Kolumne von Peter Glaser Die Ewigmorgigen

Von Peter Glaser 

Computer mit Bildschirmen? Die sind für Anfänger, hieß es in den 50er Jahren. Wer damals etwas auf sich hielt, arbeitete mit Lochkarten. Die Zeiten haben sich geändert – doch die Gurus spotten noch immer über die Leute, die vom Digitalen nichts verstehen.

Computer mit Monitor? Für echte Experten war das in den 50er Jahren nichts. Sie kannten sich schließlich mit Lochkarten aus. Foto: Achim Zweygarth
Computer mit Monitor? Für echte Experten war das in den 50er Jahren nichts. Sie kannten sich schließlich mit Lochkarten aus. Foto: Achim Zweygarth

Stuttgart - Es gibt eine bestimmte Art von Hohn, der manchmal aus dem Netz tönt und auf die Höhnenden zurückfällt. Es ist der bräsige Ton der Auskenner. Der Avantgarde der Hightech-Spießer. Der Ewigmorgigen. Als in den Fünfzigerjahren Bildschirme für Computer eingeführt wurden, wiesen die Ewigmorgigen diese Zumutung von sich. Denn was sollte man von Menschen halten, die keine Ahnung vom Lochkartenstanzen haben? Als in den Siebzigerjahren das Betriebssystem Unix seinen Siegeszug durch die akademisch-digitale Welt antrat, entstand eine neue Art von Gurutum. Unix war komplex und unerlässlich, um ein Netzwerkprotokoll namens „Internet“ zu bedienen. Zugleich gab es eine neue Art von blutigen Anfängern, die ihre Spielzeugcomputer („PC“, „Macintosh“) mit fahrbaren Hilfetasten für Idioten bedienten („Maus“).

1993 dann der Schock: Marc Andreessen programmierte Netscape, den ersten visuellen Browser, den sogar ältere Damen mit Hut nach zehn Minuten bedienen konnten – ohne jemals etwas von Unix gehört haben zu müssen. Diese schwere narzisstische Kränkung führte bei manchem Guru dazu, dass er sich auf die nächstunverständliche Seinsebene zurückzog (Linux) und von dort aus weiter gegen die Ahnungslosen wetterte. Als Mitte der Neunziger AOL massenhaft neugierigen Modemneubesitzern Zugang zu den Debattenbereichen im Usenet verschaffte, ließen die Alteingesessenen die Neuen ihren Missmut spüren – die „Newbies“ wurden abgekanzelt und für den Untergang des digitalen Abendlandes verantwortlich gemacht.

Früher war alles besser.

Aber es ist kein Verdienst, schon ganz früh dabei gewesen zu sein. Niemandem nützt es heute noch etwas, wenn er erfährt, wie man eine virtuelle Lochkartenstanze in einem IBM-Mainframe bedient oder auf einem C64 in Assembler programmiert. Das Wissen über die digitale Welt wird immer schneller historisch. Erinnert sich noch jemand an Second Life? Siehste. Bei Vielem geht es nicht darum, Erster zu sein, sondern den richtigen Moment zu erwischen. Andreessen hat mit seinem Netscape-Browser den richtigen Moment erwischt. Linus Torvalds mit Linux. Sergey Brin und Larry Page mit Google.

Und wenn wir möchten, dass alle so von Technologie begeistert sind wie die Enthusiasten unter uns, müssen wir dafür sorgen, dass auch alle an dieser interessanten Reise in die Zukunft teilnehmen können. Es ist ein weltweites soziales, kulturelles und ökonomisches Experiment, das nun im Internet stattfindet (und ein Experimentierfeld für Geheimdienste und das Militär, das schon an seiner Entstehung beteiligt war). Überall auf der Welt versuchen Menschen zu lernen, wie man online miteinander umgehen kann. Wie man im Internet leben kann. Hohn ist der falsche Ton, vor allem denen gegenüber, die tatsächlich noch nicht mit dabei sind. Wir sollten alle einladen in diesen neuen Weltteil, der vielen von uns so wichtig ist.