Kolumne „Kinderkram“ Einem Krokodil die Zähne putzen

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Beim zweiten Kind wird alles besser. Heißt es. Das ist die reine Illusion. Unser Kolumnist Dieter Fuchs lernt, was es heißt, wenn der Erstgeborene andere Seiten aufzieht.

Vieles wird leichter, wenn das Zweite kommt. Manches nicht. Foto: dpa
Vieles wird leichter, wenn das Zweite kommt. Manches nicht. Foto: dpa

Stuttgart - Die Versuchung ist groß, ja manchmal übermächtig. Andererseits herrscht kein Mangel an Gelegenheiten, Abbitte zu leisten, wenn der Hochmut aus einem spricht. „Ja, beim Ersten haben wir uns da auch noch gestresst.“ „Die Nervosität überträgt sich eben auf das Kind.“ „Stillen war überhaupt kein Problem.“ „Er hat seinen Rhythmus ganz alleine gefunden.“ Und, ist es eine Sünde, beim zweiten Kind die Coolness zu haben, die man sich durch viele kleine Nervenzusammenbrüche im ersten Jahr beim ersten Kind hart erarbeitet hat? Nein, aber vermutlich eine Illusion.

Natürlich erleichtert die Erkenntnis, dass nicht jeder Pups tödliche Folgen hat, die Aufzucht eines Säuglings. Und in gewisser Weise lässt sein großer Bruder das Vertrauen in die Schöpfung fast ins Grenzenlose wachsen, wenn er sein Geschwisterchen an einem Arm aus dem Zimmer in den Flur zieht, weil es ihm zu laut ist. Was diese kleinen Babys aushalten! Was hat man sich beim Ersten noch in die Hosen gemacht beim Wickeln. Jedoch dürfen sich die Eltern zu keiner Sekunde der Illusion hingeben, die Lage im Griff zu haben. Andererseits bereitet dies aber keine Schwierigkeit, weil der Stammhalter als lebendes Mahnmal im Minutentakt klar macht, wie wenig Kontrolle in einem modernen Zwei-Kinder-Haushalt möglich ist.

Einem Jungleoparden Windeln anlegen

Trotzphase ist eines der Wörter, die nur äußerst unzulänglich den damit verbundenen Schrecken abbilden. Es herrscht eher die Atmosphäre eines Trennungskrieges in seiner Endphase, gekennzeichnet vom ständigen Lauern auf die nächste Gelegenheit, einen Streit vom Zaun zu brechen, um dann hinterher in Tränen auszubrechen.

Wenn der kleine Herr seine Rechte nicht ausreichend gewährleistet sieht, wird alles von jetzt auf nachher auf die Spitze getrieben. Schon mal einem Jungleoparden Windeln angelegt, oder einem Krokodil die Zähne geputzt? Bei uns kann man das alles erleben, kostenlos. Im Viertelstundentakt werden Grenzen ausgetestet und die Willensstärke erprobt. Wir gewinnen in der Regel, aber der Preis ist furchtbar. Am Ende eines Tages sehnt man den „Tatort“ herbei, weil um diese Zeit endlich Ruhe herrscht. Vor nicht allzu langer Zeit fragte meine Frau, warum ich mich ständig wiederholen würde, anstatt klare Ansagen zu machen: „Leg dich hin, legt dich hin, leg dich hin, nimm die Gabel, nimm die Gabel, komm her, komm . . .“ Jetzt ist sie selbst so weit. Dabei zeitigen unsere pädagogischen Bemühungen durchaus Wirkung. An seinen besseren Tagen vermeidet der Große das undiplomatisch schroffe Wort „nein“ und ersetzt es durch die Formulierung „grad net“, was das gleiche aussagt, aber beiden Seiten Interpretationsspielräume eröffnet. Zu anderen Gelegenheiten regt er philosophische Diskurse an: „Papa immer sagen Schluss – warum?“ Und es gib auch Tage, nein, Stunden, in denen er einfach das macht, was man ihm sagt, herzallerliebst kuschelt, spielt und die Welt erklärt. Oasen der Erholung, die er uns wahrscheinlich nur gewährt, damit wir durchhalten.

Und was macht der Kleine? Schläft oder guckt irritiert. Klar, den haben wir im Griff.