Kolumne „Kinderkram“ Irrungen und Wirrungen

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Was wollen wir bei unseren Kindern erreichen? Können sich Kinder inmitten unserer Leistungsgesellschaft frei entfalten? Große Fragen, keine Antworten. Unser Kolumnist Dieter Fuchs hat nachgedacht.

Manche Dinge verkleistern leider die Fantasie der Kinder. Foto: dpa
Manche Dinge verkleistern leider die Fantasie der Kinder. Foto: dpa

Stuttgart - Karwendel-Hauptkamm, 1958 Höhenmeter – schon der Einstieg in den Klettersteig ist respekteinflößend, und auch im Verlauf der Route wird es immer wieder senkrechte Schlüsselstellen geben, nur gesichert mit einem Stahlseil. Ein Vater mit seinen zwei Kindern, höchstens acht und zehn Jahre alt, macht eine kleine Pause.

Auf die Frage, ob er denn mit ihnen diesen Steig gehen will, antwortet er stolz mit Ja. Seine Kinder seien schon vor Längerem die Alpspitze bei Garmisch hochgeklettert, „und da waren sie sicher mit die Jüngsten“.

Es ist leicht, sich über die Verirrungen unserer Leistungsgesellschaft lustig zu machen, aber es ist andererseits auch unerwartet schwer, sich diesen Mechanismen zu entziehen. Wir sind darauf getrimmt, Leistung zu bringen, Ziele zu erreichen, uns zu vergleichen. Das bestimmt einen großen Teil unseres Lebens, unserer Individualität. So erscheint es völlig normal, dieses Prinzip auch auf die Kinder zu übertragen.

Die dreckigsten auf dem Spielplatz

Was sollen sie wann können, um zu bestehen? Was wollen wir bei ihnen erreichen? Wozu wollen wir sie ertüchtigen? Selbst wer seine Kinder nicht senkrechte Berge hochjagt, sie mit vier Jahren Englisch lernen lässt oder Geige, selbst wer sich dem scheinbar bewusst verweigert, wird sich vielleicht dabei ertappen zu sagen: Meine Kinder sind die Dreckigsten auf dem Spielplatz, die Wildesten, die Unangepassten. Bekommen wir dafür unsere Kinder? Manch einer ruft schon das Ende der Kindheit aus. Die Leistungsgesellschaft, die Zwänge, das Verschwinden der Freiräume würden eine freie Entwicklung von Kindern immer mehr einschränken, bald unmöglich machen. Dem liegt die Vorstellung zugrunde, dass Kindheit eine Lebensphase mit ganz eigenem Charakter ist, schützens- , ja vielleicht sogar nachahmenswert bis hin zur Infantilisierung Erwachsener. Vor einhundert Jahren gab es noch keine Kindheit. Kinder waren damals kleine Erwachsene. Werden Kinder also erst zu Kindern gemacht?

Der Maikäfer fliegt nach New York

Diese großen pädagogischen und philosophischen Fragen sind für einen kleinen Vater, der im Dickicht des ­täglichen Kinderwahnsinns kämpft, nicht zu entscheiden. Aber eines muss gesagt werden: Es gibt sie, diese magischen Momente, in denen man Persönlichkeiten sich entfalten sieht, ohne eigenes Zutun, in denen Kindern einen in ihre Welt entführen, die da ist, ohne Zutun von Erwachsenen. Es ist die Phase, bevor sie Sponge-Bob, „Star Wars“ oder Prinzessin Lillifee entdeckt haben und damit ihre Fantasie (und ihr Kinderzimmer) verkleistern. Reine Magie ist es, wenn die Kinder dann Geschichten erzählen, von dem Marienkäfer, der mit Raketen nach New York zur Nichte fliegt, wenn sich ihre Erlebnisse und ihre Wünsche fantastisch vermengen. Und wenn sie sich selbst erkennen. Nicht Kasper sein wollen und nicht Seppl, nicht Dimpflmoser und nicht Hotzenplotz, weil der hat lauter blöde Sachen im Kopf. Wenn sie sich so nennen, wie sie sind und sein wollen. Und der Vater, der zur großen Schimpfkanonade ansetzt, zu hören bekommt: „Aber ich bin doch der Michel.“

So ist es.