Kolumne Jörg Scheller Zahlen, die die Seele bedeuten

Die menschliche Seele, aufgelöst in Zahlen Foto: imago/Panthermedia

In der globalen Kalkuliererei überwintert die religiöse Sehnsucht nach Wahrheit, die unsere menschliche Beschränktheit übersteigt, findet unser Kolumnist Jörg Scheller.

Stuttgart - In der Corona-Pandemie fällt immer mal wieder der Begriff „Zahlengläubigkeit“. Einen quasi-religiösen Glauben an Zahlen beklagte etwa der Makrosoziologe Steffen Mau, Autor des Buches „Das metrische Wir“, letztes Jahr in einem Interview: „Wir dürfen Zahlen nicht fetischisieren.“ Die Neue Zürcher Zeitung hatte schon zu Beginn der Pandemie „redaktionelle Zahlengläubigkeit“ in den Medienhäusern kritisiert und lakonisch festgehalten: „Die schöne Grafik zählt mehr als die Substanz.“

 

Statistische Welt

In der Tat sind Zahlen präsent wie selten zuvor – Todeszahlen- und Impfraten-Liveticker, Inzidenzwertvergleiche, Statistiken aus aller Welt, Modellrechnungen, Prognosen. Es ist, als solle durch die angeblich neutralen Zahlen Ordnung und Orientierung vermittelt werden. Zahlen werden als überparteiliche Instanzen einer fragmentierten Gesellschaft präsentiert, in der klientelistische Meinungen aufeinander losgehen wie Gladiatoren.

In diesem Zusammenhang erweist sich die Rede von „Zahlengläubigkeit“ als angemessen. Denn nicht immer betrachtete man Zahlen als Ausdruck von moderner Nüchternheit, Entzauberung, Technisierung, brachte das „rechnende Denken“ wie der Philosoph Martin Heidegger in Zusammenhang mit „Seinsvergessenheit“ oder warnte vor dem „Quantified Self“: zahlengestützte Selbstoptimierung! Diagrammdiktatur! Permanente Selbstvermessung ist Selbstvermessenheit! Die menschliche Seele, aufgelöst in Zahlen!

Zahlen als Chiffre der himmlischen Ordnung

Im Gegenteil. Früher galten Zahlen als etwas Heiliges, etwa dem der Fallzahlenobsession eher unverdächtigen Kirchenvater Augustinus. Der schrieb in seinem Buch „De libero arbitrio“ („Über den freien Willen“): „Denn wenn ich die unveränderliche Wahrheit der Zahlen bei mir selbst betrachte und sozusagen ihre Lagerstätte und ihren innersten Raum oder ihren bestimmten Bezirk, oder welche geeignete Bezeichnung man sonst finden könnte, um sozusagen die bestimmte Wohnung und den Sitz der Zahlen zu benennen, dann gerate ich in große Entfernung vom Körper.“ Zahlen waren für Augustinus Chiffren der ewigen himmlischen Ordnung: Gott würfelt nicht, er rechnet. Oder denken wir an die gotischen Kathedralen. Jene erhabene Architektur, die wie ein Ausdruck religiöser Inbrunst wirken mag, beruht in Wahrheit auf dem intensiven Studium der Mathematik.

Wer also klagt, im Zahlenfetischismus der Corona-Krise gipfle nur das prosaische Denken der Moderne, kann beruhigt sein. In der globalen Kalkuliererei überwintert die religiöse Sehnsucht nach Wahrheit, die unsere menschliche Beschränktheit übersteigt. Zahlen versprechen „große Entfernung vom Körper“ – von dem Ort, an dem das Virus wütet.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Kolumne Kommentar