Kolumne „Familiensache“ Von müden Müttern, die wütend sind

Mütter auf Spielplätzen. Das sieht nach Spaß aus, kann es auch sein, ist es aber eben nicht immer. Foto: imago images/Cavan Images/RACHEL ANNIE BELL
Mütter auf Spielplätzen. Das sieht nach Spaß aus, kann es auch sein, ist es aber eben nicht immer. Foto: imago images/Cavan Images/RACHEL ANNIE BELL

Wie wäre es, wenn Mütter am Muttertag nicht nur Blumen bekommen, sondern sie endlich gehört werden?

Leben: Anja Wasserbäch (nja)
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Stuttgart - An diesem Sonntag ist Muttertag. Man kommt daran nicht vorbei: Es wird sogar für passendes Klopapier geworben. Beim Videolernen, das zwei Mal die Woche für 30 Minuten für die Zweitklässlerin stattfindet, werden die Kinder gefragt, was denn Muttertag sei. Ein Junge meldet sich und meint: „Das ist wie Geburtstag für alle Mütter.“

Was ist Ihr Wunsch?

Und: Was wünschen Sie sich so zum Ehrentag? Fünf Minuten, um diese Zeilen zu lesen? Einen Tag, um in Ruhe zu arbeiten? Einfach mal gar nichts tun? Keine Einkaufslisten schreiben? Keine Sorgen haben? Einen Impftermin? Keine Sorge, Väter sind hier mitgemeint. Aber es ist nun mal Muttertag. Und Väter sieht man seltener auf Spielplätzen, erhält keine verzweifelten und zweifelnden Whats-App-Nachrichten von ihnen.

Mütter haben gerade viele Fragen: Wie ist das mit dem digitalen Unterricht? Warum läuft es in anderen Städten anders? Warum sind andere Länder so viel weiter mit der Digitalisierung? Wie geht es weiter? Wann geht es überhaupt weiter? Wo sind Luftfilter in Klassenzimmern, wenn man sie braucht? Woher kommt all der Staub her unterm Nachttisch? Wann werden alle geimpft? Eltern zuerst? Warum wird Betreuungsgeld abgebucht, wenn man keine Betreuung hat? Wie wirkt es sich auf mein Kind aus, dass kein Sport stattfindet? Dass nicht mehr gesungen, gelacht, getanzt wird? Dass es nicht mehr von Gleichaltrigen gespiegelt wird? Geht es den Kindern psychisch okay? Was essen wir morgen? Was macht diese Situation mit uns allen?

Viele Mütter sind am Ende

Es gibt sehr viele Beispiele von Frauen in meiner Blase, die schlichtweg nicht mehr können. Egal, wie sie aufgestellt sind, sie Voll- oder Teilzeit arbeiten, Hausfrau sind, ein bis drei Kinder haben, einen Partner haben, der alles mitträgt oder nicht, sie Coronabetreuungstage nehmen und im Job zurückstecken. Alle sind müde, alle sind wütend.

Was vernachlässigen Sie heute?

Da ist die eine Bekannte, nennen wir sie Katja. Katja ist alleinerziehend, hat einen super Job, sie agiert auf internationalen Ebene. Seit März 2020 ist sie im Homeoffice. Jeden Morgen warten 200 Mails in ihrem Posteingang, die beantwortet werden sollen. Jeden Morgen sitzt ihre 7-jährige Tochter vor Arbeitsblättern mit der 6er-Reihe, Textaufgaben und Schwungübungen mit dem Füller. Sie hat nur die Wahl, ob sie die Lohnarbeit, die ihr und ihrer Tochter ein angenehmes Leben ermöglicht oder die Bildung ihrer Tochter vernachlässigt. Eigentlich hat Katja keine Wahl.

Da wünscht man sich „Hand-Mund-Fuß“ zurück

Es hilft alles nichts. Kurzzeitig vielleicht das Album der Stuttgarter Künstlerin Die Konsequenz hören: „Sage ja zum Nein“ heißt es – und sollte das Motto aller Mütter werden. Schon die Titel sind super: „Guter Apfelschnitz“, „100 Brote“, „Familotel“ oder „Olgahospital“. Und noch nie hat man so liebevoll über Lyoner singen hören. Ein Lied nennt sich „Hand Mund Fuß“ – und man wünscht sich bisweilen genau jene Kita-Zeit zurück, als der Aushang mit jenen drei Worten am Eingang das bis dato größte Alltagsproblem darstellte.

Mütter reden nicht mehr

Die Sorgen sind weitreichender. Es ist nicht nur die strukturelle Müdigkeit. Wir schreiben uns abends keine Nachrichten mehr, nicht, weil wir keine Lust mehr haben, sondern nicht mehr können. Wir reden nicht mehr, stecken im Job zurück, machen uns Sorgen um Kinder und die Eltern, die den Bezug zu den Enkelinnen und Enkeln verlieren.

Der Nachmittag auf dem Spielplatz

Neulich an einem ungemütlich kalten Nachmittag. Da sitzen die Mütter mit zwei Metern Abstand auf der Spielplatzbank. Das sieht von außen total entspannt aus, da sie scheinbar nicht arbeiten.

„Und? Bei dir so?“

„Die Erzieherin in der Notbetreuung im Kindergarten ist krank. Ich bin die Woche krankgeschrieben. Zum Glück. Wegen Gürtelrose.“

„Aber muss man damit nicht ins Bett?“

Keine Pointe.

Schönen Muttertag allen!

Anja Wasserbäch ist Mutter eines Schulkindes, das dort wegen Corona nicht hingehen kann. Die Redakteurin im Ressort Leben betreut die Seite Kind & Kegel im Wochenendmagazin.




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