Kolumne „Kinderkram“ Keine Idylle, nirgends

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Eigentlich hatte sich unsere Kolumnistin Simone Höhn so richtig auf das Laternelaufen mit ihrem Sohn gefreut. Nach dem Event stellt sie ernüchtert fest: Laternelaufen wird überschätzt. Und andere solche Sachen auch.

Manche Kinder lieben das  Laternelaufen. Manche lässt es kalt. Foto: dpa
Manche Kinder lieben das Laternelaufen. Manche lässt es kalt. Foto: dpa

Stuttgart - Neulich stellte eine Kollegin recht nüchtern fest: „Laternelaufen wird überschätzt.“ Das klang bitter in den Ohren einer Mutter, die gerade noch den letzten Schnipsel des pinkfarbenen Pergamentpapiers vom Laterne-Bastel-Nachmittag in der Kita aus der Jackentasche schüttelte. Den Satz also schnell verdrängt und weiter in Vorfreude auf Sankt Martin geschwelgt.

Eine LED-Kerze hervorgekramt, das beklebte Pergamentpapier gerade so in die Laternenhalterung geklebt bekommen (unter Schimpfen), Opa angerufen und nach einem Stock mit Haken gefragt. Bis zum Erbrechen den Klassiker „Ich geh’ mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir“ vor sich hingezwitschert, bis der Sohn mit „Bimmel, Bammel, Bum-Bum“ einstimmen konnte.

Gewusel, Gepläff, Gezappel

Dann der große Tag. Treffen in der Abenddämmerung. Ein halbes Dutzend Zweijähriger stürzt sich auf die Papierlaternen, reißt die Stöcke aus der Halterung, fuchtelt damit herum, leert die Kerzen in umstehende Blumentröge und stülpt sich die Laternen auf den Kopf. Ein Riesenspaß. Lange Gesichter bei den Eltern. Auch beim eigentlichen Laternengang: keine Idylle, nirgends. Stattdessen: Gewusel, Geplärr, Gezappel. Während die eine Gruppe längst alle Strophen des Klassikers und andere Hits mehr geträllert hat, muss der Rest noch aus dem Straßengraben gezerrt und der kurz vor der Zerstörung stehenden Laternen entledigt werden.

Schweißgebadet zurück in den vier Wänden und mit einem Haufen zerknittertem Pergamentpapier in der Tasche muss man der Wahrheit ins Auge blicken: Okay, die Kollegin hatte recht.

Ein bunter Zuckerkügelchen-Stock

Ähnlich ernüchternd kann ein Zoobesuch mit einem Zweijährigen verlaufen. Während Mama wild gestikulierend auf den Elefanten aufmerksam macht, starrt Sohn nur stoisch auf eine große graue Wand vor der lauter bunte Jacken hin und her wuseln. Und was sind schon Giraffen, Tiger und Wildschweine gegen den bunten Zucker­kügelchen-Stock vom Kiosk mit dem ratternden Rad unten dran! Endlich beim Nashorn-Baby angekommen, ist Sohn im Buggy längst ins Land der Träume entschlummert.

Ebenfalls ein Schlag in die elterliche Magengrube: der Waldspaziergang. Das wird ihm sicher gefallen, ist man in einem euphorischen Anflug von Naturverbundenheit überzeugt – raschelndes Herbstlaub, Regenwürmer, Stöcke und Äste, so viel das Herz begehrt. Von wegen: ein schlecht gelauntes Kind läuft ständig mit den Worten „Gehn, gehn, gehn!“ in die entgegengesetzte Richtung oder setzt sich protestierend auf den Hosenboden. Hach, herrlich, diese Familienausflüge!

Ciao, Sohn!

Und wieder einmal müssen wir erkennen: es sind eben die kleinen, unspektakulären Dinge, die Kinderherzen höher schlagen lassen. Fast schon fassungslos sitzt man dann als eventhungrige Eltern auf der Couch und beobachtet das Kind, wie es sich über den halb verrosteten Frosch made in China (50 Cent beim Garagenflohmarkt der Nachbars­tochter) halb tot lacht, nachdem man ihn zum gefühlt 128sten Mal aufgezogen und über den Boden hüpfen hat lassen. Ciao, Sohn, wir sind dann mal Laternelaufen!