Kolumne Reiner Ruf Die Macht der „Enthobenen“

Geld macht zunächst einmal reich und mächtig, dann vielleicht auch glücklich. Foto: dpa/Arne Dedert

Die Dax-Konzerne liefern Rekorddividenden. Auf den Finanzmärkten wird Geld geschaffen ohne einen Bezug zur Realwirtschaft. Die Inflation zehrt die Sparbücher auf. Banken wanken. Was zum Teufel stimmt da nicht?

Auf den Wirtschaftsseiten der Zeitungen fand sich vergangene Woche eine unscheinbare Meldung. Nach einer Erhebung der DZ-Bank – das ist das Zentralinstitut der Genossenschaftsbanken – schütten die hundert größten deutschen Börsenkonzerne einen neuen Rekordbetrag aus: 62 Milliarden Euro. Das ist ein Plus von zehn Prozent im Vergleich zum vorherigen Geschäftsjahr. Der Löwenanteil entfällt demnach auf die Autobranche, ganz vorne: Mercedes-Benz mit 5,6 Milliarden Euro.

 

Das ist viel Geld angesichts der Krisenstimmung, die uns drückt – so wie ein dichter Nebel über Talauen liegt. Von hier unten lässt sich nur ahnen, wie die Glücklichen oben auf den Gipfeln im hellen Licht der Sonne stehen und sich über der Wolkendecke von Bergspitze zu Bergspitze zuwinken. Ein Berliner Humboldt-Professor nannte diese Menschen, die ganz oben stehen, einmal „die Enthobenen“.

Wobei: Fragen darf man ja. Zum Beispiel, ob es nicht besser wäre, das Geld angesichts des riesigen Finanzbedarfs infolge der Transformation (Klimawandel, Digitalisierung) zu reinvestieren? Und weiter: Wieso bedienen sich Großkonzerne wie Daimler aus den Sozialkassen für die Finanzierung von Kurzarbeit, wenn so viel Geld übrig ist für die Dividende? Ihre mittelständischen Zulieferer ächzen unter Energiekosten und anderen Bedrängnissen. Zugegeben: Das sind dumme Gedanken. Gut, dass es Experten gibt, die uns die Zusammenhänge erklären. Schließlich können Unternehmen wie Daimler – ich bleibe beim alten Firmennamen – nur gedeihen, wenn ihnen die Aktionäre die Stange halten. Diejenigen unter den Anteilseignern, die das Sagen haben, sitzen am Persischen Golf, in China oder in den USA. Sie wollen Geld sehen. Daimlers Tradition, die Beschäftigten und deren Umfeld ist diesen Staats- und anderen Finanzfonds so egal wie das Wetter von gestern.

Negative Steuerpflicht

Die Treue der Shareholder erhöht sich, wenn sie noch mehr Dividende erhalten. Das wird möglich, wenn Großunternehmen weniger Steuern bezahlen oder idealiter überhaupt keine mehr. Um dies zu erreichen, halten sie sich Lobbyisten – oftmals gescheiterte Politiker mit guten Kontakten und dem Drang, endlich Kasse zu machen. Wenn das Downsizing im Steuersenkungswettbewerb so weitergeht, werden die TNCs – die Transnational Corporations respektive internationalen Großkonzerne – sich irgendwann dafür bezahlen lassen, dass sie einen Standort nicht aufgeben. Ich wüsste dafür einen Namen: negative Steuerpflicht. US-Präsident Joe Biden macht dies gerade mit seinem Inflation Reduction Act vor. Er zahlt Tesla Geld, dass Elon Musk die Batterien für Elektroautos in den USA produziert und nicht in Brandenburg. Steuern werden dennoch bezahlt: von den Beschäftigten.

Die US-Investmentgesellschaft Blackrock als größter Vermögensverwalter der Welt ist praktisch an allen führenden Dax-Konzernen beteiligt, bei etlichen als wichtigster Anteilseigner. Blackrock wiederum gehört großen US-Banken (Bank of America, Morgan Stanley, JP Morgan Chase) und Finanzdienstleistern, die ihrerseits Pensionskassen, Versicherungen oder Stiftungen bedienen. Umgekehrt hält Blackrock Anteile an Großbanken: eine enge Verschränkung.

Altes Geld, neues Geld

Die Wirtschaft braucht Banken als Kreditgeber und für vielerlei andere Dienste, etwa für die Absicherung von Währungsrisiken. Längst allerdings haben sich diese von nützlichen Gliedern der Gesellschaft in Zeitbomben verwandelt. Die Finanzindustrie ist dem realen Wirtschaftsgeschehen entfremdet. Geld wird mit Geld gemacht. Altes Geld vervielfacht sich spekulativ in neues Geld. Das sichert Macht: wahre Macht, die über Aufsichtsratssitze, Stiftungen, Familienverbände und Netzwerke ausgeübt wird. Das nennt man kapitalistische Herrschaft.

Noch ein Wort aus aktuellem Anlass: Weshalb die Credit Suisse in Not geriet, ist nicht hinreichend erklärt. Angeblich kaufte die Bank zu viele niedrig verzinste Staatsanleihen und wurde vom Zinsanstieg überrascht. Interessant. Seit Jahren steht in allen Zeitungen, dass es mit den Niedrigzinsen nicht endlos weitergeht. Bankmanager, die Millionen verdienen, haben das nicht mitbekommen? Erneut zittert die Welt, weil sich Banken verzocken. Ich will jetzt nicht Bert Brecht zitieren („Was ist der Einbruch in eine Bank gegen das Gründen einer Bank?“), aber den Hautgout des Spielcasinos bekommt die Branche nicht mehr los. Die Ungleichheit nimmt zu und zerstört die Demokratie.

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