Körperfett Warum schlank sein nicht unbedingt gesund ist

Ein bisschen rund – na und?! Und sogar: gesund! Wer ein bisschen mehr Fett um Bauch und Hüften mit sich herumträgt, hat laut Experten ein längeres Leben vor sich. Foto: BillionPhotos.com - stock.adobe.com

Die gute Nachricht: Menschen, die etwas rundlicher sind, haben die höchste Lebenserwartung. Ein Experte erklärt, warum schlank und dünn nicht unbedingt gesund ist.

München - Der Mensch ist ein fettes Lebewesen. Nicht nur jede Zelle wird von einer Fettmembran umgeben, auch bei Gesunden besteht ein Großteil des Körpers aus Fettzellen. „Bei jedem Menschen sind mindestens 10 bis 20 Prozent des Körpergewichts, also viele Kilogramm, Fettgewebe“, sagt Alexander Bartelt, Professor für kardiovaskulären Stoffwechsel an der Ludwig-Maximilians-Universität München. „Leute, die gar kein Fettgewebe haben, sind genauso krank wie Leute, die zu viel haben.“ Tatsächlich sehen Fettzellen unter dem Mikroskop wie Fetttropfen aus. Sie bestehen zu 99 Prozent aus Fett. Der Zellkern und die anderen Bestandteile jeder Zelle sind ganz an den Rand gedrängt.

 

Fett schützt unsere Organe

Körperfett ist der beste Speicher für Kalorien. „Für unsere Vorfahren war es überlebenswichtig, Energie als Fett speichern zu können – es war ja oft nicht klar, wann es das nächste Mal Nahrung geben würde“, sagt Bartelt. „Außerdem schützt es unsere Organe wie eine Art Luftpolsterfolie. Wenn man sich mal stößt und einen blauen Fleck bekommt – wenn es kein Fettgewebe gäbe, dann würde jeder Schlag bis zu den Organen durchdringen und diese schädigen.“ Neben dieser mechanischen und der speichernden Funktion ist aber die dritte Funktion des Fettgewebes die wichtigste: „Es produziert Hormone, die in den Blutkreislauf abgegeben werden. Das Fettgewebe ist die größte Drüse des Körpers“, sagt Bartelt. Da gibt es etwa das Leptin – Fettzellen signalisieren dem Gehirn, dass sie gut gefüllt sind. Leptin erzeugt ein Sättigungsgefühl. Auch bei der Infektionsabwehr spielt Fett eine wichtige Rolle, denn Fettgewebe liegt unter der Haut, also dort, wo bei einer Verletzung Krankheitserreger eintreten können. Es kann deshalb Infektionen verhindern oder bekämpfen. „Viele Lymphknoten sind eingebettet in Fettgewebe“, sagt Bartelt.

Je dünner, desto besser, stimmt nicht

Vielleicht liegt es an diesen Leistungen des Fettgewebes, dass Menschen, die etwas rundlicher sind, die höchste Lebenserwartung haben. Zur Beurteilung benutzen Mediziner häufig den Body-Mass-Index (BMI). Hierbei wird das Körpergewicht eines Menschen im Verhältnis zu seiner Körpergröße bewertet. Der BMI errechnet sich aus dem Körpergewicht (in Kilogramm) dividiert durch das Quadrat der Körpergröße (in Metern). Ein Wert von 20 bis 25 gilt als normal. Statistisch gesehen haben Menschen mit einem höheren BMI, also knapp unter 25, dabei die höchste Lebenserwartung. „Sie sind gut genährt, aber überstrapazieren die natürliche Speicherkapazität ihres Fettgewebes nicht“, sagt Bartelt. „Schlank oder gar dünn ist nicht unbedingt gesund. Die Formel: Je dünner, desto besser, ist schlichtweg falsch.“ Das heißt wiederum nicht, dass dünne Menschen sich Fettpolster für Notfälle wie eine etwaige Krebserkrankung anlegen müssten. „Der Gewichtsverlust bei Krebs, die Kachexie, lässt sich nicht durch die Aufnahme von Extrakalorien aufhalten“, sagt Bartelt. „Im Gegenteil wissen wir, dass Übergewichtige mit einem BMI über 30 ein erhöhtes Risiko etwa für Darmkrebs und Lungenkrebs haben.“ Starkes Übergewicht verursacht eine Art chronische Entzündung und kann dadurch Krebserkrankungen begünstigen.

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Im Alter nimmt man zu

Die meisten Menschen nehmen mit dem Alter zu. „Unser Hormonspiegel verändert sich, insbesondere die Testosteron- und Östrogen-Konzentration im Blut sinkt“, sagt Bartelt. „Dadurch verbrennen wir weniger Fett. Durchschnittlich nehmen wir also ein Kilogramm pro Jahr zu.“ Dazu kommt, dass die Zellen altern. Sie können dadurch auch schwerer ihre Form halten. Dadurch entstehen Falten, und das Fett hängt mehr. Zum anderen führt es dazu, dass die Fettzellen mehr Platz haben. Wenn wir weniger Energie brauchen, genauso viel essen und die Fettzellen mehr Platz haben, dann nehmen wir zu. Kein Grund zur Panik: „Mit einem BMI unter 30 kann man relativ entspannt sein, denn da ist das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen durch das Übergewicht relativ niedrig“, sagt Bartelt.

Wer im hohen Alter eine Infektionskrankheit erleidet, ist wahrscheinlich besser dran, wenn er Reserven hat. „Außerdem schützt ein bisschen Extragewicht bei Stürzen“, sagt Bartelt. „Leider kommt es häufig bei älteren Menschen vor, dass sie auf die Hüfte fallen, sich den Oberschenkelhals brechen und bettlägerig werden.“

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Die Veranlagung spielt eine große Rolle

Ab wann ist Übergewicht ein Problem? „Wenn der BMI über 25 liegt und zusätzlich der Blutdruck zu hoch ist und die Blutfettwerte über der Norm liegen, ist das ein klares Signal abzunehmen“, sagt Bartelt. Ab einem BMI von 30 entgleist oft der Stoffwechsel. Die Fettzellen können das Fett nicht mehr speichern, und es gelangt über das Blut in lebenswichtige Organe wie Herz und Leber, wo eine Verfettung großen Schaden anrichten kann. Allen schlanken Menschen rät der Experte zu Gelassenheit. „Auch wenn man schlank bleibt, ist das okay. Man sollte sich vor allen Dingen nicht verrückt machen. Es gibt eben Menschen, die sind von ihrer Veranlagung rundlicher, und solche, die eher schlank sind.“

Der Experte

Werdegang
Alexander Bartelt, 38, ist Professor für kardiovaskulären Stoffwechsel an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er erforscht die Grundlagen von Fettleibigkeit, Diabetes und Gefäßerkrankungen. Sein Buch „Der Fettversteher“ ist in diesem Jahr im Ullstein-Verlag erschienen.

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