamer“, fährt Bubu ihre Clownskollegin an. Gesagt, getan. Lametta spielt langsamer. Und langsamer. Und noch langsamer. Dann fängt sie an zu schnarchen. Klatsch. Bubus Hand klebt in ihrem Gesicht. Die Schleife, die auf Lamettas Kopf steckt, rutscht in ihr Gesicht. „Auaaaaaa!“, ruft sie dramatisch. Die Kinder quietschen vor Vergnügen. Schon fühlt es sich hier ein bisschen weniger nach Krankenhaus an.
Dr. Lametta Zamperoni und Dr. Bubu Baum sind zwei von sechs Klinikclowns, die im Olgäle, das zum Klinikum Stuttgart gehört, zum Einsatz kommen – um kranken Kindern und ihren Eltern den Klinikalltag zu erleichtern. Finanziert werden die Clowns seit mehr als 20 Jahren von der Olgäle-Stiftung, einem gemeinnützigen Verein, der Deutschlands größtes Kinderkrankenhaus mit vielen Projekten unterstützt. Projekte, die sonst nicht gestemmt werden könnten.
Klinikclowns gibt es in Deutschland seit 30 Jahren
Die Idee des Klinikclowns ist Mitte der 80er Jahre entstanden. Michael Christensen, ein Mitbegründer des New Yorker Big Apple Circus, war zu einer Veranstaltung in einem Kinderkrankenhaus eingeladen. Er hatte mit seiner roten Clownsnase so großen Erfolg, dass er regelmäßig in Kliniken auftrat. Vor ziemlich genau 30 Jahren brachte dann die Künstlerin und Clownin Laura Fernandez die Idee nach Deutschland: Die erste Clowns-Visite fand am 14. Oktober 1993 in einer Kinderklinik in Wiesbaden statt.
Lametta und Bubu sind inzwischen weitergezogen. Sie latschen in ihren viel zu großen Schuhen durch die Korridore der Ambulanz und schaukeln unkoordiniert hin und her. Bubu trägt eine grüne Bommelmütze, farblich passend zu ihrer Schlabberhose mit den Hosenträgern. Ihr rechtes Ohr ziert ein Anhänger, der aussieht wie ein gerupftes Huhn. Lametta trägt rot-weiße Ringelsocken und eine Glaskugel am Ohr, ihr Halstuch ist mit Sternen bedruckt.
Dr. Lametta Zamperoni heißt mit bürgerlichem Namen Lisa Schnee, Dr. Bubu Baum eigentlich Ines Rosner. Schnee, 39 Jahre alt, ist seit 2017 als Clown im Olgahospital tätig. Die studierte Figurenspielerin gründete 2009 ihr eigenes Figurentheater, ließ sie sich später aber zum Clown ausbilden, weil sie sich mehr zwischenmenschliche Begegnungen mit dem Publikum wünschte. Rosner, die als Bubu Baum seit 2018 im Olgäle unterwegs ist, hat viele Jahre als Sozialarbeiterin in der Jugendhilfe gearbeitet. Außerdem absolvierte sie eine Theaterpädagogikausbildung. Zum Clown-Sein kam die 44-Jährige eher zufällig, stelle dann aber fest: „Das ist genau das, was ich suche.“
Die Kinder ins Hier und Jetzt holen
Am Ende eines Korridors machen die Clowns halt und lugen um die Ecke. Dort wartet Bella auf ihre Untersuchung. Die Achtjährige sitzt im Rollstuhl. Als sich die Clowns ihr nähern, wirkt sie zurückhaltend, fast ein bisschen ängstlich. Lametta hört auf zu spielen und holt ihr Seifenblasendöschen aus der Tasche. Sie schaut Bella kurz an, dann macht sie ein paar Blasen. Bubu fängt eine davon auf. „Oh“, sagt das Mädchen leise. Bubu bückt sich zu ihr und streckt ihr die Hand entgegen, mit der sie die Seifenblase gefangen hat. „Danke“, sagt Bella und lächelt. Sie sieht jetzt deutlich weniger schüchtern aus.
Sich an die Kinder heranzutasten, die Situation zu erspüren und angemessen darauf zu reagieren, ist eine der Aufgaben der Klinikclowns. Dabei schauen sie ganz genau, ob das Kind gerade Lust auf Späßchen hat, oder ob es nach den anstrengenden Untersuchungen lieber in Ruhe gelassen werden will. „Wir sind die einzigen im Krankenhaus, zu denen das Kind nein sagen darf“, sagt Lisa Schnee. Ines Rosner fügt dazu: „So geben wir den Kindern ihre Selbstbestimmung zurück.“
Auch Lachen muss geübt werden
Für Andreas Oberle, Kinderneurologe und Ärztlicher Direktor am Sozialpädiatrischen Zentrum des Olgahospitals, sind die Klinikclowns eine wichtige Ergänzung zur medizinischen Therapie. Beispielsweise sorgen sie dafür, dass die Kinder das Lachen nicht verlernen. „Wenn ich dauerhaft niedergeschlagen bin, stellt sich das Gehirn darauf ein“, sagt der Arzt. „Lachen ist zwar in uns drin, aber wenn ich über Wochen, Monate immer traurig und belastet bin, dann fällt es mir irgendwann schwer“. Wie so vieles müsse auch Fröhlichkeit trainiert werden. „Ich kann noch so ein toller Arzt sein und mich der besten Therapiemethoden bedienen, was bringt das, wenn das Kind nicht mehr lacht?“, so Oberle.
Trotzdem wollen die beiden Clowns die Schmerzen der Kinder nicht weglächeln. Sie nehmen sie ernst: „Wir wollen sie stark machen, indem wir mit ihrem gesunden Ich spielen“, sagt Rosner. Manchmal bedeutet das aber auch, Ängste und Trauer zuzulassen. Etwa, wenn sie mit einem Kind, das wegen einer OP seine Haare verloren hat, in den Spiegel schauen und gemeinsam um die schönen, langen Locken weinen. Oder wenn sie einem schwerkranken Neugeborenen einen Glitzerstern auf die Socke kleben.
Was von ihrer Arbeit hängen bleibt? Welche Gefühle von den Kindern, aber auch ihren Familien sowie dem Klinikpersonal bewahrt werden? Das können die beiden nicht beeinflussen. „Man muss darauf vertrauen, dass man die Magie so freisetzt, wie man es sich wünscht“, sagt Schnee. „Wenn das gelingt, ist man selbst ganz erleichtert.“ Die Mutter des kranken Neugeborenen hat die Socke mit dem Stern jedenfalls nie gewaschen. Ihr Kind feiert jetzt seinen dritten Geburtstag.