Kolumne „Kinderkram“ Die Schule des Lebens

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In den Waldheimferien lernen die Kinder allerlei Nützliches, vor allem, dass es auch mal ohne Eltern geht. Unseren Kolumnisten Martin Gerstner hat das auf sehr interessante Gedanken gebracht.

Im Waldheim lernen Kinder so einiges – und erlernen eine Erkenntnis: es geht auch ohne Eltern. Foto: dpa
Im Waldheim lernen Kinder so einiges – und erlernen eine Erkenntnis: es geht auch ohne Eltern. Foto: dpa

Stuttgart - In den Ferienmonaten ist im Weichbild der Städte ein interessantes Phänomen zu beobachten: Während die urbanen Zentren in gleißender Ruhe vor sich hindösen, sind die Rand- und Naherholungsgebiete von nervösem Leben erfüllt. Im Frühnebel verlassen Karawanen von Kindern ihr Zuhause, beaufsichtigt von kaum älteren Betreuern, denen der Schlaf aus den Augen tropft. Ihr Ziel ist das Waldheim – jene rettende Insel, die es den Eltern ermöglicht, in der kaum zu ermessenden Zeitspanne zwischen dem Ende eines Schuljahres und dem Beginn des nächsten (unter Geologen auch als Paläozoikum Scholarum bezeichnet) weiter ihrem Broterwerb nachzugehen.

Im Waldheim durchlaufen die Kinder entscheidende Initiationsphasen. Sie lernen die wichtigsten Songs von Helene Fischer auswendig, sie erfahren, wie man unerlaubt ein Feuer macht und das Mittag­essen im Sand vergräbt. Die Eltern sehen verblüfft, dass ihre Kinder in der Lage sind, sich von morgens bis abends dem Basteln von Schleuderbällen, dem Trampolinspringen oder dem Umgraben des feuchten Waldbodens zu widmen, eine geregelte Mittagspause mit Ruhephase einzuhalten und ohne GPS-gesteuerte Fernüberwachung den Weg nach Hause zu finden. Kurz: das Waldheim ist die segensreichsten Einrichtung seit dem Pixi-Buch.

Gelernt: es geht auch ohne Eltern

Am Ende der Ferienbetreuung bergen die Kinder ein Weltwissen in sich, dessen Kern die Erkenntnis ist, dass es auch ohne Eltern geht. Deren besorgt-interessierte Nachfragen am Ende eines langen Waldheimtages werden schmallippig beantwortet. In die Schilderungen schieben sich Partikel der Jugendsprache, die in der frisch zusammengewürfelten Peergroup des Waldheimgeländes wie reife Früchte in jedes Gespräch platzen und den Eltern Rätsel aufgeben. Diese Ratlosigkeit ist der Stolz der Jugend. Mit lässiger Gebärde lässt sie die Geschehnisse des Tages Revue passieren, in der es von gemeisterten Katastophenszenarien geradezu wimmelt.

Bildungsexperten empfehlen deshalb schon lange die verpflichtende Einführung des Waldheims für Erwachsene. Jene würden dort innerhalb kurzer Zeit den Eckpfeilern ihrer Umgebung wie Autos, Smartphones und Computern entwöhnt. Sie erinnerten sich an längst vergessene Fertigkeiten wie das Trocknen nasser Schuhe mittels Zeitungspapier, verspürten jenen buddhaesken Gleichmut, der sich ausbreitet, wenn man drei Stunden in einem Topf mit Erbsensuppe rührt, und ertrügen klaglos den Schmerz sich am Bein einhakender Dornengewächse.

Am Ende des Tages machte sich die Karawane der Banker, Installateure und Controllerinnen auf den Weg nach Hause, wo sie ihren Kindern Rede und Antwort stehen müssten. Sie würden achselzuckend auf ihre zerrissenen Hosen deuten, die Dreckspuren aus dem Gesicht waschen und in tiefen traumlosen Schlaf fallen. Mit dem Ende der Ferienzeit und dem Beginn des Alltags in den Büros, Boutiquen, Dienstwagen und Werkstätten erinnerten nur ein übrig gebliebener Schleuderball und die eine oder andere Narbe am Bein an die Zeit im Erwachsenen-Waldheim.