Kolumne „5 Minuten Pop“ Neun Rosinen, in Gin getränkt

Die 105-jährige Lucia DeClerck aus New Jersey schwört auf neun eingelegte Rosinen am Tag. Nicht im Bild: der Gin, den die Dame zum Einlegen nutzt. Foto: Lichtgut/Verena Ecker

Der Umgang mit den Älteren ist während Corona besonders würdelos. Dabei kann man von den Lebenserfahrenen jede Menge lernen, findet unser Kolumnist Ingmar Volkmann. Zum Beispiel ein Rezept für eine ganz besondere Schluckimpfung.

New Jersey - Abgesehen von vielen anderen unschönen Nebenwirkungen nervt ein Corona-Aspekt ganz besonders: der Generationenkonflikt. Die Jungen müssen pandemiebedingt auf die Alten Rücksicht nehmen, heißt es, dafür werden die Alten auch noch zuerst geimpft. Als ob das nicht selbstverständlich wäre.

 

Die ständige Wiederholung der Formel „die Alten“ klingt respektlos nach Seniorenresterampe. Meist ist man selber schneller älter, als man denkt. Eben noch von etwas Bleibendem geträumt, fällt einem plötzlich auf, dass die durchschnittliche Lebenserwartung von 88,9 Jahren in Deutschland im Vergleich zu fast vier Milliarden Jahren Leben auf der Erde eher kurz ausfällt. Den eigenen Wimpernschlag der Geschichte sollte man daher für eine Verneigung vor jenen nutzen, die schon mehr Lebenserfahrung erworben haben.

Die 105-Jährige hat zwei Weltkriege und drei Ehemänner überlebt

Mitarbeiterin des Monats ist in dieser Hinsicht Lucia DeClerck. Laut „New York Times“ hat die Dame aus New Jersey an ihrem 105. Geburtstag erfahren, dass sie sich mit Corona angesteckt hat. DeClerck hat zwei Weltkriege und drei Ehemänner überlebt, wobei nicht überliefert ist, was davon mehr Kraft gekostet hat. Den milden Verlauf ihrer Corona-Erkrankung führe sie darauf zurück, dass sie täglich neun Gin-getränkte Rosinen zu sich nehme. Eine solche Schluckimpfung härtet ab.

Mehr Lebenserfahrung bedeutet, dass man bessere Brezeln backen kann als Jüngere, dass man die Folgen einer Pandemie besser abschätzen kann und dass man sich, das ist aber wirklich unwahrscheinlich, an Zeiten erinnert, in denen Schalke 04 weniger hilflos dem Abstieg entgegengetaumelt ist. Wer älter ist, weiß mit zwölf schlechten Monaten besser umzugehen als jemand Jüngeres. Mein siebenjähriger Sohn hat mich kürzlich gefragt, wie sich das Leben vor Corona angefühlt hat. Zur Beruhigung habe ich die Zeit vor der Pandemie in düsteren Farben skizziert: Wegen Reli in der Ersten hätten wir immer unchristlich früh aufstehen müssen.

Meine Tante aus Karlsruhe hat nicht nur in dieser Pandemie einen unschlagbaren Vorteil: Sie lebt ohne Smartphone, ohne Internet. In der Pandemie schreiben wir uns Briefe, und manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich nach Versenden eines besonders witzigen Pakets – Familienbilder wurden ausgedruckt und in einen analogen Chat verwandelt – nachschauen will, ob sie schon geantwortet hat, bis mir dann wieder einfällt, dass man dafür bis zum Briefkasten laufen muss und nicht nur auf einen Bildschirm starren kann. In solchen Situationen trifft mich die Erkenntnis wie eine Rheumadecke mit Kurzschluss: Ich bin schwer alt geworden.

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