Ganz sicher kennt jede:r diese Situation: Es gibt einen Menschen, der einem immer wieder und wie selbstverständlich über den Weg läuft. Sei es die super nette Frau in der Bäckerei, die einen jeden Morgen mit dem lebenswichtigen ersten Kaffee versorgt oder der süße Typ, der in der Unibibliothek immer am Nebentisch sitzt. Die Blicke treffen sich – erst ganz flüchtig, dann immer häufiger. Man lächelt sich an, fängt an sich zu grüßen und bewusst die Nähe zu suchen. Eine echte Blickkontakt-Romanze eben. Zugegeben, diesen Begriff habe ich mir ausgedacht aber er trifft eigentlich ganz gut, was ich beschreiben will.
Diese Personen sind eigentlich kein Teil deines Lebens– aber irgendwie schon. Wenn er oder sie mal nicht da ist, macht man sich Sorgen und wundert sich, wo er oder sie nur steckt. Aber mehr wird aus dieser kleinen Spielerei meist nicht. Ausreden wie: „Der ist sicher schon vergeben, so süß wie er ist“, „Ich kann sie hier vor all den anderen Leuten doch nicht ansprechen“ oder „Woher soll ich wissen, ob er überhaupt auch so empfindet wie ich?“ hindern fast immer die Chance auf eine echte Romanze.
Zu meiner Schulzeit stieg jeden Morgen ein junger Mann eine Haltestelle nach mir in die S-Bahn ein. Und fast jeden Morgen setzte er sich direkt gegenüber von mir hin. Am Anfang dachte ich noch: „Oh, nett!“ Als sich unsere Blicke öfter trafen und das regelmäßig passierte, wurde da irgendwie so ein Ding draus. Ich nahm mir täglich vor, ihm meine Handynummer zuzustecken – wie im Film – aber der Mut verlies mich jedes Mal und irgendwann war das Schuljahr vorbei und meine Blickkontakt-Romanze vorüber. Na ja, das Gute ist, dass solche „Trennungen“ eigentlich immer ohne Herzschmerz und Liebeskummer auskommen. In solchen Situationen mutiger zu sein, war dennoch mein Ziel.
Der Banktyp
Frisch nach Stuttgart gezogen, bekam ich die Chance dazu. Ich lief jeden Morgen die gleiche Runde mit meinem Hund. Eines Morgens saß auf einer Bank am Waldeingang ein Typ, etwa Ende 20, und trank seinen Tee in der Sonne. Er grüßte mich und war hin und weg von meinem Hund. Immer häufiger begegneten wir uns an der Bank und in meinem Freundeskreis wurde er schnell zum „Banktyp“ über den viel diskutiert wurde. Auch an anderen Orten in der Umgebung trafen wir uns zufällig und er gefiel mir immer besser, wie er mit seinen Schuhen in der Hand, barfuß durch die Sonne ging und so verträumt aussah. Wir grüßten uns, lächelten uns an und wechselten ab und zu ein paar Worte. Es war schon fast gruselig, wie oft wir uns über den Weg liefen und ich dachte, da müssen höhere Mächte im Spiel sein, die mir ein Zeichen geben. Da muss gehandelt werden!
Spontaner Mutausbruch
Ich fand heraus, dass er direkt gegenüber der Bank wohnte und welches Auto seins war. Ja, das klingt irgendwie creepy, aber das war echt Zufall – ich schwöre! Also schrieb ich eine Postkarte mit meiner Handynummer drauf, steckte sie an die Windschutzscheibe seines Autos und wartete. Das klingt jetzt so entspannt. Eigentlich hab ich das Papier extra in Klarsichtfolie eingewickelt falls es regnet, bin in geduckter Haltung ans Auto geschlichen, hab mit zittrigen Händen die Karte befestigt und bin mit klopfendem Herzen schnell weggerannt. Aber es hat sich gelohnt, denn tatsächlich war am nächsten Morgen eine nette Nachricht von ihm auf meinem Telefon. Wir trafen uns immer noch zufällig und unterhielten uns, er spielte mit meinem Hund und aus der Blickkontakt-Romanze wurde irgendwie mehr. Man musste nicht mehr auf den Zufall hoffen, sondern konnte sich Nachrichten schreiben. Und das taten wir. Am Anfang häufiger, später nur noch alle paar Wochen. Ich traue mich gar nicht zu sagen, dass sich diese Blickkontakt-Romanze über fast zwei Jahre zog. Mal mit mehr, mal mit weniger Begegnungen.
Auch wenn da dieses Mal nicht wirklich mehr daraus wurde, bin ich froh, so mutig gewesen zu sein, den ersten Schritt zu machen. Denn die Gespräche, Treffen und Begegnungen waren immer schön. Ich glaube er ist mittlerweile umgezogen – ohne sich zu verabschieden. Aber wie gesagt, das Großartige ist, dass es bei dieser Art von Romanze keine Tränen gibt. Aus den Augen, aus dem Sinn.
Diese Kolumne erschien erstmals am 25. Juni 2023.