Als ich die Serie zum ersten Mal angeschaut habe, war ich in einer Beziehung. Ich fand die Folgen lustig, die Hauptdarstellerin Johanne eine krasse Powerfrau, an das Single-Shaming, das sie ertragen musste, konnte ich mich selbst nur vage erinnern. Schließlich war es ein paar Jahre her, dass ich an den Feiertagen allein war.
Bitte kein Selbstmitleid!
Als ich „Weihnachten zu Hause“ zum zweiten Mal anschaute, war ich relativ frisch von meinem damaligen Freund getrennt. Die arme Johanne, die am Kindertisch zwischen den Zwillingen sitzen musste, während ihre Geschwister mit den perfekten Familien anrückten. Ihre vielen unangenehmen Dates, während der verzweifelten Suche nach Liebe. Der Fuck-Boy, der ihr das Herz brach, als er einen andere küsste. Ach, war das alles traurig. Ich heulte Rotz und Wasser und brach die Serie nach der Hälfte ab, weil es mich zu sehr an mein eigenes einsames Weihnachtsfest erinnerte.
In diesem Jahr bin ich genau so alt wie Johanne und nach wie vor Single. Doch im Gegensatz zum letzten Jahr muss ich nicht mehr ständig weinen, wenn ich Johanne bei ihrer verzweifelten Suche nach dem Mann für den Weihnachtsbaum zuschaue. Klar, wenn ihre beste Freundin nach Spanien auswandert, kommen mir immer noch die Tränen (ich bin eine emotionale TV-Schauerin). Doch ich bemitleide mich nicht mehr selbst darum, dass ich an den Festtagen (höchstwahrscheinlich) allein sein werde. Viel eher lache ich über die betrunkene Johanne, die an das Geschäft derjenigen Frau pinkelt, mit der ihr Ex fremdgegangen ist und denke immer wieder: Ach Johanne, es ist nicht so schlimm, an Heiligabend allein zu sein.
Cuffing-Season is on
Die Netflix-Serie beschreibt kein unbekanntes Phänomen: Draußen ist es kalt, die Tage sind kürzer und anstatt ins Freibad und auf Open-Air-Konzerte zu gehen, verlagert sich das Leben in die Innenräume. Die Weihnachtszeit ist geprägt von Veranstaltungen, bei denen es oftmals schöner ist, eine Partnerin oder einen Partner dabei zu haben: Kinobesuche oder Netflix-Abende auf der Couch, die Firmenfeier mit plus Eins oder die Feiertage mit Familie und Freund:innen. Viele suchen sich deshalb jemanden zum gemeinsamen Überwintern.
Aber was soll ich sagen, es geht auch ohne. So schön weihnachtlich dekoriert war meine Wohnung noch nie. Ich lade gerade in den Wochen vor Weihnachten regelmäßig Freund:innen zum Punsch trinken oder für Brettspiele ein. Wenn mir danach ist, kann ich den ganzen Sonntag auf dem Sofa liegen und Wintersport oder kitschige Weihnachtsserien anschauen, ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen. Weihnachten als Single ist nicht schöner, das wäre gelogen, aber es ist anders schön.
Ein Fest der Selbstliebe
Nicht ohne Grund finden die meisten Trennungen kurz vor oder kurz nach Weihnachten statt. Weihnachten ist nicht immer nur besinnlich, sondern auch stressig – vor allem, wenn man gleich zwei Großfamilien an den Feiertagen besuchen und doppelt so viele Geschenke organisieren muss – und das noch on Top zum Stress im Job und den ganzen Weihnachtsfeiern. Da wird das Fest der Liebe ganz schnell zum Fest der Krise.
Bei mir wird es dieses Jahr ein Fest der Selbstliebe. Und die verbleibenden Tage bis zum großen Familienfest werde ich dafür nutzen, um mir eine gepfefferte Retourkutsche bei dummen Kommentaren von Onkels und Co. zu meinem Singledasein zu überlegen. Zwillinge gibt es bei uns zum Glück keine.