Kolumne Reiner Ruf Ein scheues Lob für die Klimakleber

Klimakleber in Aktion. Gleich gibt’s Ärger. Foto: IMAGO//Aaron Karasek

Die Klimakleber zeigen: Viele Menschen glauben nicht mehr daran, dass die Politik die Umweltprobleme in den Griff bekommt. Das ist der wahre Grund, weshalb die Politiker aller Couleur wütend auf die Protestler sind.

Es gibt viele Wege, zu sich selbst zu finden. Die einen essen vegan und verbinden das mit Tierwohl und Klimaschutz, die anderen fahren einen kanariengelben Porsche und meinen, das sei Freiheit. Soignierte Herren zeigen bei offenem Verdeck ihren weißen Haarkranz. Bald werden sich im Straßenbild wieder verhärmte Gestalten Raum verschaffen, die ihr Rennrad treten, als wollten sie sich selbst überholen. Wer nicht mithalten kann, besteigt sein E-Bike in einem Trikot, das in allen Farben des Regenbogens leuchtet und den Embonpoint des stolzen Besitzers zur Geltung bringt.

 

Die Menschen sind zugleich wundervolle wie auch wunderliche Wesen, schlimm, wenn sie alle gleich wären. Manche setzen sich auf die Straße, um die Gefahren des fortschreitenden Klimawandels ins Blickfeld der Autofahrer zu rücken. Das allerdings ist rechtswidrig. Wer sich dabei auch noch festklebt, kommt schnell mit dem Strafrecht in Kontakt – zuvor aber möglicherweise schon mit aufgebrachten Fahrzeuglenkern, die die Protestler wegräumen. Klar, Zeit ist Geld, wer steht schon gern in einem Stau. Von denen gibt es eh schon genug, wenn auch aus ganz anderen Gründen, über die gründlich nachzudenken jedoch einfach keine Zeit bleibt.

Zusammenbruch aller bürgerlichen Werte

Lästig kann allerdings auch sein, bei über 1,90 Körperlänge im Parkhaus über den Beifahrersitz ans Steuer zu kriechen, weil ein überbreiter SUV die Fahrertür blockiert. Mulmig mag einem werden, beim Überholen eines Lastwagens auf der Autobahn mit 130 km/h im Rückspiegel zu beobachten, wie sich ein schwarzer Fliegenschiss in der Ferne plötzlich in ein Blitze schleuderndes Ungeheuer verwandelt. Doch solch kleine Unannehmlichkeiten bringt die Freiheit mit sich, das muss man verstehen. Anders verhält es sich mit dem Kleben auf Asphalt. Das ist Terrorismus, schenkt man der CSU Glauben. Die Restunion fürchtet den Zusammenbruch aller bürgerlicher Werte. Selbst der vergleichsweise besonnene hiesige Ministerpräsident Winfried Kretschmann sagte, er halte die Aktionen zur Durchsetzung eines allgemeinen Tempolimits auf Autobahnen oder eines 9-Euro-Ticket für „grotesk“. Kretschmann: „Wir sind ja auch mal auf die Straße gegangen, und zwar gegen Atomkraft und Atomwaffen und nicht wegen untergeordneter politischer Fragen mit begrenztem Effekt aufs Klima.“ Letzteres sieht das Umweltbundesamt inzwischen deutlich anders als der Ministerpräsident.

Kretschmann allerdings hält generell nichts von Verzicht. Worin er sich einig sieht mit Kanzler Olaf Scholz, der in der „taz“ kundtat, er sei „kein Anhänger der Verzichtserzählung“. Die Technik soll es richten. Scholz: „Ich bin überzeugt, dass wir es mit technologischer Modernisierung schaffen werden, kohlendioxidneutral zu wirtschaften, das Klima und unsere Ressourcen zu schonen und unseren Wohlstand zu erhalten.“ Das Kalkül: Nur niemand verärgern, denn das schafft nur Widerstand und gefährdet die Wahlchancen. Ungewollt problematisiert der Kanzler in dem Interview seine hoffnungsverheißende These selbst. Denn er fügte hinzu: „Denken Sie an das Auto, da hat es über die Jahre große Effizienzgewinne gegeben, die allerdings dadurch zunichtegemacht wurden, dass die Autos größer und schneller wurden.“ Genau so war es. So wird es auch bleiben. Die Elektroautos werden noch fetter, der Stromverbrauch mit der Digitalisierung aller Lebenszusammenhänge gigantisch. Rechenzentren benötigen riesige Strommengen, die Wasserstoffwirtschaft der Zukunft ebenfalls. Der Primat des „Immer weiser, immer größer, immer mehr“ zehrt die Effizienzgewinne auf. Die Gier siegt, der Fortschritt verschlingt sich selbst.

Verzicht und Verbot

Vielleicht wäre es hilfreich, dem Klebertum nicht mit Beschimpfungen zu begegnen, sondern mit Selbstbesinnung. Dann zeigt sich, dass das Vertrauen in die Steuerungsfähigkeit von Politik und Staat geschwunden ist. Eine Zahl von Menschen, die weit über den Kreis der Klimaaktivisten hinausgeht, traut Politik und Staat nicht mehr jene Gestaltungskraft zu, die nötig wäre, um den Klimawandel abzubremsen. Denn dies wird ohne Verzicht nicht gehen. Das sollten insbesondere auch jene bedenken, deren ökologischer Fußabdruck besonders groß ist, also reiche Menschen. Kretschmann setzt nicht nicht nur auf Technik, sondern auch auf Ordnungspolitik. Das ist ein Tarnbegriff für Marktzugang über den Preis. In der Folge bedeutet dies: Man muss nur genügend Geld haben, um bestimmte Umweltsauereien begehen zu dürfen. Eine Alternative Gentrifizierung des individuellen Umweltverhaltens sind Verbote. Aber das alles ist sehr viel schwieriger politisch durchzusetzen als ein paar Kleber zu beschimpfen.

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