Kolumne „Mensch, Mutter“ Das unsympathische Kind

Manchmal erkennt man in dem altklugen Kind den besserwisserischen Kollegen von morgen.  Foto:yuryimaging – stock.adobe.com Foto:  
Manchmal erkennt man in dem altklugen Kind den besserwisserischen Kollegen von morgen. Foto:yuryimaging – stock.adobe.com

Unhöflich, zickig, naseweis, angeberisch – manche Kinder sind einem unsympathisch. Ist das schlimm?, fragt sich unsere Kolumnistin.

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Stuttgart - Bevor ich selbst Mutter geworden bin, konnte ich manche Kinder einfach nicht leiden. Zum Beispiel dieses Baby, das fast den ganzen Transatlantikflug durchgeheult hat. Oder den etwa Fünfjährigen, der mir auf einer Gartenparty bei jedem Gang zum Kühlschrank vorgerechnet hat, das wievielte Bier das jetzt sei. Oder die Kinder der Freunde, die uns Flecken auf die Ledercouch gemacht haben. Oder der Nachbarsjunge, der ständig mit seinen tollen Spielsachen angegeben hat. Oder die muffligen Teenager mit ihrer lauten Musik am Stadtbahnsteig. Oder, oder, oder.

Auf jeden Fall waren der Mann und ich uns einig, dass unsere Kinder niemals so laut, altklug, schmutzend, prahlerisch und unhöflich werden würden, wie die Kinder um uns herum.

Nun ja. Seit der Geburt unseres ersten Kindes vor fünf Jahren habe ich oft Abbitte geleistet. Bei den besagten Kindern. Und auch bei den Müttern und Vätern, denen ich totale Erziehungsunfähigkeit unterstellt hatte.

Schüchterne Kinder wirken oft unhöflich

Ich habe Abbitte geleistet, weil ich jetzt weiß, dass Eltern auf manches keinen Einfluss haben. Weil es zum Beispiel sehr schüchterne Kinder gibt, die dadurch oft ablehnend und unhöflich wirken. Weil Kinder mal gut und mal schlecht drauf sind – und das im Gegensatz zu Erwachsenen nicht unterdrücken können. Weil Kinder stolz sind auf das, was sie wissen, was sie können und besitzen. Und das auch gern weiter erzählen. Weil Kinder ungestüm sind, weil sie oft lachen und oft weinen müssen – und das so laut sie können. Kurz: Ich habe schätzen gelernt, dass Kinder authentisch und unverstellt sind, und dass sie noch nicht darüber nachdenken, wie das nun auf andere wirkt. Und dass das ja eigentlich etwas sehr Gutes ist.

Trotzdem glaube ich, dass es – ebenso wie unter Erwachsenen – auch Kinder gibt, die einem unsympathisch sind, mit denen man ganz einfach nicht harmoniert. Weil sie Charakterzüge haben, die einem nicht liegen. Weil man in der altklugen Fünfjährigen schon die besserwisserische Kollegin von morgen erkennt und in dem mimosenhaften Buben den hypersensible Vorgesetzten. Ich finde, das ist in Ordnung. Ich finde, man muss Kinder nicht nur deshalb mögen, weil sie Kinder sind.

Und das Ganze gibt es ja auch umgekehrt: Kürzlich sagte auf dem Spielplatz ein kleines Mädchen zu mir „Ich mag dich nicht.“ Erst war ich kurz getroffen. Aber dann fand ich das schon wieder sympathisch.

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Die Autorin Lisa Welzhofer ist Mutter zweier Kinder und lebt in Stuttgart. In ihrer Kolumne macht sie sich regelmäßig Gedanken über Kinder, Kessel und mehr.




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