Kolumne „Kinderkram“ Irgendwo sind immer Ferien

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Urlaub in der Nebensaison könnte schön sein. Wären da nicht die nervigen, lauten und aufregenden . . . – Eltern. Die sind nämlich viel schlimmer als ihre Kinder, hat unsere Kolumnistin Verena Mayer beobachtet.

Himmlische Ruhe, endlich – aber wie lange? Foto: dpa
Himmlische Ruhe, endlich – aber wie lange? Foto: dpa

Stuttgart - Das Schöne am Reisen nach dem Sommer ist weniger, dass der Sommer vorbei ist. Das Schöne daran ist, dass die Ferien vorbei sind, genauer, die Schulferien. Dass also Reisen nach dem Sommer nicht beeinträchtigt werden können durch: Kinder. Diese emsigen Entdecker, die nicht davor zurückschrecken, anderer (fremder) Leute Strandtücher zu annektieren. Diese forschen Forscher, die herrenlose (räudige) Katzen mit Pizza, Salami oder Pizza-Salami gefügig (und am Tisch sesshaft) machen. Diese kleinen Kommunikationsmonster, die kompromisslos (lauthals) für ihre Ziele (mehr Eis, weniger Schlaf) kämpfen.

Reisen am Ende des Sommers heißt also: Raum für ungestörtes Liegen am Strand und Zeit für ununterbrochenes Lesen im Park; hochkonzentriertes Müßiggehen in Museen und entspannendes Bewandern der Berge. Kein Heulen am Nachbartisch, weil mal wieder das Limonadenglas umgekippt ist, und keine dramatischen Zappelanfälle, bis die jetzt aber wirklich letzte Limo bestellt wird.

So viel also zum Schönen am Reisen nach dem Sommer. Noch schöner am Reisen nach dem Sommer ist, dass es bildet. Zwei Erkenntnisse zwar subjektiver, aber immerhin valider und reliabler Feldversuche: irgendwo sind immer Schulferien, weshalb nie nirgendwo mit keinen Kindern zu rechnen ist. Und zweitens: sollten sich diese Kinder als Vertreter der anstrengenden Sorte (Entdecker, Forscher, Kommunikationsmonster) erweisen, so sind es nicht sie, die die Nerven der Nicht-Kinder strapazieren und deren nach Ruhe und Frieden dürstenden Geist in ungekannte Wallung versetzen. Das Anstrengende an anstrengenden Kindern sind deren Eltern!

Dem stillen K. würde sein Wolfsbarsch sehr wahrscheinlich auch dann gut schmecken, wenn sein sehr laut und sehr deutlich deutsch sprechender Vater das Gericht nicht mit einem Vortrag über diesen gefräßigen Raubfisch garnieren würde, der im gesamten Mittelmeer und im Schwarzen Meer zu finden ist, besonders häufig vor Felsküsten. Auch die anderen Gäste der Lokalität wüssten gedämpftere Unterhaltung gewiss zu schätzen. Vor allem jene, die bereits Bekanntschaft mit der Mutter der verträumten D. gemacht haben, die so gerne Steinmännchen am Strandrand baut. So gerne, dass sie die Mutter nicht hört – dafür jeder sonst. „Wir gehen jetzt nach Hause“, ruft sie. Und mit jedem Meter, den sie vorausgeht, lauter: „Kommst du bitte!“ Und lauter: „Ich sag’s jetzt zum letzen Mal.“ Auch als die Mutter längst nicht mehr zu sehen ist, schallt es durch das Dorf: „Jetzt ist wirklich Schluss!“ Man beginnt zu verstehen, dass die Steinmännchen bauende D. nicht nach Hause geht.

Während man nie verstehen wird, dass Eltern mit ihren Kindern darüber diskutieren, warum 20 Runden im Karussell und fünf Stunden im Wasser mehr als genug sein sollten, es lebenswichtig ist, weit vor Mitternacht zu schlafen – und warum es keinen Erziehungsurlaub mehr gibt.

Gerade für die Erziehung von Eltern wäre das sehr wichtig – und das Allerschönste am Reisen für Reisende nach dem Sommer.