Kluge Köpfe aus Esslingen Ein bisschen Algebra zur Entspannung

Geniestreich: Der Atlas von Tobias Mayer macht Mathematik berechenbar. Foto: Michael Saile Fotografie

Ein Spätzünder war er nicht. Tobias Mayer zeigte schon in sehr jungen Jahren seine intellektuelle Strahlkraft. Ein Mathematischer Atlas von ihm kann im Städtischen Museum Esslingen bewundert werden. Er hat ihn mit zarten 22 Jahren verfasst.

Reporterin: Simone Weiß (swe)

Er war kein Spätzünder und ein echtes Cleverle. Mit fünf Jahren konnte er lesen, schreiben und zeichnen. Mit 14 las er mathematische Bücher. Und mit 16 Jahren erstellte er den nachweislich ersten Stadtplan von Esslingen. Der Wunderknabe Tobias Mayer hatte es ganz einfach drauf, denn in seinem Kopf war sehr viel drin. Ein von ihm 1745 verfasster Mathematischer Atlas aus Papier und Leder ist von Dienstag, 7. Februar, an im Stadtmuseum „Gelbes Haus“ am Hafenmarkt in Esslingen zu sehen.

 

Esslinger Einwohner

Ein gebürtiger Esslinger war der Schlaukopf nicht. Als Heimatstadt des Denkers kann sich die Neckarstadt nicht profilieren. Aber er hat hier gelebt. Tobias Mayer kam am 17. Februar 1723 in Marbach zur Welt – und vom Himmel gefallen ist sein hoher IQ nicht. Sein Vater hatte rechnerisches Talent, war Wagner und Brunnenmeister und baute 1723 die Wasserleitung mit Aquädukt von Obertal zum Schloss Hohenkreuz, das die Familie von Palm 1722 erworben hat. Anfang 1724 zieht es die Mayers nach Esslingen. Zwei Jahre später erhalten sie das Bürgerrecht. Der kleine Tobias kann sich profilieren – in der Stadt hat er seinen Ruf als kleines Genie weg.

Doch Grips, Gehirn und Geist bewahren nicht vor Schicksalsschlägen. Der Vater stirbt 1730, die wirtschaftlichen Verhältnisse verschlechtern sich, der Esslinger Magistrat gewährt seinem klugen Einwohner Unterkunft, Verpflegung und Kleidung im Waisenhaus. Dann stirbt auch noch die Mutter. 1737 ist der Jugendliche Vollwaise. Er tröstet sich auf seine Weise – liest mathematische Bücher, die ihm ein Schuhmacher und der Rektor der Lateinschule ausleihen. „Ein Jahr später schickt ihn der Esslinger Rat in die Lateinschule, wo Tobias Latein, Griechisch, Religion, Rhetorik, Logik, Geografie und Geschichte lernt“, hat Kai Engelmann von den Städtischen Museen Esslingen herausgefunden. Zur Entspannung gibt es in der Freizeit als leichte Lektüre Algebra und Geometrie. Bis 1741 besucht Mayer die Lateinschule, und danach bereitet er, vermutlich in Esslinger und Stuttgarter Bibliotheken, seinen Mathematischen Atlas vor. Sein Stadtplan von Esslingen wird bei Gabriel Bodenehr in Augsburg für den Esslinger Magistrat mit 50 Exemplaren gedruckt.

Zeichner und Entwerfer

Ob er wohl jemals Lehrer geärgert hat? Ob er schwächere Mitschüler abschreiben ließ? Ob er geschwäbelt hat? Ob er auch mal alle Fünfe gerade sein ließ? Das konnten auch die Recherchen der Städtischen Museen Esslingen nicht herauskommen. Aber mit Tobias Mayer musste man rechnen. Mit der Volljährigkeit wird er aus dem Collegium Alumnorum entlassen und geht nach Augsburg, wo er wohl als Zeichner oder Entwerfer arbeitet. Gelegentlich macht er auch Kupferstiche. Doch 1745 wird in der Pfeffel’schen Verlagsanstalt, dem Kaiserlichen Hof- und Kupferstecher, sein Mathematischer Atlas als Kupferstich gedruckt. Sein Verfasser ist erst 22 Jahre alt. Nichts Verkopftes, nicht Vergeistigtes, nichts Abgehobenes – obwohl der Autor ein solcher Crack war. Auf 60 Seiten werden Bereiche der Mathematik mit Grafiken und umfangreichen Erläuterungen vorgestellt. 42 Seiten sind handkoloriert. Alles, was irgendwie mit Mathematik zu tun hat, hat er mit hineingepackt. Das Buch umfasst auch Astronomie, die Kartographie, die Kriegs- oder die Baukunst. Auf einer Seite ist handkoloriert der Plan „Die Gegend um Esslingen“ von 1743 gedruckt. Der Allrounder hat nichts ausgelassen. „Jeweils in der Mitte einer Seite finden sich umfangreiche Illustrationen, die von einem leicht verständlichen Text umrahmt werden“, erklärt Kai Engelmann. Der Atlas sei ein Lehrbuch, in dem die Kenntnisse der Zeit allgemein verständlich aufbereitet werden. Das Buch war so erfolgreich, dass Tobias Mayer nachträglich ein Supplement mit acht Seiten zur höheren Mathematik ergänzte.

Früher Tod

Die Mühe hatte sich gelohnt. Durch den Bestseller machte Tobias Mayer Karriere. Er bekommt eine leitende Stelle im Landkartenverlag Homann-Erben in Nürnberg. Nach der Veröffentlichung mehrerer größerer Abhandlungen zu astronomischen Beobachtungen wird er Professor in Göttingen. Weitere bedeutende Publikationen folgen, bevor Tobias Mayer 1762 in Göttingen an Typhus stirbt. Zusammen mit seiner Ehefrau Maria Victoria, die er 1751 geheiratet hat, hatte er sieben Kinder, die zwischen 1752 und 1761 zur Welt kamen. Nur zwei haben laut Kai Engelmann das Erwachsenenalter erreicht – Johann Tobias Mayer (1752-1830), der wie sein Vater Professor an der Universität Göttingen war, und Johann Georg Friedrich (1757-1809), der als Maler tätig war. Tobias Mayer ist nur 39 Jahre alt geworden. Wer weiß, was das Cleverle bei einer längeren Lebensdauer noch alles geschafft hätte.

Ausstellungsstück und mehr zu Tobias Mayer

Exponat
Unter dem Titel „Historische Schätze“ zeigen die Städtischen Museen Esslingen Objekte und Neuerwerbungen. Zudem werden Schätze aus dem Fundus des Stadtarchivs und des Esslinger Geschichts- und Altertumsvereins präsentiert. Die Objekte sind vom ersten Dienstag des Monats an im Gelben Haus am Hafenmarkt zu sehen. Mehr unter www.museen.esslingen.de .

Entdeckungen
Ein Geniestreich Mayers war die Lösung des Längengradproblems. Eine Positionsbestimmung auf dem Ozean, vor allem der geographischen Länge, war zu Beginn des 18. Jahrhunderts noch sehr ungenau. Tobias Mayer konnte die Frage nach jahrelanger Forschung mathematisch klären und leistete damit einen wichtigen Beitrag im Bereich Schifffahrt.

Biografie
Das Tobias-Mayer-Museum in Marbach präsentiert sein Leben und Wirken im Haus in der Torgasse 13, in dem der Astronom, Kartograph und Geograph vor 300 Jahren zur Welt kam. Es präsentiert seine wichtigsten Werke und zeigt biografische Stationen auf.  

Mehr zum Exponat in Esslingen steht unter: www.museen.esslingen.de.

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