Kolumne „Familiensache“ Sind Tiere im Zoo noch zeitgemäß?

Vier Queensland-Koalas sind demnächst in der Wilhelma in Stuttgart zu sehen. Foto: Wilhelma Stuttgart/Thomas Kölpin

Ganz Stuttgart wartet auf den Einzug der Koalas in die neu gebaute Terra Australis in der Wilhelma. Auch meine jüngere Tochter will unbedingt hin. Doch ihre ältere Schwester hat Zweifel.

Familie/Bildung/Soziales: Alexandra Kratz (atz)

Ich stecke in einem Dilemma. Meine jüngere Tochter studiert täglich die Zeitung (was ich als Mutter und Journalistin natürlich begrüße) und schneidet alle Artikel aus, die sie über die Wilhelma findet. Sie freut schon schon riesig auf die Koalas, die am 25. Juli in der neu gebauten Terra Australis einziehen sollen, und hofft, dass neben Baumkängurus, Fuchskusus und Kurzkopfgleitbeutler vielleicht auch noch ein Schnabeltier als Überraschungsgast nach Stuttgart kommt. Und just zur gleichen Zeit bereitet meine ältere Tochter eine Gruppenarbeit in Ethik vor. Das Thema: „Sind Tiere in Zoos und Zirkussen noch zeitgemäß?“

 

Die Frage ist natürlich berechtigt. In einen Zirkus mit dressierten Wildtieren gehe ich aus Prinzip nicht. Ich kann mich nicht dran erfreuen, wenn Elefanten und Löwen Männchen machen, mag mir nicht vorstellen, wie der Dompteur sie dazu gebracht hat, dass sie vor Publikum Kunststücke zeigen. Und dass die Tiere artgerecht gehalten werden können, wo sie doch ständig von Stadt zu Stadt ziehen, bezweifele ich. Selbst bei einem Zirkus, der ausschließlich dressierte Haustiere wie Hunde und Ponys hat, habe ich ein mulmiges Gefühl.

Viele Zoos bemühen sich heute um artgerechte Tierhaltung

Doch die Wilhelma mag ich – eigentlich. Schließlich haben moderne Tierparks nichts mehr mit den Zoos meiner Kindheit in der ehemaligen DDR zu tun. Damals saßen die Tiere in kleinen Schaukästen, in denen es vielleicht noch einen Ast als Deko-Element gab. Heute haben die meisten Zootiere großzügige Gelände, die ihrem natürlichen Lebensraum nachempfunden sind. Herdentiere leben in aller Regel mit vielen Artgenossen zusammen. Wer in der freien Natur einen festen Partner hat, lebt meist auch im Zoo als Paar. Doch auch in einem noch so großzügigen Gehege kann ein Elefant nicht die Strecken zurücklegen wie in freier Wildbahn. Auch wenn der Dickhäuter es womöglich nicht ganz freiwillig tut, sondern weil der Hunger ihn antreibt, während er im Zoo behütet lebt und stets versorgt ist. Andererseits kann genau das zu Langeweile und Verhaltensstörungen führen. Dann wippt der Elefant zum Beispiel monoton von einen Fuß auf den anderen.

Wilhelma formuliert Aufgaben in ihrem Leitbild

Die Wilhelma hat in ihrem Leitbild zentrale Aufgaben für sich formuliert: Demnach will sie den Menschen Erholung und Entspannung bieten, Wissen über Tiere und Pflanzen vermitteln und mehren, sich für Natur- und Tierschutz und insbesondere für den Erhalt der biologischen Vielfalt einsetzen, das kulturelle Erbe erhalten und das Bewusstsein für Geschichte fördern sowie die landeseigenen Grünanlagen pflegen. Klingt gut, oder? Doch irgendwo geht es ganz sicher auch ums Geld. Der Bau der Terra Australis hat mehrere Millionen Euro gekostet, Koalas sind im Unterhalt teuer. Die Ausgaben müssen refinanziert werden, auch über die Besucherzahlen. Ein Zoo, in dem man in riesigen Gehegen mit vielen Versteckmöglichkeiten die Tiere suchen muss, wird vielen aber schnell langweilig, das ist nicht attraktiv und nicht massentauglich. Das ist die Krux.

Doch ich mag den Glauben daran nicht aufgeben, dass die Wilhelma nicht nur nach maximalen Gewinnen strebt, sondern sich an die in ihrem Leitbild formulierten Ziele hält. Und ich werde mir in diesem Sommer die possierlichen Tiere aus Down Under wohl einmal live anschauen. Meine jüngere Tochter wird mich ganz sicher sehr gern begleiten. Doch wie meine 13-Jährige damit umgeht, bleibt abzuwarten.

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Alexandra Kratz hat zwei Töchter, die sich der Pubertät annähern beziehungsweise diese bereits ausleben. Allzu oft erkennt sie sich dabei selbst in ihren eigenen Kindern wieder.

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