Klinikverbund Südwest in der Krise Schmerzhaft, aber notwendig

Dem Klinikverbund steht eine Rosskur bevor, Proteste sind programmiert. Foto: Archiv/Thomas Bischof

Die anstehende Therapie für den Klinikverbund der Kreise Böblingen und Calw wird weh tun, ist aber unumgänglich.

Böblingen: Jan-Philipp Schlecht (jps)

Wenn der Arzt selbst zum Patienten wird: Dieses ungute Schicksal ereilt jetzt den Klinikverbund Südwest. Schon seit Jahren plagt den Verbund mit seinen sechs Krankenhäusern ein chronisches Defizit. Bis Corona allerdings konnten es die Landkreise Böblingen und Calw verkraften, bewegte es sich noch unter 20 Millionen Euro pro Jahr. Der Malus im Kreishaushalt wurde unter Daseinsvorsorge abgestempelt und von den Kreisräten toleriert. Es bestand ja Aussicht auf baldige Besserung, wenn das Flugfeldklinikum dereinst eröffnet und endlich die Doppelstruktur mit Böblingen und Sindelfingen beseitigt sein würde. Doch nicht nur auf die Gesellschaft als Ganzes, sondern auf das Gesundheitssystem im Besonderen wirkte die Corona-Krise wie ein Brennglas.

 

Patientenzahlen brechen ein

Zum einen brachen die Patientenzahlen in den Kliniken dramatisch ein: Zwischen 2019 und 2021 sackten sie deutschlandweit um 14 Prozent ab, im Kreis Böblingen immer noch um 9,9 Prozent. Das machte das Geschäftsmodell der Krankenhäuser vom tolerablen Zuschussbetrieb auf einmal zum Fass ohne Boden. Auf satte neun Milliarden Euro beziffert Landrat Bernhard das Defizit aller Krankenhäuser in Deutschland. Das zeigt: Böblingen und Calw stehen mit ihrem Schicksal nicht allein. Doch von dieser Erkenntnis kann sich der klamme Klinikverbund auch nichts kaufen. Es besteht dringender Therapiebedarf.

Neu-Geschäftsführer Alexander Schmidtke fand seit seinem Amtsantritt im Dezember 2022 einen Klinikverbund Südwest vor, der nicht nur die Großbaustelle Flugfeldklinikum mit galoppierenden Baukosten vor der Brust hat. Auch im laufenden Betrieb mit über 2000 Betten und 5000 Angestellten ist der Verbund in eine desolate wirtschaftliche Lage gerutscht. Der 57-Jährige legte zupackend los, durchleuchtete den Betrieb systematisch und stellt schon nach 150 Tagen die schmerzhafte Diagnose: 50 Millionen Euro Defizit, ineffiziente Prozesse, teure Doppelstrukturen.

Schmerzhafte Therapie

All das ist nicht neu. Doch Schmidtke legte auch einen gründlichen Therapieplan vor. Der Klinikverbund mit seiner kommunalen Trägerschaft wird einige bittere Pillen zu schlucken haben, so viel ist sicher. Denn was auf der wirtschaftlichen Seite schnell einleuchtet, muss zunächst durch die lokalpolitischen Gremien und damit der Bevölkerung vor Ort verkauft werden: Einsparungen beim Personal, Beseitigung von Doppelstrukturen, effizientere Prozesse. Außerdem steht die Ausstattung der kleineren Standorte Herrenberg, Leonberg, Calw und Nagold klar auf dem Prüfstand – mit bis dato ungewissem Ausgang.

So notwendig die Medizin auch sein mag, schmecken wird sie vielen nicht. Da wäre zunächst die Belegschaft, die ohnehin am Rande ihrer Belastungsgrenze arbeitet. Stichwort: Personalmangel bei Ärzten und Pflegekräften. Auf der anderen Seite die Bevölkerung vor Ort. Denn für sie ist ein Krankenhaus kein reiner Wirtschaftsbetrieb, sondern vor allem ein lokaler Identitätsanker. Der Ort, an dem Kinder geboren oder Angehörige behandelt und besucht werden. Jeder kann zu „seinem“ Krankenhaus eine Geschichte erzählen.

Lokalpatriotismus schwingt mit

Somit schwingt in der Betrachtung der Kliniklandschaft auch immer eine gehörige Portion Lokalpatriotismus mit, die wenig zugänglich ist für die Argumente der Klinik-Manager. Doch einer vom Bund verordneten Klinikreform, steigenden Kosten und dagegen sinkenden Fallzahlen können sie sich nicht verschließen. Wohl aber darf und muss man Klinikverbund-Geschäftsführer Alexander Schmidtke beim Wort nehmen, wenn er das Wohl der Patienten zur obersten Maxime erklärt. Darum und um nichts anderes sollte es den Verantwortlichen gehen.

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