Liebe auf den ersten Blick
Gustavo Matosas hatte also viele gute Gründe, als er voriges Jahr seine Heimat Uruguay verließ und das Amt des Nationaltrainers von Costa Rica übernahm. Es war Liebe auf den ersten Blick, jedenfalls bis letzten Mittwoch: Da bat Matosas zur Pressekonferenz, und alle dachten, er wolle die Aufstellung für das Länderspiel gegen Uruguay bekannt gegeben – aber stattdessen trat er zurück, und das auf der Stelle.
Wegen Langeweile.
„Dieser Job ist nichts für mich. Man fühlt sich gelangweilt, kommt sich ständig vor wie im Urlaub und kann nichts Produktives leisten“, stöhnte der Unterforderte, unterdrückte ein Gähnen – und flüchtete.
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Die moderne Medizin ist sich einig: Matosas leidet an einem schweren Fall von Bore-out, einer neuen, bisher nur unzureichend erforschten Krankheit. Offenbar werden bevorzugt Nationaltrainer davon befallen, während Vereinstrainer eher das Gegenteil heimsucht: der Burn-out. Ralf Rangnick trat einst bei Schalke 04 über Nacht zurück, er fühlte sich ausgebrannt und überfordert. Matosas beklagt jetzt die gegensätzlichen Symptome, wie Leere und Antriebslosigkeit – also die volle Palette der gefühlten Sinnlosigkeit.
Nationaltrainer? Bore-out-Gefahr!
Ein Bore-out, behaupten Forscher, lässt sich für eine Weile gut tarnen, und wer betroffen ist, kann sich zunächst etwas vormachen. Ein Nationaltrainer beispielsweise tröstet sich gegen die Langeweile mit den Schokoladenseiten seines Jobs: Er hat a) endlich Zeit für Frau und Kinder, kann b) bis zum nächsten Spiel wochenlang abtauchen und Rücktrittsforderungen aussitzen, bis Gras drüber wächst – aber vor allem werden ihm c) die besten Spieler des Landes auf dem Tablett serviert. Scharenweise laufen ihm die Kanonen zu, alle in Topform, er muss dann nur noch würfeln für die Aufstellung.
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In Costa Rica fallen die Talente wie Kokosnüsse von den Palmen, direkt in den Schoß des Nationaltrainers – und hier in Deutschland sind die Voraussetzungen noch wesentlich günstiger. Was das heißt, hat keiner besser erklärt als unser letzter Kaiser. Franz Beckenbauer hatte uns 1990 gerade zum Weltmeister gemacht, und als dann Berti Vogts seine Nachfolge antrat, tröstete der Franz das besorgte Volk: „Ob Berti Vogts auf der Bank sitzt oder Kanzler Kohl, ist wurscht.“
Das kann auch der Busfahrer
Seither ist klar: Die Nationalmannschaft kann auch der Busfahrer trainieren. Die Spieler sind so gut, dass ein Trainer nur stört. Beckenbauer war seinerzeit genau der Richtige, ein Privatier ohne Lizenz. Er klatschte vor dem Anpfiff in der Kabine kurz in die Hände und sagte: „Geht’s raus und spielt’s.“ Selbst wenn ein Bundestrainer zweimal krank ausfällt, ist das kein Beinbruch, dann gewinnt als Notnagel halt sein Co-Trainer geschwind 2:0 und 8:0, wie unlängst Marcus Sorg. „Glückwunsch vom Bundestrainer“, sagte Sorg hinterher zur Mannschaft – die hätte das Fehlen von Joachim Löw sonst womöglich gar nicht bemerkt.
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Das ist es, was Matosas in Costa Rica an die Nieren ging. Doch mannhaft hat er sich gegen die Sinnfrage noch eine Zeit lang gestemmt und das öde Gefühl der Nutzlosigkeit ausgetrickst mit raffinierten Methoden der Arbeitsbeschaffung, wie sie heutzutage zum Standardrepertoire jedes Nationaltrainers gehören: Stundenlang Videos anschauen, das Mannschaftsessen vorkosten, schweißtreibende Telefonkonferenzen mit Scouts, Sponsoren und Ernährungsberatern, Hintergrundgespräche an der Hotelbar mit dem Zeugwart („Schraubst du morgen die hohen oder die flachen Stollen drauf?“) – und vor allem natürlich die intensiven TV-Interviews, in denen ein Nationaltrainer abwechselnd erklärt, warum er an den Routiniers X, Y und Z wegen Unersetzlichkeit eisern festhält, aber dann doch lieber die Jungen nimmt.
Manche Menschen tun nichts...
Manche Menschen tun nichts, aber sie tun es auf eine faszinierende Weise, behaupten kluge Köpfe. Jedenfalls haben Nationaltrainer allerhand zu tun – und sind nach der Arbeit dann müde von nichts.
Vereinstrainer würden an diesem Leben verrecken. Guardiola, Klopp oder Zidane müssen täglich das Gras fressen und den Schweiß riechen, sie brauchen den wöchentlichen Kick wie die Luft zum Atmen, und zuverlässig wie die Pfarrer von der Kanzel predigen sie zu ihren Spielern das Wort zum Sonntag, um sie besser zu machen. Nationaltrainer? „Vielleicht später“, sagt Klopp. Also kurz vor der Rente.
Für Matosas wurde die Langeweile und Unterforderung irgendwann unerträglich. Wenn nicht erstunken und erlogen ist, was seine Nachbarschaft munkelt, hat er unablässig das Haus renoviert, das Dach neu gedeckt, den Rasen gemäht, die Reifen gewechselt, den Dackel Gassi geführt und den Rest der Zeit vollends totgeschlagen mit Helikopterskifahren in Alaska, Kreuzfahrten in die Karibik, einsamen Gebirgsbachbegehungen im Zillertal oder ausschweifenden Opernbesuchen. Gefährlich wird es für jeden Nationaltrainer aber spätestens, wenn die Frau beim Frühstück fragt: „Schatz, wolltest du dir nicht auch die Schuhe gelegentlich neu besohlen lassen?“
Das Leben ist zu kurz
Gustavo Matosas hat diese Qual fast ein Jahr lang tapfer ertragen. Jetzt ist er 52 und spürt: Das Leben ist zu kurz, um schlechten Wein zu trinken oder es als Nationaltrainer zu verplempern. Einen mexikanischen Club will er übernehmen. Der gilt zwar nur als mittelmäßig, aber dafür muss Matosas nicht länger mit der Angst leben, dass einmal auf seinem Grabstein steht: „Er starb an Langeweile.“