„Mit wem warst du denn am Wochenende in den Bergen?“, fragt mich meine Mutter bei unserem wöchentlichen Telefonat. „Mit Lukas“, antworte ich und fange an von der schönen Wanderung und den leckeren Käsespätzle in der Hütte zu schwärmen. „Ach“, unterbricht sie meine Erzählung. Die Tonlage des „Achs“ sagt mir schon alles. Sie fängt an, mich mit Fragen über Lukas auszuquetschen: „Und hat der Lukas eine Freundin? Was macht der Lukas beruflich?“ Wahrscheinlich hört sie schon die Hochzeitsglocken klingeln. Ich bin genervt.
Lukas ist ein guter Freund, wir kennen uns seit Jahren. Genauso wie ungefähr eine Handvoll anderer Männer, mit denen ich gut befreundet bin und regelmäßig etwas unternehme. Wir kennen uns entweder vom Studium, haben zusammen in WGs gewohnt oder gemeinsame Bekannte. Wir gehen zusammen feiern, Sport machen oder Kaffeetrinken. Was man eben mit Freund:innen so macht. Mal sind wir in größeren Gruppen unterwegs, mal zu zweit oder zu dritt. Kein großes Ding, finde ich.
Harry und Sally – längst überholt, oder?!
Doch Freundschaften zwischen Männern und Frauen sind nicht für alle so selbstverständlich. Das merke ich immer wieder. Viele sehen das eher so wie Harry in der bekannten Liebeskomödie „Harry und Sally“, der sagte: „Männer und Frauen können nie Freunde sein. Der Sex kommt ihnen immer wieder dazwischen.“ Der Film ist aber aus dem Jahr 1989. 34 Jahr später ticken die Uhren anders – oder?
Die Frau, die mir nach der Wanderung meine Kässpätzle serviert, sieht das anders. Sie ist sichtlich verwirrt als Lukas und ich getrennte Rechnungen verlangen. Und auch die Wissenschaft steht nicht einstimmig auf meiner Seite. So kam eine Studie aus dem Jahr 2012, die 88 befreundete Paare befragte, zu dem Ergebnis, dass in gemischtgeschlechtlichen Freundschaften sehr häufig eine Anziehungskraft bestünde. Vor allem die Männer fühlten sich von ihren weiblichen Kumpels angezogen.
Sind also alle meine männlichen Freunde heimlich in mich verliebt oder wollen mit mir schlafen?
Eins plus eins ergeben nicht immer zwei
Ziemlich sicher: Nein. Es ist eine sehr heteronormative Sichtweise zu behaupten, Männer und Frauen können niemals Freund:innen sein. Schon allein deshalb, weil es Freundschaften mit oder unter LSBTIQ* komplett unbeachtet lässt und eine Pauschalisierung versucht, wo keine möglich ist: Ich war schon mal in einen Kumpel verknallt, er nicht in mich. Ein Kumpel war schon mal in mich verknallt, ich nicht in ihn. Ich war schon mal in einen Kumpel verknallt, er auch in mich und wir wurden ein Liebespaar. Und ganz oft waren wir einfach nur befreundet.
Warum ich das alles aufschreibe? Weil dieses Klischee, dass Männer und Frauen nicht befreundet sein können, mein Datingleben erschwert. Ich bin gerne mit den Jungs unterwegs, doch wenn ich mit einem oder mehreren meiner Kumpels feiern gehe, weiß ich: Heute Abend wird mich kein anderer Kerl anflirten. Da hilft auch intensiver Augenkontakt aus der Ferne oder ein nettes Lächeln nicht. Sie sehen den anderen Mann an meiner Seite, zählen ein und eins zusammen und bekommen zwei raus, obwohl die Rechnung falsch ist.
Anders herum haben meine männlichen Kumpels das gleiche Problem. Und ja, ich weiß, dass die Angst vor einem Korb hier berechtigt ist. Denn oft handelt es sich bei einem Mann und einer Frau eben um ein Liebespaar, aber häufig eben auch nicht. Deshalb go for it! Sprich mich an, auch wenn ich in einer Gruppe von Männern unterwegs bin. Ich versuche das in Zukunft auch zu machen und dich trotz deiner besten Freundin, die mit dir an der Bar sitzt, anzuflirten. Vielleicht nicht ganz so offensiv. Siehst du dieses Lächeln? Ja, ich meine dich.