Knut Kirchers letztes Spiel Der letzte Pfiff

Von Jochen Klingovsky 

Der FC Bayern feiert die Meisterschaft, Knut Kircher seinen Abschied: Die Karriere des Rottenburgers endet nach 244 Spielen. Die Bundesliga verliert nicht nur einen erstklassigen Schiedsrichter, sondern auch eine große Persönlichkeit.

Graue Haare, wache Augen, klare Gesten: Knut Kircher leitet bei seinem finalen Auftritt als Bundesliga-Schiedsrichter das Spiel des FC Bayern München gegen Hannover 96 – er hat mit 47 Jahren die Altersgrenze erreicht. Foto: Ulmer
Graue Haare, wache Augen, klare Gesten: Knut Kircher leitet bei seinem finalen Auftritt als Bundesliga-Schiedsrichter das Spiel des FC Bayern München gegen Hannover 96 – er hat mit 47 Jahren die Altersgrenze erreicht. Foto: Ulmer

Rottenburg/München - Er hätte das Ende noch ein bisschen hinauszögern können. Um zwei Minuten, vielleicht auch um drei. Doch Knut Kircher gewährt sich keine Nachspielzeit. Es ist Samstag, 14. Mai 2016, 17.19 Uhr. Der Schiedsrichter holt noch einmal tief Luft, hebt beide Arme nach oben – und pfeift pünktlich ab. Das Spiel des FC Bayern gegen Hannover 96. Die Bundesliga-Saison 2015/16. Und seine Karriere.

In den Sekunden danach prasselt enorm viel auf Knut Kircher ein. Philipp Lahm, Fußballweltmeister und Kapitän des FC Bayern, ist der Erste, der dem Unparteiischen aus Rottenburg-Hailfingen die Hand entgegenstreckt. Während seine FCB-Kollegen sich zum Meister-Kreisel aufstellen und die Titelsause beginnt, sagt der 1,70 Meter große Kicker zum 1,96 Meter großen Schiri: „Alles Gute für die Zukunft!“ Ein paar Augenblicke später steht Pep Guardiola vor Kircher. Auch der scheidende FCB-Trainer bedankt sich für die gemeinsame Zeit, nimmt den Kopf des Schiedsrichters in beide Hände und drückt ihm einen freundschaftlichen Kuss auf die Wange. Kircher ist sichtlich gerührt. „Da hat es mich schon kurz gepackt“, sagt er, „obwohl ich ja eigentlich auf alles vorbereitet war.“

Der Abpfiff kommt nie überraschend. Nicht nach 90 Minuten. Und auch nicht am Ende der Laufbahn. Mit 47 Jahren erreichen Bundesliga-Schiedsrichter die Altersgrenze, dann werden sie des Feldes verwiesen. Verlängerung? Gibt es nicht. Auch nicht für die Besten.

Die Reise ist perfekt geplant – wie immer

Knut Kircher gehört seit Jahren zur Elite der schwarzen Zunft. 2001 pfeift er sein erstes Bundesliga-Duell. TSV 1860 München gegen den 1. FC Nürnberg, Endstand 1:0. Es folgen weitere 242 erstklassige Partien und sein Abschiedsspiel in München. Der FC Bayern ist längst Meister, Hannover 96 abgestiegen. Für die Mannschaften geht es um nichts mehr, für Kircher schon. Er weiß: Der letzte Eindruck bleibt haften. Deshalb ist auch seine abschließende Reise als Schiedsrichter perfekt durchgeplant, er selbst voll fokussiert und konzentriert. So wie immer in den vergangenen 15 Jahren.

Los geht es am Freitagnachmittag. Der Maschinenbauingenieur Kircher schafft bei Mercedes-Benz in Sindelfingen, als Teamleiter Testing für Dachöffnungssysteme. Um kurz nach 15 Uhr klappt er den Laptop zu, fährt zum Stuttgarter Hauptbahnhof und wartet auf den ICE. Gleis 15, Abfahrt 16.16 Uhr. Gut zwei Stunden später kommt er in München an. Am Bahnsteig steht eine Legende des FC Bayern München.

Adi Weber, 79, ist die gute Seele des Vereins. Seit 53 Jahren betreut er bei Spielen in München die Schiedsrichter, in der Bundesliga und im Europapokal. Von Kreitlein bis Krug, von Collina bis Cakir, von Meier bis Merk – er kennt sie alle. Einst ist er mit den Pfeifenmännern nächtelang um die Häuser gezogen, doch heute geht es gesitteter zu. „Die aktuellen Schiedsrichter müssen für ihren Sport leben“, sagt Weber, früher Verkaufsleiter bei Löwenbräu, und lobt Kircher in höchsten Tönen: „Er hat auf dem Feld eine unglaubliche Ausstrahlung, ist immer fair und nie arrogant. Und menschlich ist er mir ohnehin einer der Liebsten.“

Lobeshymnen vor dem letzten Spiel

Die gegenseitige Sympathie ist auch beim Abendessen spürbar. Im Nymphenburger Hof stimmt sich Kircher mit Weber, seinen langjährigen Assistenten Thorsten Schiffner und Robert Kempter sowie Dominik Schaal, dem vierten Offiziellen, bei Scampi-Pfännchen, Spargel und Grünem Veltliner auf das Spiel ein. Anekdoten aus dem Fußball würzen das Menü. Und natürlich geht es auch um den Abschied. Schiffner und Kempter halten eine bewegende Rede, schenken ihrem Chef ein riesiges, gerahmtes Bild, das sie vor der Partie des Hamburger SV gegen 1899 Hoffenheim im März zeigt. Schaal hat den Nachtisch organisiert – eine Himbeer-torte mit der Aufschrift „Legends never die!“ Auch Andreas Derler, Wirt des Nobelrestaurants, ist gerührt. „Ich werde Herrn Kircher vermissen“, sagt er, „und das nicht nur, weil er gerne gutes Essen genießt, sondern vor allem, weil er ein sehr angenehmer Mensch ist.“

Um kurz vor Mitternacht wartet im Hotel Hilton, direkt am Englischen Garten gelegen, die nächste Überraschung auf Knut Kircher. Jürgen Hausmann, seit mehr als 20 Jahren Schiedsrichterbetreuer von Hannover 96, ist extra angereist, um beim letzten Spiel seines Freundes dabei zu sein. „Er ist ein Schiedsrichter mit einer sagenhaften Autorität und Ausstrahlung, die sonst keiner in Deutschland hat“, sagt Hausmann und prostet Kircher in der Hotelbar mit einem Caipirinha zu. „Bei ihm akzeptieren die Spieler selbst falsche Entscheidungen. Das gibt es selten.“

Am nächsten Morgen trifft sich das Schiedsrichter-Team zum Frühstück. Schiffner, von Beginn an Begleiter Kirchers, hat Geburtstag – und kein Problem damit, dass dennoch ein anderer im Mittelpunkt steht. „Der deutsche Fußball verliert heute einen großen Schiedsrichter, und das nicht nur, weil er knapp zwei Meter ist“, sagt der nunmehr 41-Jährige, ein Spezialist an der Seitenlinie, der auch international winkt. „Knut ist ein toller Kommunikator, wird von Spielern und Trainern respektiert, bringt aber auch ihnen großen Respekt entgegen. Er ist eine echte Persönlichkeit.“ Derjenige, dem diese Lobeshymne gilt, kommt gerade mit Müsli, Joghurt, Weißwürsten und einer Waffel mit Apfelmus vom Büfett. „Ein guter Motor“, sagt Kircher und schaut an sich hinunter, „braucht auch den entsprechenden Kraftstoff.“