Klinikverbund Südwest Corona als Blaupause für Pandemien

Die Angst vor einer Ansteckung begleitet auch den Chefarzt Martin Götz jedes Mal, wenn er die Covid-19-Station betritt. Foto: Simon Granville
Die Angst vor einer Ansteckung begleitet auch den Chefarzt Martin Götz jedes Mal, wenn er die Covid-19-Station betritt. Foto: Simon Granville

Der Infektiologe Martin Götz ist Chefarzt der Böblinger Covid-19-Stationen. Trotz Impfung werde die Krankheit die Kliniken und die Gesellschaft noch lange beschäftigen, sagt der Experte. Man müsse aus der Krise für künftige Epidemien lernen.

Böblingen: Gerlinde Wicke-Naber (wi)
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Böblingen - Martin Götz setzt große Hoffnungen in die Impfung. Doch Corona würde dadurch nicht verschwinden, sagt der Infektiologe beim Klinikverbund Südwest. „Die Patienten mit Covid-19 werden weniger werden. Aber wir werden noch lange Corona-Kranke auf den Stationen behandeln. Wir haben ja auch jeden Winter Grippepatienten – trotz Impfung.“

Götz, der den Titel Professor trägt, ist seit zwei Jahren Chefarzt der Gastroenterologie/Onkologie am Böblinger Krankenhaus. Normalerweise behandelt er Patienten mit Tumoren im Darm, der Leber oder Galle. Doch seit März beschäftigt den 48-Jährigen vor allem ein großes Thema: Corona. Er leitet die Covid-19-Stationen an der Böblinger Klinik. Als einziger Experte für Infektiologie beim Klinikverbund Südwest mit sechs Krankenhäusern in den Kreisen Böblingen und Calw ist er ein gefragter Mann.

Doch trotz seiner Ausbildung – so richtig vorbereitet war auch er nicht auf diese Pandemie. „Wir sind in der einzigartigen Situation, dass wir weltweit parallel täglich dazulernen. Wir können nicht auf Erfahrungen anderer zurückgreifen. Diese Krankheit ist für alle neu.“ Umso wichtiger sei der Austausch mit Kollegen, um immer auf dem neuesten Stand zu sein.

Als Arzt sieht Götz den ganzen Menschen

„Anfangs wussten wir gar nichts“, sagt Götz. Man habe bei der Behandlung viel experimentiert. Groß sei die Angst gewesen – auch bei den Ärzten und Pflegern. „Stecke ich mich selbst an und bringe die Krankheit dann nach Hause zu meinen Kindern?“ Neun Monate später weiß er: „Die Krankheit ist für meine Kinder nicht sehr gefährlich.“ Und bei der Behandlung habe man viel dazu gelernt. So gehe man heute beispielsweise anders mit dem Thema Beatmung um als am Anfang.

Sein Fazit: „Wir sind in Deutschland und auch im Kreis Böblingen relativ gut durch diese Pandemie gekommen.“ Das spreche für das deutsche Gesundheitssystem. Vieles sei richtig gemacht worden. Etwa die frühe Trennung von Patienten in solche mit und ohne Corona-Verdacht. So hätte man viele Ansteckungen vermeiden können. Trotzdem sieht der Experte auch vieles kritisch.

Die wochenlange Isolation Corona-Kranker oder Gefährdeter etwa. Jeden Tag trifft er auf seinen Stationen alte, einsame Menschen. Anfangs hätte man diese nach der Behandlung wieder zurück ins Altenheim gebracht und dort weitere zwei Wochen isoliert. Daran wären viele zerbrochen. Man müsse den Menschen die Entscheidung selbst überlassen, ob sie ins Krankenhaus wollen oder nicht.

„Ich bin kein Mediziner, sondern Arzt. Ich sehe den ganzen Menschen.“ Als solcher ist ihm der Lebensschutz wichtig. Dazu gehöre aber mehr als eine medizinische Behandlung. „Was macht ein 25-Jähriger, der seine Arbeit wegen der Corona-Beschränkungen verliert? Und der keine Partnerin findet, weil er keine Möglichkeit für Begegnungen hat?“ Die Corona-Einschränkungen müssten kritisch diskutiert werden dürfen. Nur dann würden sie auch akzeptiert, sagt Götz. Problematisch sei auch, dass sich viele Notfallpatienten mit Herzinfarkt oder anderen lebensbedrohlichen Krankheiten während des ersten Lockdowns wegen Angst vor Corona nicht in die Kliniken getraut hätten.

Neue Pandemien drohen

Lernen müsse man deshalb aus den Erfahrungen der Corona-Pandemie für kommende Epidemien. Die werden kommen, ist sich Götz sicher. „Das muss kein neues Corona-Virus sein. Das kann auch Ebola sein, Malaria oder eine Durchfallerkrankung.“ Um sich für solche Katastrophen zu rüsten, sei wichtig, das Gesundheitssystem „nicht auf Kante zu nähen“. Das Problem sei in Deutschland nicht die Anzahl der Betten oder die technische Ausrüstung, sondern das Personal. Aktuell merkt das der Klinikverbund Südwest in seinem Nagolder Krankenhaus. Dort gibt es einen Aufnahmestopp für Patienten, weil 32 Mitarbeiter mit Corona infiziert sind.

Trotzdem ist Martin Götz optimistisch. Mit der Impfung werde sich vieles entspannen. Doch die Pandemie werde ihre Spuren hinterlassen. „Großveranstaltungen werden wir wohl noch eine Weile meiden müssen.“ Und auch der Abstand zu anderen Menschen werde noch lange in den Köpfen bleiben. Götz jedenfalls hat beschlossen: „Ich gebe meine Patienten auch künftig nicht mehr die Hand.“

Der Experte bildet junge Ärzte aus

Experte
Martin Götz kam vor zwei Jahren von der Uniklinik Tübingen zum Klinikverbund Südwest. Neben seiner Tätigkeit als Chefarzt der Gastroenterologie/Onkologie in Böblingen ist er Dozent an der Universität Tübingen und beim Klinikverbund für die Ausbildung junger Ärzte zuständig.

Klinikverbund Südwest
Sechs Krankenhäuser in den Kreisen Böblingen und Calw gehören zum Klinikverbund Südwest. Dort behandeln pro Jahr etwa 5000 Mitarbeiter 80 000 Patienten stationär und 300 000 Menschen ambulant. Träger des Verbunds sind die Kreise Böblingen und Calw.

Corona-Lage
Am Freitag gab es im Klinikverbund 93 Patienten mit Covid-19, davon 13 auf den Intensivstationen, sieben wurden beatmet. 22 Patienten mit Verdacht auf eine Corona-Infektion warteten auf das Ergebnis des Tests. Das Durchschnittsalter der Patienten ist 69 Jahre, das der Verstorbenen 79.




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